Musik | Popstar wie Erlöserin: Rosalía betritt mit „Lux“ den Himmel und kehrt gen die Erde zurück

Der Auftakt zum neuen Rosalía-Album war denkbar groß gewählt: Während das letzte Album, Motomami (2022), noch mit klassischerem Club-Sound aufwartete, eine Internetästhetik bediente und in seiner Promokampagne vor allem auf Tiktok setzte, wurde mit dem neuen Album, Lux, von Anfang an in Richtung Hochkultur geblinkt. Schon die erste Single, Berghain, ließ mit Orchester, Bombast-Chören, arienartigen Passagen und einem überraschenden Sprachenmix aus Deutsch, Englisch und Spanisch aufhorchen.

Dass eine Künstlerin, die vor allem mit Reggaeton-Songs bekannt geworden ist, nun ein derart experimentelles Album mit Rückgriff auf klassische Musik vorlegt und die eigene Fangemeinde diesen Schritt begeistert mitgeht, ist eine Entwicklung, die verblüfft. Rosalías Album steht mit dieser Überschreitung von Genregrenzen jedoch durchaus nicht alleine da.

2019 wird oft als das Jahr veranschlagt, um das herum Reggaeton auch global endgültig seinen Siegeszug antrat. Erstmals dominierten Reggaeton-Tracks die Billboard-Charts, US-Stars wie Drake und Beyoncé kollaborierten mit Reggaeton-Künstlern. Reggaeton, der in den 1990ern in der Karibik entstand und Elemente aus Latin Music mit Hip-Hop und Reggae verband und durch den Dembow-Beat mit seinen charakteristischen Synkopen deutlich tanzbarer ist als etwa Hip-Hop oder Rock, wurde damit auch über die spanischsprachige Welt hinaus zu einem der meistgehörten Genres.

Rosalía zeigt: Reggaeton entdeckt sich neu, Hip Hop ist in der Sinnkrise

Während in den ersten Jahren nach dem Latin-Boom noch relativ genretypische Produktionen überwogen, erschienen seit 2024 mehrere Alben, die Genregrenzen bewusst überschritten. Ob Bad Bunny mit DeBÍ TiRAR MáS FOToS (2025) oder Nathy Peluso mit Grasa (2024) – Reggaeton klingt derzeit so experimentell und wagemutig wie kaum ein anderes Popmusik-Genre und läuft damit auch Hip-Hop den Rang ab, als großer „melting pot“ für verschiedenste Stile zu fungieren.

Während Hip-Hop sich momentan in einer Sinnkrise zu befinden scheint und zunehmend konform klingt, während große Würfe wie To Pimp a Butterfly (2015) eines Kendrick Lamar auf sich warten lassen (Ausnahmekünstler:innen wie Doechii bestätigen die Regel), scheint Reggaeton sich gerade auf interessante Weise neu zu entdecken.

Bei Nathy Peluso wechseln sich ganz selbstverständlich klassische Salsa-Rhythmen mit Trap-Bangern ab. Bad Bunny samplet sich quer durch die puerto-ricanische Musikgeschichte, um ein – auch textlich überaus interessantes – Album über Tradition, Kultur und Identität vorzulegen. Was diese Alben so gut macht, ist, dass ihnen sehr erfolgreich der Brückenschlag zwischen lateinamerikanischer Musiktradition und elektronischer Gegenwartsmusik gelingt. So entstehen Songs, die eingängig und tanzbar sind, aber zugleich erfrischend unkonventionell.

Auf „Lux“ macht Rosalía sich zur Messiasfigur

Rosalía geht diesen Schritt nun noch radikaler: Eine klassisch ausgebildete Sängerin arbeitet mit Italienisch als Opernsprache, großem Orchester und sakralen Themen um Liebe, Kunst und Erlösung und verwebt dabei scheinbar mühelos 13 Sprachen und verschiedenste Musikstile zu einem Gesamtwerk. Lux ist dabei gleich in vielerlei Hinsicht ein Statement. Fast kunstreligiös macht Rosalía sich zu einer Art Messiasfigur und nimmt damit in ihre Musik auf, was sich in den letzten Jahren beispielsweise auch in der Verehrung von Taylor Swift durch deren Fangemeinde gezeigt hat: Große Popstars sind längst nicht nur kommerzielle Erfolgsgaranten und wirtschaftlich relevante Player, sondern beinahe Erlösungsfiguren, die versprechen, Sinn zu stiften.

Rosalía hebt das auf eine bewusste Ebene, wenn sie sich auf ihrem neuen Album in märtyrerhafter Aufopferung inszeniert, Liebe und Leid stellvertretend für ihre Hörer:innen durchlebt. Das Versprechen, Zugang zu etwas Höherem zu gewähren, wird aus seiner Verknüpfung mit klassischen Werken herausgelöst, bei Rosalía wird es eingängig.

Wo Lux Liebe zu seinem zentralen Motiv macht, kommen universales Pop-Sujet und christliche Kulturgeschichte überraschend auf einen Nenner. Und wenn Björk auf Berghain singt: „the only way to save us is through divine intervention“, scheint es plötzlich nicht mehr nur um die scheiternde Liebe einer Paarbeziehung zu gehen, sondern um ein um sich greifendes Gefühl von Perspektivlosigkeit in einer krisenhaften Gegenwart.

Liebe, Sex, Gewalt im Opener „Berghain“

Allein: Das Album benennt „Liebe“ nicht als billige Universalantwort auf die Krisen unserer Zeit, sondern zeigt sie in all ihrer Ambivalenz. Nicht nur im Opener stehen „Sexo“ und „Violencia“ nebeneinander, sondern auch im Song Berghain, wenn das gewaltvoll anmutende „I’ll fuck you ’til you love me“ am Ende in ein bedürftiges „love me“ übergeht.

So gewinnt das Album schließlich auch ein politisches Moment. Nicht nur, indem Rosalía ihre besondere Stellung nutzt, um einen gemeinsamen musikalischen Bezugspunkt zu schaffen, der dieser Tage Millionen Menschen in Austausch miteinander bringt. Sondern auch, indem sie Grundthemen menschlicher Existenz verhandelt: Der Wunsch nach Nähe und menschlicher Verbindung wird bei ihr als etwas im Kern Widersprüchliches gezeigt und verliert doch nicht sein Hoffnungsmoment.

Mit Lux ist ihr ein Album gelungen, das musikalisch ambitioniert und doch eingängig klingt. Und wenn sie im ersten Song, frei übersetzt, fragt: „Wer könnte von dieser Erde kommen? Und den Himmel betreten und zur Erde zurückkehren?“, dann ist die Antwort vielleicht – wenigstens in musikalischer Hinsicht: Rosalía.

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