Nach den Kommunalwahlen in Frankreich wirkt das Land so zerrissen und seine Bürger so zerstritten wie eh und je seit dem Beginn von Emmanuel Macrons zweitem Mandat 2022. Sicher ist nur: Frankreichs Künstler und Kulturschaffende haben halb aufgeatmet. Ihre Herzen schlagen links – und flatterten nervös angesichts der Aussicht einer Übernahme größerer oder gar großer Städte durch den rechtsextremen Rassemblement national (RN). Dieser hat am Ende bloß eine Kommune mit über 100.000 Einwohnern zu verteidigen vermocht: Perpignan (gut 120.000 Einwohner), das er seit 2020 hält. Einer seiner Verbündeten, der seit 2024 in libertäre Gefilde weit rechts außen abgedriftete Konservative Éric Ciotti, gewann seinerseits Nizza, mit über 350.000 Einwohnern Frankreichs fünftgrößte Stadt. Aber in Toulon und vor allem in Marseille, wo dem RN eine Zeit lang reale Erfolgschancen zugestanden wurden, unterlag dieser am Ende.
Braucht Marseille ein Fußball- und ein Feuerwehrmuseum?
Der Kulturszene bangte vor den Wahlen, weil Kommunen und Gemeindeverbände mit einem kumulierten Kulturbudget von jährlich neun Milliarden Euro heute die ersten Finanzierer des Sektors sind – weit vor dem Staat, der via das Kulturministerium lediglich die Hälfte dieser Summe verteilt. Und weil der RN in Kulturdingen nicht nur sehr eigene Vorstellungen hat, sondern diese auch auf sehr eigene Art und Weise durchzusetzen versucht. Das Wüten seiner ersten 1995 gewählten Gemeindevorsteher an der Côte d’Azur ist noch in übler Erinnerung: Subventionsstreichungen für Dutzende unliebsamer Vereinigungen, Entlassung eines Theaterdirektors, Abriss einer zeitgenössischen Fontäne, Zumauern eines Konzertsaals, Zensur von Büchereien.
Heutige RN-Bürgermeister gehen vorsichtiger zu Werke. Dennoch misst sich künstlerischer Wert für sie meist nach kommerziellem Erfolg; förderungswürdig scheint ihnen vor allem Populäres, Traditionelles und Folkloristisches zu sein. Der RN-Kandidat in Marseille skizzierte ein „Kulturprogramm“ zwischen Fußball- und Feuerwehrmuseum, „Monte-Cristo-Festival“ und provenzalischer Krippenfigurenmesse.
Rechtsextreme halten sechzig kleinere Gemeinden
Doch können Kulturschaffende bloß halb aufatmen, weil Rechtsextreme zwar jetzt bis auf Perpignan und Nizza keine Metropolen halten, dafür aber sechzig kleinere Gemeinden landesweit. Bei diesen handelt es sich um Städtchen wie Carcassonne, Carpentras, Liévin und Menton, vor allem aber um Käffer, die selbst in Frankreich kaum jemand kennt – wer hat schon je von Marles-les-Mines oder von Camaret-sur-Aigues gehört? Gerade aber weil die dortigen Kulturinstitutionen kaum über den lokalen Tellerrand hinweg ausstrahlen, sind sie der jeweiligen Gemeinderegierung ausgeliefert. Striche ein RN-Bürgermeister den Chorégies d’Orange die Subventionen, wie 1995 geschehen, würden alle Medien, die (noch) nicht dem Medienmogul Vincent Bolloré, der Rüstungsindustriellen-Familie Dassault oder dem katholisch-identitären Unternehmer Pierre-Édouard Stérin gehören, darüber berichten. Passierte dasselbe einer Vereinigung in Canohès oder Saint-Savin, erführe wohl kaum jemand davon.
Der RN hatte in Dutzenden weiterer Städtchen Aussichten auf Erfolg, darunter in solchen, die nun wirklich jeder im Lande kennt: Aubagne, Calais, Châlons-en-Champagne, Draguignan, Forbach, Frontignan, Gardanne, Grasse, Hyères, Istres, Lens, Narbonne, Sens und viele mehr. Dort aber ist er gescheitert. In den Metropolen haben Rechtsextreme (Verbündete des RN mitberücksichtigt) schlecht abgeschnitten: In elf der zwanzig größten Städte des Landes lagen sie unter der Zehnprozenthürde, die über das Vorrücken in die zweite Wahlrunde entscheidet. Rückschlüsse auf die nächstjährigen Präsidentschaftswahlen lassen sich daraus nur sehr bedingt ziehen. Aber die für die lokale Verankerung zuständige RN-Vizepräsidentin hatte selbst befunden: „Um die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen, müssen wir in den Großstädten zulegen und dort 35 Prozent erreichen, wo wir bei den letzten derartigen Wahlen 25 Prozent erzielt hatten.“ Zu diesem Zweck galt es, in den Metropolen Wurzeln zu schlagen. Das ist klar misslungen.
Source: faz.net