Am Brandenburger Raffineriestandort Schwedt soll die bislang größte Produktionsanlage für nachhaltige Flugkraftstoffe in Deutschland entstehen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat der Umsetzung des knapp 500 Millionen Euro schweren Projekts Concrete Chemicals am Standort der PCK Raffinerie Schwedt zugestimmt. Der Bund und das Land Brandenburg hatten im vergangenen Jahr bereits Fördermittel in Höhe von 350 Millionen Euro zugesagt. Die Prüfung durch die Europäische Kommission befinde sich in der finalen Phase. Ursprünglich wollten die Projektpartner Enertrag und Zaffra die Anlage am Standort des Zementherstellers Cemex in Rüdersdorf bei Berlin errichten.
Das Brandenburger Energieunternehmen Enertrag und der niederländische Projektpartner Zaffra, ein Gemeinschaftsunternehmen des südafrikanischen Treibstoffherstellers Sasol und des Raffineriedienstleisters Topsoe aus Dänemark, arbeiten im Rahmen des von der Europäischen Kommission als „Important Project of Common European Interest“ (IPCEI) genehmigten Projekts in der Concrete Chemicals GmbH zusammen. In Schwedt wollen sie unter anderem einen Elektrolyseur zur Herstellung von grünem Wasserstoff sowie eine Fischer-Tropsch-Anlage für die Produktion von synthetischen Flugkraftstoffen aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid im Industriemaßstab errichten. Eine endgültige Investitionsentscheidung soll 2027 fallen.
Schon 2030 könnten bis zu 30.000 Tonnen E-Kerosin und E-Naphta produziert werden. Damit könnte das Projekt in Schwedt einen signifikanten Beitrag zur Erfüllung der Beimischungsvorgaben von nachhaltigen Flugkraftstoffen im Rahmen der ReFuelEU-Aviation-Verordnung in Deutschland leisten. Für den Raffineriestandort Schwedt, der seit Anfang 2023 von russischem Rohöl abgeschnitten ist und auch wegen der ungeklärten Eigentumsverhältnisse mit dem russischen Ölkonzern Rosneft als unter Treuhand stehendem Mehrheitseigentümer der PCK Raffinerie vor einer ungewissen Zukunft steht, könnte das Projekt den Einstieg in den Umbau vom petrochemischen zum elektrochemischen Standort markieren.
Neues Geschäftsmodell für Raffineriestandort
„Es geht darum, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, zum Beispiel die Entwicklung von synthetischen Kraftstoffen für den Luftverkehr“, sagte Franz Wetzel, Beamteter Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Ende Juli nach der bisher letzten Sitzung der Task Force PCK der Landesregierung in Potsdam. Eine Machbarkeitsstudie für einen milliardenschweren Umbau des Standorts in diese Richtung hatte die PCK Raffinerie schon im Frühling 2023 zusammen mit Enertrag vorgestellt. „Wir haben die Voraussetzungen, um ein bundesweit einzigartiges Transformationsprojekt umzusetzen“, sagte PCK-Geschäftsführer Ralf Schairer Ende Juli in Potsdam. „Wir sind davon überzeugt, dass Schwedt einer der wichtigsten Standorte für die Herstellung von synthetischem Kerosin sein wird“, sagte Enertrag-Vorstand Tobias Bischof-Niemz der F.A.Z.
Im Industriepark in Schwedt würden für die Ansiedlung des Projektes Concrete Chemicals Flächen bereitgestellt, die im Besitz der PCK Schwedt sind, teilte das brandenburgische Wirtschaftsministerium am Donnerstag mit. Ob das Projekt auf dem Gelände der PCK Raffinerie oder auf anderen Gewerbeflächen umgesetzt wird, ist dem Vernehmen nach aber noch offen. Denn die Treuhandverwaltung über die Vermögenswerte der deutschen Tochtergesellschaften von Rosneft durch die Bundesnetzagentur, die vom Bundeswirtschaftsministerium im September 2022 zunächst für sechs Monate angeordnet wurde und seither sechsmal um jeweils ein halbes Jahr verlängert wurde, erschwert für externe Investoren wie Concrete Chemicals die rechtssichere Nutzung des Geländes.
Unabhängig davon plant das Konsortium eine Kooperation mit dem Werk des Papier- und Kartonherstellers Leipa in Schwedt, das Kohlendioxid aus dem natürlichen Kohlenstoffkreislauf für die Herstellung von synthetischem Flugkraftstoff liefern könnte. Für den Standort spricht außerdem das Potential für den Zubau erneuerbarer Energien in der Region. Das ist eine Voraussetzung für die Produktion von grünem Wasserstoff, der bei der Herstellung von nachhaltigem Flugkraftstoff im Power-to-liquid-Verfahren als Synthesegas zum Einsatz kommt.