Mutter-Tochter | Eine wahnsinnige Liebe

Lena Gorelik collagiert Erzählungen von Mutterschaft mit ihrer persönlichen und spürt dieser hochkomplexen Beziehung nach

Nicht alle Frauen sind Mütter, aber alle waren einmal Säuglinge irgendeiner Mutter. Doch wer ist die Mutter eigentlich als Mensch, wer war sie als Mädchen? Welchen Träumen jagt(e) sie nach? Als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt, nimmt Lena Gorelik den Schmerz zum Anlass, Fragen zu stellen. Entstanden ist eine dichte, rührende Geschichtensammlung über Mütter und Kinder, lose zusammengehalten durch den biografischen Faden der Autorin.

Sätze über Körper, Brüste, den ersten Schrei und die ganz große Bindung laufen nicht selten Gefahr, in den totalen Kitsch abzudriften. Die Sorge äußert die Autorin selbst an einer Stelle – wie zuvor schon in Wer wir sind (2021) macht sie im neuen Roman wieder die eigene Recherche, Sprache und niemals abgeschlossene Suche nach den richtigen Worten zum Gegenstand ihres Erzählens. Aber Alle meine Mütter ist kein kitschiger Roman. Vielmehr ist es ein immersiver, praller, zuweilen atemloser Text. Er erinnert an einen üppigen Blumenstrauß, bunt und duftend, aber auch ein bisschen überbordend.

Blumen sind ein wiederkehrendes Bild, in russischer Tradition sind es nämlich die Mütter, die jedes Jahr zum Geburtstag ihrer Kinder mit Blumen geehrt werden – schließlich wäre da kein Kind ohne eine Mutter, heißt es. Gorelik ist in Leningrad geboren, war elf, als sie mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Sie schreibt auf Deutsch, scheint aber in mindestens zwei Sprachen zu denken und konstant abzuwägen zwischen Wörtern und ihren Bedeutungen. Wo die Sprache der Mutter von der des neuen Umfelds abweicht, erlangen einzelne Wörter eine Intimität, die monolingual Aufwachsende nicht kennen dürften: „Das Wort Nagellackentferner war mir in der Schule den ganzen Tag nicht eingefallen, weil Du Aseton dazu sagtest und ich sonst mit niemandem über Nagellackentferner sprach.“ Das Buch changiert zwischen autobiografischen Kapiteln und den Geschichten erdachter, in Interviews befragter oder irgendwo beobachteter Mütter: im Freibad, im Zoo, im Netz.

Es sind viele Namen. Doch gerade weil man nur Miniaturen von ihnen kennenlernt, funktionieren die Kapitel wie exzellente Kurzgeschichten. Was all die Mütter eint, ist, dass sie einmal Kinder waren, bevor sie für die eigenen nur noch „Mama“ wurden – in verschiedenen (Mutter-)Sprachen versteht sich. Diese Rolle werden sie nie wieder los, nicht einmal über ihren Tod hinaus, heißt es an einer Stelle. Und was teilen die Figuren noch über Länder und Generationen hinweg? Es ist diese wahnsinnige Liebe, gepaart mit Erschöpfung und Zweifel. Ähnlich universell die Ängste, die mit der Mutterschaft einhergehen: Keine leichte Kost ist das Kapitel, in dem vom Verlust eines Kindes erzählt wird. Das Horrorszenario jeder Mutter unterlegt Gorelik mit Zitaten aus Interviews, die sie selbst mit Müttern führte, deren Kinder in gegenwärtigen Kriegen getötet wurden. Sinnlose, unnatürliche Tode, und Haare, die über Nacht grau werden: „Die trauernde Mutter, ein altes Bild, der urewige Schmerz.“

Von der Verbundenheit all dieser Mütter ohne Pathos zu erzählen, ist eine große Kunst. Allerdings irritiert zuweilen die Inklusivität, die Gorelik spürbar versucht aufrechtzuerhalten: Stellenweise wirkt sie erzwungen.

So hängt dem Wort „Frauen“ ein Gendersternchen an, mehrfach wird betont, dass es nicht die eine allgemeingültige Erfahrung gibt. Muss man das aber der Leserschaft erklären, sich gar entschuldigen, dass nicht jede Realität abgebildet werden kann? Vielleicht steht diese Absicherung – die wenig zum alles andere als didaktischen Grundton des Buches passen mag – symbolisch dafür, wie viel Rechtfertigung Frauen ständig für ihre Art des Mutterseins (oder Nichtmutterseins) abverlangt wird.

Alle meine Mütter Lena Gorelik Rowohlt 2026, 272 S., 24 €

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