Es dauert eine Weile, bis die Menschen in Budapest am Sonntagabend ihr Glück fassen können. Bis sich der Jubel Bahn bricht und die Stadt in einem Freudentaumel versinkt. Bis die ausgelassene Menge auf der Kettenbrücke tanzt und junge Männer die mächtigen Stahlträger des Bauwerks erklimmen. Und bis Junge und Alte in den Gassen mit Straßenmusikern singen und hupende Autos durch die Stadt rasen.
Ein paar hundert, vielleicht wenige tausend waren es anfangs nur, die kurz nach Schließung der Wahllokale um 19 Uhr zum „Picknick“ der oppositionellen Tisza-Partei ans Donauufer gekommen waren. Zwischen Fressbuden und Bierständen konnten sie auf Großbildschirmen die ersten Zwischenergebnisse verfolgen. Aber das ungarische Wahlrecht ist kompliziert und Prognosen sind schwierig, weshalb jeder wusste, dass man sich nicht zu früh freuen dürfe.
Ein Raunen geht um: Orbán gesteht seine Niederlage ein
Dann strömten in der Abenddämmerung immer mehr Menschen zum Batthyány Platz auf der gegenüberliegenden Seite des Parlaments. Und mit jedem Zwischenstand wurde deutlicher, dass dies ein besonderer Abend werden würde. Vor allem in den ländlichen Gegenden, die früher als uneinnehmbare Hochburgen des regierenden Fidesz galten, färbten sich mehr und mehr Wahlkreise ins Blau der Tisza. Doch noch wusste niemand, wie der Abend ausgehen würde, zumal führende Fidesz-Politiker am Nachmittag noch Gerüchte gestreut hatten, die Opposition bereite gewaltsamen Unruhen vor, was so klang, als würde die Regierung hier schon vorbauen, um eine Wahlniederlage nicht zu akzeptieren.
Dann macht die Nachricht die Runde, dass Ministerpräsident Viktor Orbán Oppositionsführer Péter Magyar tatsächlich zum Sieg gratuliert habe. Kurz darauf schalten die Bildschirme zur Wahlparty des Fidesz. Tatsächlich steht dort Orbán, der das Land über 16 Jahre mit fast absoluter Macht regiert hatte, im Kreise seiner engsten Mitarbeiter und spricht mit abgekämpfter Stimme die erlösenden Worte: Das Wahlergebnis sei „schmerzhaft, aber eindeutig“, sagt Orbán. „Ich habe der siegreichen Partei gratuliert“, er werde künftig „hart aus der Opposition heraus arbeiten“.
Es wirkt, als brauche die Nachricht noch, um wirklich in den Köpfen anzukommen. So schnell hatte kaum jemand mit einem klaren Ergebnis gerechnet. Vor allem hatten viele Oppositionsanhänger dem Ministerpräsident nicht zugetraut, dass er seine Niederlage eingestehen werde.
Fast unschlüssig, wie man mit diesen Worten umgehen und ob man sie wirklich glauben solle, drängen sich die Menschen auf der immer voller werdenden Promenade. Und noch ist nicht klar, ob Magyars Tisza-Partei wirklich die Sensation schaffen wird, durch eine große Zahl von Direktmandaten auf eine Zweidrittelmehrheit zu kommen, die so nötig ist, um wirkliche Veränderung im Land zu erreichen. Denn Orbán hatte seinen illiberalen Staatsumbau verfassungsrechtlich so abgesichert, dass eine einfache Mehrheit im Parlament kaum etwas gegen seine verbliebenen Machtbastionen in den Institutionen wie dem Verfassungsgericht ausrichten könnte.
Fassbar wird es für die meisten erst, als um 22:30 Uhr die Musik hochgedreht wird und die Bildschirme den Eingang eines Hotels an der Promenade zeigen, in dem Tisza-Chef Magyar auf die Ergebnisse gewartet hatte. Das Kreischen, der Jubel, verdichten sich, zahllose Handys recken sich in die Höhe. Dann kommt der 45 Jahre alte Magyar, wie auf all seinen Wahlkampfauftritten mit einer ungarischen Fahne in der Hand, durch die Menge geschritten bis hinunter zum Flussufer, wo eine Bühne für ihn wartet. Er wirkt ergriffen und erschöpft, aber es ist sein Moment, auf den er seit zwei Jahren hingearbeitet hat. Am Fluss werden hunderten Fackeln entzündet, Rauch hüllt das Ufer ein, in der Stadt steigen einzelne Feuerwerksraketen auf. Es ist die perfekte Inszenierung, aber die unbändige Freude ist echt und sie wird durch die Choreografie in eine greifbare Form gebracht.
