Nach Beginn der WaffenruheIm Libanon „kann man den Tod riechen“
18.04.2026, 14:19 Uhr
Wochen des Kriegs und massiver Zerstörung liegen hinter dem Libanon. Nun ist die Waffenruhe da. Doch viele Libanesen trauen Israel und dem brüchigen Frieden nicht. Eine Frau im Süden des Landes sagt, was wohl viele denken: „Ich habe große Angst, hier mit meinen Kindern zu bleiben.“
Hunderttausende warten im Libanon nach Wochen des Kriegs darauf, endlich wieder nach Hause zu kommen. Im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah wurden mehr als eine Million Menschen vertrieben. Wochenlang hofften sie auf die Erlösung: eine Waffenruhe, die es ihnen ermöglicht, endlich wieder im eigenen Bett zu schlafen. In der Nacht zum Freitag war es endlich so weit. Um Mitternacht trat eine zehntägige Feuerpause in Kraft, die nur wenige Stunden zuvor von US-Präsident Donald Trump angekündigt worden war.
Tausende machten sich direkt auf den Weg – trotz Warnungen sowohl von der israelischen als auch von der libanesischen Armee. Auf den Straßen Richtung Süden und der schwer getroffenen südlichen Vororte Beiruts drängten sich voll beladene Autos durch den Verkehr. Auf den Dächern transportierten sie Matratzen, im offenen Kofferraum und im Rest des Autos all die anderen wenigen Habseligkeiten, die sie während des Kriegs mitnehmen konnten oder angesammelt haben. Was sie in ihrem einstigen Zuhause erwartet, wissen viele nicht.
Seit Anfang März standen im Zuge des Iran-Kriegs auch Israel und die proiranische Hisbollah-Miliz erneut in einem offenen Konflikt. Rund 2.200 Menschen wurden im Libanon nach Behördenangaben getötet. Die von den USA vermittelte Waffenruhe soll zunächst für zehn Tage dauern, kann bei Fortschritten in den Verhandlungen aber verlängert werden.
Angst vor einer Waffenruhe wie 2024
„Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor“, sagt Sainab Scharafeddin, die sich auf den Weg in ihren Heimatort Tyrus nahe der israelischen Grenze gemacht hat. „Wir trauen den Israelis nicht“, sagt sie.
Viele im Land fürchten sich vor einer Wiederholung der Ereignisse der Waffenruhe von 2024. Ein monatelanger gegenseitiger Beschuss führte bereits damals zu einem offenen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Ende November 2024 wurde eine Waffenruhe beschlossen. Doch beide Seiten warfen sich immer wieder Verstöße vor. Das israelische Militär griff weiter nahezu täglich im Nachbarland an. Dabei wurden nach UN-Angaben auch Dutzende Zivilistinnen und Zivilisten getötet.
Auch in der aktuellen Vereinbarung heißt es, Israel soll zwar „offensive“ Einsätze gegen Ziele im Libanon unterlassen, das Land darf sich jedoch gegen geplante, unmittelbar bevorstehende oder andauernde Angriffe verteidigen. Israel fordert eine vollständige Entwaffnung der Hisbollah, die bisher nicht durchgesetzt werden konnte.
Ein Großteil der Binnenvertriebenen musste schon 2024 seine Häuser verlassen. Nun kehren sie innerhalb von nicht einmal zwei Jahren erneut zurück, den Schock in den Knochen. „Ich bin sprachlos“, sagt Fatima Fakich als sie ihr Haus in Nabatija im Südlibanon sieht. Die Stadt stand unter heftigem Beschuss des israelischen Militärs während des Kriegs. „Das hier ist jenseits jeder Beschreibung.“
Trümmerberge statt Hochhäuser
Ganze Häuserblocks wurden in der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Die Straßen sind von Trümmern gesäumt. Gebäude, die einst mehrere Stockwerke hoch waren, liegen zerstört am Boden. „Hier kann man den Tod riechen“, sagt eine andere Anwohnerin, die anonym bleiben will, mit zitternder Stimme. „Ich habe große Angst, hier mit meinen Kindern zu bleiben“, erzählt sie weiter. „Wir werden nach Beirut zurückkehren“, beschließt sie. „Ich kann hier nicht leben, nicht so, umgeben von Trümmern und den zerstörten Häusern meiner Nachbarn.“
Auch in denen als Dahija bekannten Vororten Beiruts offenbart sich den Rückkehrern ein Bild der Zerstörung. Von mehrstöckigen Gebäuden ist hier oft nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Rückkehrer sind geschockt.
Und doch: Trotz der massiven Zerstörung stehen einige von ihnen weiter hinter der vom Iran unterstützten Hisbollah. „Unsere libanesische Regierung hat nichts für uns getan“, sagt Mariam, die mit einer Flagge der proiranischen Organisation in der Nähe des Ortes steht, an dem der ehemalige Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah 2024 von Israel getötet wurde. „Selbst wenn ich mein Zuhause verloren habe, gilt meine Loyalität ihm“, sagt sie und deutet auf sein Grab.
Im Libanon ist sich derzeit niemand sicher, wie es weitergehen kann. Viele beurteilen die Feuerpause nur als kurzes Zeitfenster, um zu schauen, was von ihrem Leben noch übrig ist. Über ein Danach wollen die meisten von ihnen nicht nachdenken.
Source: n-tv.de