Es hatte Befürchtungen gegeben, das Grönland-Krisengespräch in Washington könnte ähnlich desaströs enden wie das Oval-Office-Treffen mit Wolodymyr Selenskyj vor knapp einem Jahr. Dazu kam es nicht, obwohl neben Außenminister Marco Rubio auch J.D. Vance an der Begegnung mit dem dänischen Außenminister Lars Løkke Rasmussen und seiner grönländischen Kollegin Vivian Motzfeldt teilnahm. Und der amerikanische Vizepräsident ist zuweilen krawallig gestimmt.
Nach dem Treffen, das etwas weniger als eineinhalb Stunden dauerte, traten zunächst Rasmussen und Motzfeldt vor die Presse. Der Außenminister sagte, das Gespräch sei „offen und konstruktiv“ gewesen. Es gebe weiter eine „fundamentale Differenz“ mit Blick auf den amerikanischen Besitzanspruch auf Grönland. Man sei aber überein gekommen, unterschiedlicher Auffassung zu sein. Man werde weiterhin miteinander sprechen. Zudem sollen laut Rasmussen ranghohe Arbeitsgruppen gebildet werden, in denen herausgearbeitet werden solle, wie sich die Sicherheitsinteressen Amerikas mit den dänischen „roten Linien“ vereinbaren ließen. Schon in wenigen Wochen solle es weitere Treffen geben.
Senatoren wollen Trump binden
Rasmussen sagte weiter mit Blick auf die Position Donald Trumps, man könnte die Arktis nicht Russland und China überlassen, Kopenhagen habe seine Präsenz in Grönland bereits verstärkt und sei bereit, noch mehr zu tun. Trump adressiere Dinge sehr anders als er selbst. Aber in Trumps Worten sei immer auch ein Teil Wahrheit. Dänemark habe sich schon länger für eine stärkere kollektive Rolle der NATO in Grönland ausgesprochen. Die USA selbst hätten die Zahl ihrer Soldaten und die Anzahl ihrer Stützpunkte auf Grönland in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Trump habe seine Position nun klargestellt, sagte Rasmussen. „Und wir vertreten eine andere Position.“
Trump äußerte sich hernach im Weißen Haus, wies aber darauf hin, dass Vance und Rubio ihn noch nicht über das Gespräch unterrichtet hätten. „Wir werden sehen, was passiert“, sagte der Präsident. Washington benötige Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit, hob er abermals hervor. Die Vereinigten Staaten hätten sehr gute Beziehungen mit Dänemark. „Aber wenn wir nicht nach Grönland gehen, dann werden Russland und China reingehen.“ Dänemark könne dann nichts machen. Amerika aber durchaus.
Kurz vor dem Gespräch im Weißen Haus hatte Trump seine Forderung, die Arktis-Insel zu übernehmen, bekräftigt. Die NATO werde „viel mächtiger und effektiver, wenn Grönland in den Händen der Vereinigten Staaten liegt“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Er fügte hinzu: „Alles andere ist inakzeptabel.“ Trump hob hervor, für den Raketenabwehrschirm „Golden Dome“, den die Vereinigten Staaten derzeit bauten, sei Grönland „von entscheidender Bedeutung“. Er wiederholte, was er mehrmals gesagt hatte: „Die Vereinigten Staaten brauchen Grönland aus Gründen der Nationalen Sicherheit.“
Im Kongress gibt es unterdessen Bemühungen, es der Regierung zu untersagen, das Gebiet eines NATO-Partners ohne dessen Zustimmung zu annektieren. Der fraktionsübergreifende Gesetzentwurf wurde von der republikanischen Senatorin Lisa Murkowski und der Demokratin Jeanne Shaheen in die zweite Kammer eingebracht.
„Grönland steht nicht zum Verkauf“
Mit Blick auf Trumps Besitzansprüche teilten die beiden Initiatorinnen mit: „Solch ein Vorgehen würde dem Nordatlantikvertrag widersprechen, den Zusammenhalt der NATO schwächen und die bestehenden Bemühungen des Bündnisses untergraben, der Bedrohung durch Gegner wie Russland und China entgegenzutreten.“
Dänemark hatte vor dem Treffen Signale in mehrere Richtungen gesetzt. Rasmussen versuchte Optimismus zu verbreiten und die Arme in Richtung Washington zu öffnen. So hatte er vor seinem Abflug die Hoffnung geäußert, das Treffen könnte der Anfang zur Normalisierung des Dialogs über Grönlands Zukunft werden. Zudem wurde – offenbar in der Befürchtung, Washington könne einen Keil zwischen Grönland und Dänemark treiben – die Einheit der beiden Teile des Königreichs betont.
„Liebe Grönländer, ihr sollt wissen, dass wir zusammenhalten“, sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Dienstag auf einer Pressekonferenz, die sie mit dem grönländischen Regierungschef Jens Frederik Nielsen abhielt. „Wir suchen keinen Konflikt. Aber die Botschaft ist klar. Grönland steht nicht zum Verkauf“, sagte Frederiksen.
Dänemark stockt Truppen auf
Grönlands Regierungschef wiederum rückte sein Land näher an Dänemark als je zuvor, seitdem er im Juni zum Ministerpräsidenten der Insel gewählt wurde. Fern wirken derzeit seine Rufe nach einer Unabhängigkeit der Insel. Am Mittwoch sagte er dem grönländische Sender KNR, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt, um über eine Unabhängigkeit zu sprechen. Grönland stehe an der Seite des Königreichs, derzeit sollten Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden.
Am Vortag hatte er an der Seite Frederiksens gesagt, wenn sich die Grönländer heute zwischen den Vereinigten Staaten und Dänemark entscheiden müssten, dann entschieden sie sich für Dänemark. „Wir entscheiden uns für die NATO, das Königreich Dänemark und die EU.“
Zudem wurde – mutmaßlich als ein weiteres Signal in Richtung Washington – am Mittwochmittag bekannt, dass Dänemark die Zahl seiner Streitkräfte auf Grönland verstärken will. Nach Angaben des dänischen Rundfunks brachte ein großes Flugzeug eine Art Vorhut des Militärs sowie Ausrüstung auf die Insel. Damit soll die spätere Aufnahme größerer Truppenteile vorbereitet werden. Die Zahl der Soldaten wie auch weitere Details blieben zunächst unklar.
„Das Schwierigste liegt noch vor uns“
Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen sagte, Dänemark werde die Frage einer dauerhafteren größeren Präsenz der dänischen Verteidigung in Grönland weiterverfolgen, auch unter Beteiligung anderer Länder. Die verstärkte militärische Präsenz sei „eine klare Reaktion auf die Herausforderung, vor der die Arktis steht“, sagte Poulsen.
Tatsächlich aber dürfte der Truppenausbau vor allem eine Reaktion auf die Kritik von Seiten Washingtons sein, der zufolge Dänemark nicht zur Sicherung Grönlands in der Lage sei. Bisher hat Dänemark nur wenige Soldaten auf Grönland stationiert, die sich darüber hinaus teils Aufgaben widmen, die andernorts die Küstenwache übernimmt. Dass mit der Truppenaufstockung nun die Sache vom Tisch ist, glaubt in Kopenhagen wohl keiner. Frederiksen sagte, vieles deute darauf hin, „dass das Schwierigste noch vor uns liegt“.
Source: faz.net