Unsere Regierung wird die Wunden heilen
„Gemeinsam haben wir uns unser Land zurückgeholt“, ruft Magyar den Menschen zu, hinter ihm das Parlamentsgebäude. „Ich danke Euch allen, dass Ihr den biblischen Rat angenommen habt: Fürchtet Euch nicht.“ Magyar verspricht, die Gewaltenteilung im Land wiederherzustellen und Ungarn zu einem starken Mitglied in EU und NATO zu machen. „Europa, Europa“-Rufe schallen dazwischen. Sogar eine Botschaft für die LGBTQ-Bewegung hat er mitgebracht, zu der er sich lange nicht geäußert hatte, um konservative Wähler nicht zu verprellen. „Jeder hat das Recht, so zu lieben, wie er will“, sagt er. Niemand dürfe dafür verurteilt werden, dass er anders liebe, als die Mehrheit. „Unsere Regierung wird die Wunden heilen, die durch die Sünden unserer Vorgänger entstanden sind.“ Orbán fordert er noch auf, keine Schritte zu unternehmen, die die Arbeit der antretenden Regierung behindern würden. Die Menge jubelt: „Es ist vorbei, es ist vorbei!“
Gemeinsam singen die vielen Tausend Menschen dann das Freiheitslied Szózat. Dann wechselt die Musik hin zu lauten Beats und die Freude eruptiert aus der Masse. Sie liegen sich in den Armen, schreien, und fangen an zu tanzen.
Es sei ein so berührender Moment, sagt Zsófi, eine 45 Jahre alte Physiotherapeutin, die dem Treiben zusieht. „Meine Mutter war 1989 aktiv, als der Kommunismus gestürzt wurde. Als Kind bin ich auf den Protestzügen gewesen, und jetzt finde ich diese Stimmung wieder.“ Wie viele Ungarn hatte sie überlegt, das Land zu verlassen, wenn sich Orbáns Fidesz an der Macht gehalten hätte. „Jetzt können wir bleiben und auf ein besseres Leben hoffen.“
Polonaise entlang der Donau
Es sei das Ereignis seines Lebens, sagt Zoltán, ein 38 Jahre alter Flughafenangestellter. „Ich habe meinen Augen nicht getraut, als Orbán vor die Kameras getreten ist, um seine Niederlage einzugestehen“. Die Regierung habe das Land kaputt gewirtschaftet und sich selbst bereichert, während er sich nur noch eine kleine Wohnung leisten könne. „Jetzt müssen sie vor Gericht gestellt werden.“
Hinter ihm haben die Feiernden inzwischen das Dach einer U-Bahnstation erklommen und wiegen sich im Takt der Musik. Fidesz-Plakate werden von den Laternen gerissen und unter Johlen davongeschliffen, während sich fremde Leute in die Arme fallen. Direkt am Ufer zieht sich eine fahnenschwenkend Polonaise die Donau entlang.
„Ich hätte nicht gedacht, dass eine solche Umkehr in Ungarn möglich ist“, sagt Ábel, ein 23 Jahre alter Architekturstudent, der mit seinen Freunden hier hergekommen ist, obwohl alle eigentlich für die Uni arbeiten müssten. In nur zwei Jahren, seit Magyar auf der politischen Bildfläche erschienen sei, habe sich das Land um 180 Grad gedreht – von einer absoluten Übermacht des Fidesz hin zu einer krachenden Niederlage der Regierungspartei. „Ich war lange skeptisch und konnte mir nicht vorstellen, dass ein friedlicher Übergang möglich ist“, sagt er und seine Freunde nicken. Und natürlich wüssten alle, dass Orbáns Fidesz noch viele Möglichkeiten habe, den Machtwechsel zu behindern und zu verzögern. „Aber gerade fühlen wir nur Freude und Freiheit.“
Source: faz.net