Nach dem Mord an Kirk: Was in Amerika gen dem Spiel steht

Große Teile der polarisierten amerikanischen Gesellschaft leben schon seit Jahren in zwei nahezu hermetisch abgeschlossenen Echokammern. Dort wird das jeweils andere Lager als links- oder rechtsradikal verteufelt, wird kaum noch zivilisiert miteinander debattiert, werden andere Bücher gelesen und andere Medien konsumiert und wird die Verfassung konträr interpretiert. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass immer wieder davor gewarnt wird, etwas könnte schon bald das Fass zum Überlaufen bringen. Ein solcher Moment ist das Attentat auf den MAGA-Aktivisten Charlie Kirk nicht.

Die allermeisten Amerikaner verabscheuen politische Gewalt. Und auch wenn die Angst davor immer wieder geschürt wird: Ein Bürgerkrieg droht nicht. Man kann dieser Tage bisweilen einen anderen Eindruck gewinnen, wenn man – vornehmlich in den sozialen Medien – die Kommentare derer liest, die den Mord an dem Rechtspopulisten relativieren, rechtfertigen oder gar feiern. Oder die Rufe derer hört, die nun die Stunde der Rache gekommen sehen. Diese Leute sind laut, aber sie sind nicht in der Mehrheit.

Trump, selbst Opfer eines Attentats, und seine Leute sehen Kirks Tod als persönliche Bedrohung und werfen den Linken vor, sie hätten sie mit Faschismus-Vorwürfen und Hitler-Vergleichen entmenschlicht. Das ist nicht aus der Luft gegriffen. Wohl aber sieht der Präsident das Attentat auch als Gelegenheit, seine Vergeltungskampagne gegen den politischen Gegner zu forcieren, die eigene Machtstellung weiter auszubauen und den Staat autoritär auszurichten.

Robinson wollte Kirk „ausschalten“

Nach allem, was man bisher weiß, ist der mutmaßliche Attentäter Tyler Robinson in jüngster Zeit politisch nach links gewandert. Zudem hat er sich, offenbar infolge einer Liebesbeziehung zu einem biologischen Mann, der dabei ist, das weibliche Geschlecht anzunehmen, für die Rechte von Homosexuellen und Transpersonen eingesetzt. Über Kirk, der gegen die LGBTQ-Bewegung polemisierte, sagte er mit eisiger Kälte, er habe genug von dessen Hass gehabt und die Gelegenheit ergriffen, ihn „auszuschalten“.

Robinson ist nach bisherigem Ermittlungsstand ein Einzeltäter, der sich womöglich in den dunklen Ecken des Internets radikalisiert hat. Er ist nicht Vorkämpfer einer Bewegung. Trump sowie seine rechtspopulistische Speerspitze um Vizepräsident JD Vance und Präsidentenberater Stephen Miller kündigten aber sogleich an, die „heimische Terrorbewegung“ zu zerschlagen. Trump, der etliche Fälle rechtsextremer Gewalt unerwähnt ließ, befand, die Radikalen auf der Rechten seien oft nur radikal, weil sie gegen Verbrechen seien. Die Linksradikalen hingegen seien das Problem; sie seien bösartig. Deren Rhetorik sei direkt verantwortlich für den Terrorismus, den man heute sehe. Vance behauptete, zwar gebe es auch im eigenen Lager Verrückte, es sei aber eine statistische Tatsache, dass die meisten Wahnsinnigen links stünden. Miller schwor mit Gott als seinem Zeugen und „in Charlies Namen“, jede Ressource des Sicherheitsapparats zu nutzen, „um diese Terrornetzwerke zu entwurzeln und zu demontieren“.

Es geht um die kulturelle Dominanz

Den MAGA-Leuten geht es nicht darum, die Demokraten aufzufordern, sich von radikalen Kräften in ihrem Lager zu distanzieren. Die Trumpisten sehen ihre Chance, die kulturelle Dominanz des linksliberalen Establishments in den Medien, in den Universitäten und in Hollywood, dessen Glaubwürdigkeit ohnehin schon von vielen Amerikanern in Zweifel gezogen wird, endgültig zu brechen. Ihre Mittel sind Einschüchterungen, Drohungen und Klagewellen.

In einer liberalen Gesellschaft sollte es selbstverständlich sein, dass Kritik an Kirk nicht gleichzusetzen ist mit einer Relativierung von Mord. Der Aktivist war einer der wenigen, der aus seiner Echokammer trat und sich mit der anderen Seite stritt. Doch nutzte er dies auch, um seine Gegner zu diffamieren. Er bediente Ressentiments, gab sich aber nicht als plumper Rassist. Trump, Vance & Co. verbreiten eine Stimmung im Land, in der auch differenzierte Kritik an Kirk als Aufwiegelung gilt. Die Kämpfer für Meinungsfreiheit gegen linksliberale Sprechverbote sind selbst zu Verfechtern einer „cancel culture“ geworden.

Das festzustellen bedeutet nicht, dass die Linksliberalen in Amerika die Augen verschließen sollten vor den Auswüchsen und Folgen der eigenen Zensurkultur. Die beste Immunisierung gegen die Kampagnen der Rechtspopulisten ist eine Rückbesinnung auf die liberalen Werte, die einst das Fundament der ältesten Demokratie der Welt bildeten. Amerika wollte nie ein Land sein, in dem Bürger nach Identitäten unterschieden werden, Studenten Gesinnungstests unterzogen werden, Soldaten in den Städten patrouillieren, maskierte Sicherheitskräfte Gerichtsgebäude stürmen und Medienkonzerne genötigt werden, Trump-kritische Sendungen aus dem Programm zu streichen. Auf dem Spiel steht die freiheitliche Verfasstheit der Vereinigten Staaten.

Source: faz.net