Für Fans ist Triest schon lange das bessere Venedig. Mit Federica Manzons Roman „Alma“ kann jeder die Magie dieser Stadt entdecken. Es geht um eine Jugendliebe, Jugoslawien im Spiegel zweier Generationen – und ein Lebensgefühl zwischen k.u.k und Karst.
Achtung, diese Stadt lässt einen nicht los – und das weiß niemand besser als Alma, die titelgebende Protagonistin im Roman der italienischen Schriftstellerin Federica Manzon: „Das Meer vor dem großen Platz hat etwas Erpresserisches, denkt sie. Mit Flüssen ist es einfacher; sie fließen dahin und schleifen einen allenfalls mit: Das Meer tut sich vor einem auf, ohne dass man sich an einem Ufer festklammern könnte, es braucht einen gewissen Mut, um zu sagen: okay, jetzt geht es los, ich stürze mich ins Offene.“
Wer Triest kennt und dort, im äußersten Nordosten Italiens, jemals auf der Piazza Unita d’Italia am Wasser stand, der weiß, was Alma fühlt. Die Topografie dieser Stadt, die schon Johann Gottfried Seume auf seinem berühmten Spaziergang von Leipzig nach Syrakus als „Amphitheater an der Adria“ beschrieben hat, hat etwas Dramatisches an den Abhängen des Karsts.
Triest und sein Hinterland
Alma ist ein Kind der 1970er-Jahre und hat, typisch Triest, sowohl jugoslawische als auch österreichische Vorfahren – wie sich das für eine Metropole, die jahrhundertelang Teil der Habsburgermonarchie war und auch „Wien am Meer“ genannt wird, gehört. Almas Mutter arbeitet in der Psychiatrie, die durch den Reformer Franco Basaglia europaweit Bekanntheit erlangte. Der Vater verschwand in Almas Kindheit immer wieder wochenlang „drüben“, hinter der Grenze, gehörte zum Stab des jugoslawischen Staatschefs Tito. War er gar sein Redenschreiber?
Jetzt, mit Mitte 50 und nach dem Tod der Eltern, kehrt Alma über die Ostertage in ihre Heimatstadt zurück, die im Roman zwar nie explizit genannt wird, aber mit dem Sissi-Denkmal am Bahnhof, der Tram nach Opicina und dem Caffè San Marco umstandslos als Triest identifizierbar ist. Die äußere Handlung spielt an drei Tagen: Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag – wobei der Zeitpunkt auch als symbolische Wiederauferstehung der eigenen Familie qua Erinnerung lesbar ist. In der Hauptsache besteht der Roman aus Rückblenden, wobei sich das Zusammenspiel der Zeitebenen erst mit fortgeschrittener Lektüre erschließt.
Den Rahmen bilden zwei Kapitel, die Almas Besuche auf den Brioni-Inseln als Kind und als Erwachsene schildern. Auf diesem Privatarchipel vor der Küste Istriens residierte einst der jugoslawische Diktator Tito. Für das Kind Alma faszinierend, hortete er dort zahlreiche Staatsgeschenke, etwa exotische Tiere – als Anführer der Blockfreien Staaten war Tito ein international angesehener Mann. Den Einwohnern Jugoslawiens wurde vorgegaukelt, eine Art Kommunismus mit Reisefreiheit leben und allen Nationalismus der Vergangenheit in Gleichheit hinter sich lassen zu können.
Zu den Stärken des Romans gehört, dass er das fragile Konstrukt Jugoslawien im Konflikt zweier Generationen spiegelt. Da ist zum einen Almas Vater, der an die Idee Jugoslawiens glaubte, und da ist zum anderen Vili, der als zehnjähriges Pflegekind in Almas Familie kommt, verschickt von dissidentischen Freunden, die bei Tito in Ungnade gefallen sind. Vili wird Alma vom Fremden zum Vertrauten und später sogar zum Liebhaber. Vielleicht sucht sie in ihm auch das Phantom-Jugoslawien des Vaters. Die Liebesgeschichte von Alma und Vili – sie wird Journalistin, später Kriegsreporterin, er Fotograf – ist komplex, und beide sind immer wieder neu voneinander angezogen. Rund die Hälfte der Handlung spielt im Belgrad der Jugoslawienkriege, wo Alma von Vili plötzlich mit dem Vorwurf konfrontiert wird, sie würde „westlichen Scheißdreck“ erzählen. Vilis Rolle im eskalierenden Nationalismus dieser Zeit klärt sich erst am Schluss des Romans.
Und einmal mehr lebt Triest als Stadt gemischter Ethnien jene Utopie vor, mit der Jugoslawien als Staatsidee jenseits der Tito-Diktatur scheiterte. Wie oft schon wurde Triest für diese seine gemischte Identität besungen! Dass und wie sich deutsche, italienische und slawische Kulturen in dieser Stadt vermengen, ist ein literarischer Topos, dem viele Schriftsteller nachgespürt haben, ganz egal, ob sie nun Essays oder Krimis schreiben, ganz egal, ob sie Italo Svevo, Boris Pahor, Veit Heinichen, Jan Morris oder Claudio Magris heißen.
Manzon, die aus dem Friaul stammt und heute als Schriftstellerin und Verlegerin in Mailand lebt, fügt der literarischen Triest-Galerie einen gelungenen, weil komplexen Liebesroman zu, der die Themen Herkunft und Familie, Identität und Ethnie vor dem Hintergrund einer starken Hauptfigur verhandelt. Sprachlich liest sich das auch in der deutschen Übersetzung geschmeidig-flott, weil in weiten Teilen szenisch-dialogisch, in anderen Passagen wie in einem Möbiusband der Erinnerung den Genius Loci beschwörend: „Geografie siegt immer über Geschichte“, weiß Alma.
„Alma“, in Italien bei Feltrinelli erschienen und 2024 mit dem renommierten Premio Campiello ausgezeichnet, ist ein schmerzhaft schönes Buch – und das erste Manzons, das auf Deutsch erscheint. übrigens in einem neuen Verlag: „Pfaueninsel“ – unter Federführung der Italienkennerin Constanze Neumann – ist ein ambitioniertes Berliner Imprint von Bastei Lübbe, das in diesem Frühjahr gestartet ist und im Juni auch mit einem Buch von Florian Illies aufwartet. Doch vorher Manzon lesen und entdecken. Es lohnt sich!
Federica Manzon: Alma. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Pfaueninsel, 320 Seiten, 24 Euro
Source: welt.de