Nachruf hinaus Béla tarr: Ein negativer Prophet

Über Menschen, die ein besonders konzentriertes oder reduziertes Erzählkino mögen, ist ein höhnisches Klischee im Umlauf: Sie würden am liebsten einem Glas Wasser dabei zusehen, wie es durch Verdunstung allmählich leerer wird. Und das über Stunden und natürlich in Schwarz-Weiß. Die Filme, mit denen der ungarische Regisseur Béla Tarr berühmt wurde, kommen diesem Ideal eines „slow cinema“ radikal nahe. Zuvorderst der Monolith, der 1994 im Forum der Berlinale präsentiert wurde: „Satanstango“ dauert siebeneinhalb Stunden, und viele Minuten in diesen Stunden vergehen damit, dass jemand aus einer unwirtlichen Behausung einen Blick nach draußen wirft, auf eine flache Landschaft, auf die es unerbittlich regnet.

In diese nahezu stillstehende Zeit fällt allerdings ein Schimmer von Hoffnung: Ein gefährlicher Charismatiker namens Irimiás soll in das Dorf zurückkehren. Und während der lokale Arzt Ewigkeiten braucht, seinen Schnapsvorrat zu erneuern, wird „Sátántangó“ dann doch zu einer vollständigen, wenngleich eben drastisch entschleunigten Erzählung von einem Land, das sich aus dem Morast seines im Kommunismus zerstörten Zukunftssinns kaum mehr zu befreien vermag.

Menschen sind besondere Tiere

Béla Tarr hatte für sein Opus magnum eine kongeniale Vorlage: einen gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai, mit dem er davor auch schon „Verdammnis“ (1988) gemacht hatte und danach noch „Die Werckmeister-Harmonien“ (2000), „Der Mann aus London“ (2007) und schließlich „Das Turiner Pferd“ (2011). Alle diese Adaptionen beruhen auf einer maximalen Erstreckung der Vorstellungskraft: denn Krasznahorkai, der dieses Jahr endlich den verdienten Nobelpreis bekam, ist ja im Grunde ein Sprachartist, jedoch mit einem Hang zum Allegorischen, wie ihn übrigens nicht zuletzt das ungarische Kino eines Miklós Jancsó suggerierte.

Tarr wiederum ging von der latenten Phantastik der Bücher aus und versetzte sie vor seiner Kamera in einen Schwebezustand zwischen äußerster Konkretion und symbolischer Aufladung. Die Menschen sind in dieser Vision von den Tieren und der Erde kaum zu trennen, und wie „Satanstango“ mit einer Viehherde begann, so endete Tarrs filmisches Werk 2011 mit dem Leidensweg eines Pferds und der Implikation, dass der Wahnsinn Nietzsches wohl nicht nur für ihn die folgerichtigste aller Reaktionen auf die Welt wäre.

Tarr erklärte damals nach „Das Turiner Pferd“ seinen Rückzug von der Filmkunst und hielt sich auch weitgehend daran. „Missing People“ (2019) gehört eher in die Welt des Theaters, die Wiener Festwochen hatten ihm einen Auftrag erteilt, und Tarr hatte 250 obdachlose Menschen für ein Projekt zusammengeholt. In gewisser Hinsicht schloss er damit an seine künstlerischen Anfänge an, als er in Budapest in den Siebzigerjahren mit Geschichten über „einfache“ Menschen begann. Die Begegnung mit Krasznahorkai inspirierte ihn zu einer stärkeren Betonung der formalen Aspekte des Kinos, die er dann zum Beispiel in einer Plansequenz (in einer langen, ununterbrochenen Kamerafahrt) in „Die Werckmeister-Harmonien“ zu einsamer Meisterschaft trieb.

Zu dem politischen Regime von Viktor Orbán blieb Tarr, der auch enge Beziehungen zu Berlin unterhielt und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) ein einflussreicher Lehrer war, immer auf Distanz. Sein eigenes Ungarn blieb einer forcierten ästhetischen Autonomie verhaftet, zu der nicht nur der Kommunismus, sondern sogar mehr noch das allein übrig gebliebene kapitalistische Weltsystem geradezu zwingt. Béla Tarr war, wie die Figur des Irimiás in „Satanstango“, ein negativer Prophet. Am Dienstag ist er nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren gestorben.

Source: faz.net