Antisemitischer Terror erwächst aus dem Hass, der in unserer Gesellschaft gedeiht. Unsere Autorin findet die Antwort auf diesen Hass in ihrem muslimischen Glauben: Liebe als eine politische Tätigkeit, die eingeübt werden muss
„Ich habe innerlich gerufen: Ja! Ja zu Liebe. Ist das unpolitisch?“, fragt sich Shila Behjat
Foto: Manfred Segerer/Imago
Kurz nach den Anschlägen von Sydney spüre ich: Die Antwort kann nur Liebe sein. Und ich als friedliebender Mensch, ich als Person, die für ihre Sanftmut geradezu berüchtigt ist. Ich als religiöser Mensch habe gedacht, gespürt und innerlich gerufen: Ja! Ja zu Liebe. Ist das unpolitisch?
Ich denke nicht, denn darin steckt eine drängende Hoffnung und eine Verantwortung. Vor allem die, dass aus einer furchtbaren Tat keine Gewalterlaubnis erwächst. Und dass daraus keine gesellschaftliche Regel wird, die andere aufstellen können: über Menschen, die jüdischen Glaubens sind. Und über Menschen, die Muslime sind. Über Menschen, die gläubig sind. Über Religion an und für sich.
Doch genau als diese Person, die gläubig ist, weiß ich, dass dieses Ja zur Liebe nur richtig klingt, wenn es auch ein paar lautstarke Neins beinhaltet. Nein zu religiösem Extremismus. Nein zu auf der Religion begründetem Hass. Was ja ohnehin im Widerspruch zu jeder Botschaft steht, die Religion universell in sich trägt. Liebe, Empathie oder, religiös gesprochen, Erbarmen, und Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit sind die Fundamente, an denen Gläubige als Einzelne gemessen werden. Sie sind die wichtigsten Forderungen, die eine Religion an ihre Gläubigen stellt, egal welche.
Sie sind wichtiger als jedes andere Gebot, wichtiger als Beten, als Fasten, als die Pilgerfahrt oder Almosen.
Wie kommt es dazu, dass manche Menschen nicht für liebenswert gehalten werden?
Die Liebe, die wir so sehr beschwören, kann nur dann stärker als der Hass zweier Menschen sein, die aus diesem Hass heraus auf Jüdinnen und Juden schießen, um sie zu töten, wenn sie sich zeigt. Wenn sie eine sichtbare Form annimmt.
Diese Liebe ist keine defensive Reaktion. Sie ist ein offensiver Akt. Ich liebe – ohne weil, wenn und außer. Das bedeutet jedoch genau, dass sie aus der Religion begründeten Hass verabscheut. Um in die Zuwendung, in die Solidarität und in den Gemeinsinn zu kommen, den der Satz „Liebe ist die Antwort“ sich wünscht, müssen wir als Menschen alle und geradezu ausnahmslos unsere eigenen Vorurteile, Aversionen und Widerstände erkennen und abbauen.
Wer Menschen deshalb hasst, weil sie ein bestimmtes Geschlecht, eine bestimmte Religion, eine bestimmte Hautfarbe haben, der oder die ist noch nicht in diesem Zustand angekommen. Der muss erst einmal Nein zu all den Gründen sagen, warum er oder sie bestimmte Menschen nicht als bedingungslos liebenswert hält.
Judith Butler: Betrauerbarkeit von Leben ist die Voraussetzung für Gewaltlosigkeit
Dies jedoch ist nur durch Aktivität möglich, durch gesellschaftliche, persönliche Handlung. Der Sozialpsychologe Gordon Allport zeigte bereits in den 1950er-Jahren mit seiner Kontakthypothese, dass Vorurteile nicht durch Distanz, sondern durch Begegnung abgebaut werden. Zeitgenössische Forschung zeigt längst, dass Extremismus nicht aus Religion entsteht, sondern aus Entmenschlichung, Bedeutungsverlust und sozialen Echokammern. Es geht darum, das Leben der anderen Menschen als wertvoll zu erachten. Empathie und Einfühlungsvermögen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Auch die Philosophin Judith Butler erinnert daran, dass Gewalt dort beginnt, wo wir aufhören, das Leben anderer als gleich wertvoll zu betrachten. In The Force of Non-Violence schreibt sie: „Wenn Gewalt gegen diejenigen gerechtfertigt wird, deren Leben nicht als wertvoll gelten, dann wird Betrauerbarkeit (grievability) zur Voraussetzung von Gewaltlosigkeit.“
Derzeit wird Hass trainiert. Auch Liebe kann trainiert werden
Liebe ist deshalb kein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung gegen diese Entwertung und eine Entscheidung für die Aufwertung, eine durchaus politische Entscheidung. Empathie eine trainierbare Fähigkeit. Genau wie Hass es ist. In den sozialen Netzwerken wird jeden Tag der Hass trainiert.
Darum ist Liebe keine defensive Haltung. Sie ist kein Rückzug ins Private, kein „Lasst uns nett bleiben“. Und möglichst nichts tun. Auch wenn uns das immer wieder in diesen Diskursen begegnet. Zurücknehmen, zurückziehen, nicht laut werden. Doch! Liebe ist keine defensive Reaktion, sondern ein zivilisatorischer Fortschritt. Sie muss, genau so und genau deshalb Mal ums Mal mit Leben gefüllt werden, mit dem Leben.