Musik | „Black Ark“ von Lee „Scratch“ Perry: Der Geist aus jener Maschine

Lee „Scratch“ Perry, der exzentrische Reggae-Pionier, hat nicht nur Musikgeschichte geschrieben, sondern auch als bildender Künstler große Arbeiten geschaffen. Ein neuer Prachtband erkundet, warum er als Salvador Dalí der Musik gilt


Afrojamaikanische Magie, Symbole und Spiritualität. Lee „Scratch“ Perrys Kunst zeigt die manisch-geniale wie exzentrische Welt des großen Produzenten und Musikers

Foto: Marc Asekhame, Courtesy of Edition Patrick Frey and The Visual Estate of Lee Scratch Perry


Er sei ein Alien aus einer anderen Welt, hat Lee „Scratch“ Perry gerne behauptet. „Ich lebe im Weltall, auf der Erde bin ich bloß ein Besucher.“ Entsprechend exzentrisch war das Auftreten des 1936 in Jamaika geborenen Reggae-Produzenten, -Sängers und -Musikers.

Keith Richards nannte ihn „den Salvador Dalí der Musik“. Ein drahtiger Mann, meist behängt mit Spiegeln, Münzen, Federn und anderen Symbolen afrojamaikanischer Volksmagie, sodass man ihn für einen spirituellen Obeah Man, halten konnte – oder einen ziemlich durchgeknallten Exzentriker. Doch Perrys Beitrag zur Entwicklung der Popmusik ist enorm, nicht nur weil er die ersten Alben von Bob Marley produziert hat.

Sein Instrument war das Tonstudio, und er nutzte jede Möglichkeit, ihm die bizarrsten und sonderbarsten Klänge zu entlocken. Unter den Fingern des Upsetters, wie er sich nach einem seiner frühen Hits nannte, wurde das Mischpult zur schillernden Klangbühne, auf der die einzelnen Instrumente auf- und abtraten wie die Figuren eines Theaterstücks.

Perry gilt deshalb als Pionier des Dub, den er so psychedelisch und abenteuerlustig anrichtete wie kein anderer. „Black Ark“ taufte Perry sein Studio in Kingston, in dem er im Verlauf der 1970er einige der größten Klassiker des Reggae erschaffen hat: Junior Murvins Police & Thieves, Max Romeos Chase The Devil oder das spirituell entrückte Heart of the Congos – für viele das beste Reggae-Album überhaupt.

Die Ära endete 1983 mit einem Brand, der den Kontrollraum und Teile des Studios zerstörte. Perry behauptete, er selbst habe das Feuer gelegt, „weil dort unreine Geister herrschten“. Doch laut seinem Biografen David Katz war ein elektrischer Defekt die Ursache.

Beim Zürcher Verlag Edition Patrick Frey ist mit Black Ark nun eine mehr als 600-seitige Würdigung erschienen. Eine Mischung aus Kunstbuch und Kompendium, die den Musikproduzenten erstmals als bildenden Künstler präsentiert. Perry war bis zu seinem Tod in das Projekt involviert, seit den 1990ern lebte er mit seiner Frau Mireille in Einsiedeln in der Schweiz. Haptik, Aufmachung und Bildmaterial tragen den Stempel seines kreativen Wahnsinns. Da werden über 80 Seiten lang dadaistische Wortkreationen aufgelistet, die Perry während nächtlicher Sessions in ein Notebook getippt hat.

Cannabis-Qualm – vertont

500 Fotografien, oft doppelseitig, zeigen Objekte und Werke aus einer untergegangen Welt und zeugen von Perrys manischem Schaffensdrang. Großformatige Wandmalereien, mit Tags bekritzelte Flyer und Geldscheine, dazu unzählige Artefakte: Turnschuhe oder ausrangierte Keyboards, beklebt, bemalt, oft verwittert und von Rost oder Wachs überzogen, bis sie wie Reliquien eines außerirdischen Kults aussehen. Haile Selassie, der von den Rastas als Schwarzer König und wiedergekehrter Messias verehrt wird, ist auf den Bildern und Collagen allgegenwärtig.

Den Ausgangspunkt des Buchs bildet eine ausführliche fotografische und schriftliche Bestandsaufnahme des Black-Ark-Studios. Sie fand im Frühjahr 2021 statt und folgt der These, dass Perrys Musik dort eine dauerhafte visuelle Entsprechung fand. „Schicht um Schicht formen diese Kunstwerke ein rhizomatisches Geflecht, das verwoben ist mit dem Gebäude, seinen Möbeln – und mit Lee Perrys Leben und Persönlichkeit“, schreibt der Musikethnologe Michael E. Veal im Vorwort.

Auch andere Theoretiker und Experten, wie Kodwo Eshun, David Katz und John Corbett, kommen mit eigenen Texten zu Wort. Die Kunsthistorikerin Veerle Poupeye schreibt: „Lee Perry verstand die mystischen Dimensionen des Klangs und seine Verbindung zu einer spirituell belebten materiellen Welt vollkommen. (…) Die eklektische Umgebung der Black Ark stellt das visuelle und materielle Gegenstück zu Perrys vielschichtigen, Collage-artigen Klanglandschaften dar.“

Der Wundermann

Tatsächlich hat der Dub-Schamane in den 1970ern reichlich Cannabis-Qualm auf Tonbänder geblasen oder Mikrofone in der Erde vergraben, um seine Musik auf ein höheres Level zu hieven. Das Mischpult fungierte für ihn als Schnittstelle zwischen Geist und Maschine: „Ich gebe meine Gedanken in die Maschine ein und die Maschine führt die Realität aus.“ Fast so, als hätte er KI vorweggenommen.

Eine professionelle Ausbildung als bildender Künstler hat Perry nie absolviert – die Kunstwelt liebt ihn trotzdem. Bereits 2019 zeigten das New Yorker Swiss Institute of Contemporary Art und die Chicagoer Galerie Corbett vs. Dempsey in Einzelausstellungen Werke, die in der Black-Ark-Ära entstanden sind, zum Teil aber auch in der Schweiz. Man kann das Outsider-Art nennen, nichtwestliche Kunst oder surreale Entäußerungen eines „Salvador Dalí der Musik“. Doch im Prinzip begegnete Lee „Scratch“ Perry der Welt schon immer synästhetisch, das Obeah-Dread-Rasta-Krishna-Alien-Space-Mirror-Gehirn eines selbsternannten „Wundermannes“ wendete er auch bei seiner Arbeit als Künstler an.

Bis zu seinem Tod am 29. August 2021 hat er nicht aufgehört zu produzieren, sowohl Musik als auch Kunst. „Einmal sind wir in den Wald gegangen und haben ein paar Holzstücke gegeneinandergehauen“, erinnert sich der Techno-Musiker Alex Patterson an eine Zusammenarbeit mit Perry von 2012. „Das war super!“ Das Buch Black Ark kommt Genie und Wahnsinn dieses Mannes näher als viele seiner musikalischen Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre.

Black Ark Lee Scratch Perry Edition Patrick Frey 2026, 667 S., 68 €

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