Das britische Bildungsunternehmen Multiverse übernimmt das Berliner Start-up Stackfuel. Das erfuhr die F.A.Z. von den beteiligten Parteien. Multiverse wurde 2016 von Euan Blair gegründet, dem Sohn des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair. Blairs Unternehmen bietet eine Weiterbildungsplattform für Kompetenzen rund um Künstliche Intelligenz, Daten und Technologie an und schneidet die Programme spezifisch auf seine Unternehmenskunden zu. „Der Kontext ist das Wichtigste“, sagt Euan Blair im Gespräch mit der F.A.Z. „Es ergibt keinen Sinn, Krankenschwestern und Finanzanalysten haargenau die gleichen KI-Programme durchlaufen zu lassen.“
Für sein Geschäftsmodell hat Multiverse insgesamt rund 500 Millionen Dollar von prominenten Investoren wie Lightspeed, Index Ventures und General Catalyst eingesammelt; zuletzt 2022 bei einer Bewertung von 1,7 Milliarden Dollar. „Wir schauen uns den deutschen Markt schon seit geraumer Zeit an“, sagt Blair. „Stackfuel ist in Deutschland führend auf seinem Gebiet und damit der perfekte Partner für unsere Expansion.“ Über den Kaufpreis haben die beiden Parteien Stillschweigen vereinbart.
Das 2017 gegründete Stackfuel bietet Online-Weiterbildungen in den Bereichen Daten und Künstliche Intelligenz an und arbeitet unter anderem mit den Beschäftigten von Mercedes-Benz und Telefónica. Stackfuel sei bereit für den nächsten Wachstumsschritt gewesen und habe im vergangenen Jahr nach neuen Partnern gesucht, sagt Leo Marose von Stackfuel. Er bleibt genau wie sein Mitgründer Stefan Berntheisel auch nach der Übernahme an Bord. Man wolle „das Beste aus beiden Welten“ und werde im Prinzip weitermachen wie bisher, nur in größerem Umfang, sagt Marose. In einem ersten Schritt wolle Stackfuel die KI-Inhalte von Multiverse übernehmen, die Plattform und Infrastruktur im Hintergrund folgten später.
Blair: Es droht ein „ernster Arbeitsmarktschock“
Durch den Zusammenschluss wollen beide Unternehmen auf dem fragmentierten KI-Bildungsmarkt mehr Schlagkraft entwickeln. Vielen Anbietern fehle neben der Expertise auch das nötige Kapital, sagt Marose. „Nichts ist dringender, als unsere Arbeitskräfte fit für das KI‑Zeitalter zu machen“, ergänzt Blair. KI sei für Europa eine Art „Rettungsboot im Sturm“, weil es die lange stagnierende Produktivität auf dem Kontinent „dramatisch“ ankurbeln könne.
Und im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten würden europäische Unternehmen lieber in ihre Mitarbeiter investieren, anstatt sie zu feuern. Berufsbegleitende Weiterbildungen seien in Europa auch politisch gewollt und unterstützt, weil sonst ein „ernster Arbeitsmarktschock“ drohe. Um das Potential zu heben, müssten aber Millionen an Arbeitnehmern in Europa in KI-Kompetenzen geschult werden – ein aufwendiges Unterfangen, für das es Kapital und die entsprechende Skalierung brauche. „Wir stellen in Deutschland im großen Stil Mitarbeiter ein“, sagt Blair.
Ziel: 100.000 Menschen in Deutschland weiterbilden
Multiverse und Stackfuel haben sich zunächst das Ziel gesetzt, 100.000 Menschen in Deutschland im Bereich Künstliche Intelligenz weiterzubilden. Wahrscheinlich werde das zwischen zwei und drei Jahren dauern, sagt Blair. „Deutschland hat alles, was es braucht, um im KI‑Zeitalter ganz vorne mitzuspielen“, sagt Marose. Was noch fehle, seien vor allem die Fähigkeiten der einzelnen Beschäftigten, die Technologie anzuwenden. „70 Prozent der Beschäftigten in Deutschland erhalten bisher noch keine KI-Weiterbildung.“
Für Stackfuel und Multiverse eine Chance. Doch bisher war der Markt trotz des KI-Hochlaufs nicht einfach. „An Weiterbildungen haben Unternehmen in einer Rezession gerne als erstes gespart. Da findet aktuell aber ein Umdenken statt, weil Weiterbildung inzwischen als entscheidender Erfolgsfaktor für notwendige Transformationsprozesse verstanden wird“, sagt Marose. Auch Multiverse schreibt noch keine schwarzen Zahlen. In einem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht für das Geschäftsjahr bis Ende März 2025 ist von einem Verlust über 63,2 Millionen Pfund (gut 72,8 Milliarden Euro) die Rede. Allerdings ist der Umsatz im gleichen Zeitraum immerhin um mehr als ein Drittel auf 79,6 Millionen Pfund (gut 91,7 Milliarden Euro) gewachsen.
Der deutsche Weiterbildungsmarkt unterscheidet sich dabei kulturell vom amerikanischen oder britischen. „Wir sind es in Deutschland nicht so gewohnt, für private Bildung zu bezahlen“, sagt Marose. Angestellte hier sähen ihren Arbeitgeber in der Pflicht. Er beobachte aber, dass im Zuge der KI-Transformation immer mehr Arbeitnehmer ihren Lebenslauf aus eigenem Antrieb aufbesserten.
Blairs Ambitionen gehen weit über Deutschland und das Vereinigte Königreich hinaus. Er will in ganz Europa expandieren und ist überzeugt, dass der Schlüssel für Europas künftige Wettbewerbsfähigkeit nicht eigene KI-Modelle oder die besten KI-Anwendungen seien, sondern über die Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu verfügen, die am besten mit KI umgehen könnten.