Nach 49 Jahren wird aus „Elvis“ wieder Elvis

„Wir alle lassen etwas raus“, erklärt der King im Kino. Vier Jahre nach dem Biopic „Elvis“ erscheint der Konzertfilm dazu. Zu sehen ist ein Mensch und Musiker, den die Welt vergessen hatte.

Es ist ein echter Elvis. Er sieht nur so aus wie seine Doppelgänger, wenn er sich im cremefarbenen Einteiler mit Fransen an den Ärmeln dem Konzertsaal in Las Vegas nähert, seine Ouvertüre aus Strauss’ „Zarathustra“ läuft bereits. Dann steht er auf der Bühne und singt „That’s All Right“. Mit seiner Interpretation des Klassikers von Arthur Crudup hatte alles angefangen, zwanzig Jahre vor den Shows im Hotel International. Der späte spielt den frühen Elvis.

„Epic“ heißt der Film, das Akronym steht für „Elvis Presley in Concert“. Das Konzert setzt sich zusammen aus den Mitschnitten der Auftritte, die Elvis in den frühen Siebzigerjahren im Akkord zu Aberhunderten zu absolvieren hatte, bis er sich selbst nicht mehr ähnlich sah, starb und unsterblich wurde. Dass Baz Luhrmann die Collage als Konzertabend ins Kino bringt, erscheint so konsequent wie komisch. „Elvis“, Luhrmanns Spielfilm von 2022, fügte den Klischees, in denen der König des Rock ’n’ Roll seit 49 Jahren weiterlebt, zwar einige hinzu – mit manchen räumte er aber auch auf. Der Elvis, in den Austin Butler sich in „Elvis“ nach allen Regeln der oscarreifen Schauspielkunst verwandelte, war wieder eine menschliche Figur. Ein Musiker aus Memphis. Einer, der sich die schwarze Kultur – Gospel und Garderobe, Blues und Witz – als armer weißer Mann nicht aneignete, wie man heute sagen würde, sondern lebte. Jedenfalls versuchte er es.

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Luhrmanns Biopic erzählte Elvis Presleys Lebenslauf als Faustiade. Mit dem von Tom Hanks gespielten Colonel Tom Parker als Mephisto: 1973 bricht der Manager zusammen, während sich sein Mündel auf der Bühne in Las Vegas die Gesundheit ruiniert, und schildert die größte Geschichte, die der Pop hervorgebracht hat. Von der Gospelmesse, wo der Heilige Geist in einen blonden, blauäugigen Jungen fährt und ihn mit einer Gottesstimme segnet, bis zum sterbenden Star, der seinen aufgegangenen Leib bereits für seine Songs verlassen hat. Am Ende singt sich Austin Butler, fettgespachtelt hinter einer Silikonmaske, sein eigenes Requiem und verschwindet hinter Originalaufnahmen. „Elvis“ wird zu Elvis.

Aus den Originalen, nach denen Baz Luhrmann seine Filmbiografie gedreht hatte – aus Austin Butlers Vorlagen, um seinen Elvis möglichst echt wirken zu lassen – wurde also „Epic“. Der Dokumentar- zum Spielfilm zeigt nicht nur, wie sorgfältig „Elvis“ gemacht war, von der goldenen EP-Gürtelschnalle bis zum falschen Doppelkinn.

Zu sehen und zu hören sind auch Bild- und Tonbeweise dafür, was der sogenannte King für die Kultur getan hat. Für die Welt, in der wir leben. Wie er das Gebrüll der Trolle aushielt, die ihn als „talentlosen Idioten!“ zu erniedrigen versuchten und das Abendland in seinem Hüftschwung untergehen sahen. Als Schänder der Mädchen und Verräter an der weißen Rasse wurde er beschimpft. Er blieb gelassen und tanzte und sang einfach so weiter, auch wenn ihn der Colonel dazu anhielt, sich zu fügen, um des lieben Friedens und des guten Geldes willen. „Alle Menschen lassen etwas raus“, entgegnet er, Elvis, in „Epic“ auf den Vorwurf, sich zu sexy zu gebärden, zu schwul und zu schwarz: „Was immer es auch sein mag.“

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„Ich liebe jede Musik.“ Auch das sagt er in echt in „Epic“, und zwar nicht nur so dahin. Die schönsten Szenen stammen gar nicht von seinen Konzerten, bei denen sein Publikum im Sitzen tanzt, ihm Damenwäsche um die Ohren fliegt und er die Frauen vor der Bühne küsst. Es sind die Filmaufnahmen von den Proben. Elvis ist der Boss, der musikalische Direktor. Seine Band, der Chor und das Orchester folgen ihm nicht, weil er Elvis ist, sondern weil er die Songs bewohnt und weiß, wie er sie weit für alle öffnet. Sie spielen „Polk Salad Annie“ aus dem schwülen Süden wie im Fieber, wie im Jazz, an jedem Abend anders. Andere machen Musik, er ist seine Musik.

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Er spricht von sich als „Showman“, auch das ist er, wie man sieht. Ein lustiger Mann, der mit den Musikern und seinem Auditorium herumalbert und sich selbst nie so ernst nimmt, wie die Welt es tut. Andererseits wird er in seinen späten Jahren in Las Vegas zum singenden Witz mit seinem Haar, das die Perücken seiner Doppelgänger schon vorwegnimmt, seinen alienhaften Sonnenbrillen und den goldbesetzten Hosenanzügen mit Schlag. In „Elvis“ sagt der Colonel, der ihn in Amerika und im Hotel festhält, weil er die Seele seines Sängers längst verkauft hat: „Jeder Showman ist ein Snowman.“ Einer, der es schneien lässt und alle einseift, denen er den Schnee verkauft.

„Elvis“, das Biopic, hat die Klischees und Abbilder, in denen Elvis auf der Erde umgeht wie ein Untoter, bereichert und vertieft. Zeitgleich zuletzt zur Filmbiografie „Priscilla“ über Elvis und die Liebe seines Lebens mit Jacob Elordi, der ihn als zwei Meter großen, traurigen Riesen spielte. Weil er nicht mehr weggeht, der multiple, ewige und falsche Elvis, holt Baz Luhrmann nun den echten in „Epic“ zurück. Er, Luhrmann, ist es ihm, Elvis, auch schuldig.

„Epic“ läuft ab 26. Februar im Kino

Source: welt.de

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