Überlebensgroß schaut der junge Gardeleutnant Denis Bastrikow aus sieben Meter Höhe von einem Propagandaplakat auf den Leningradskij Prospekt im Nordwesten Moskaus. Der Soldat Bastrikow wird als „Held“ und „Stolz Russlands“ gewürdigt. Die Moskauer, die morgens bei minus 15 Grad durch den Schnee zur Metro-Station „Aeroport“ laufen, werfen selten einen Blick auf die ihnen dargebotene Heroisierung.
Entsprechend bleiben in den Buchläden manche Militärposter und Armeekalender Ladenhüter. Auch in das Geschäft für Militärmode „Woin“ (Krieger) in einem großen Einkaufszentrum an der Metrostation „Dynamo“ zieht es nur wenige Kunden. Hemden, Pullover, Jacken und Stiefel im Military-Look sind nicht sonderlich gefragt. Das Gros der Moskauer kleidet sich lieber zivil.
Kriegsbedingt wird der nächste Urlaub für viele im Inland stattfinden oder im preiswerten Belarus
Sie leben in einem Land, dessen Fernsehen sie unablässig auf das bevorstehende fünfte Kriegsjahr einstimmt, das Ende Februar beginnt. In der Nachrichtensendung des Ersten Kanals wirbt Jekaterina Andrejewa (60), seit knapp dreißig Jahren TV-Sprecherin, für „unsere Helden, die für das Land und die Gerechtigkeit kämpfen“.
Korrespondenten des Kanals melden aus den Regionen einen steten Zustrom von Freiwilligen in den Rekrutierungsbüros. Zu Wort kommt auch Irina, eine Bewohnerin von Belgorod, der Grenzregion zur Ukraine. „Um gegen den Beschuss ihres Gebietes durch die Ukraine zu kämpfen“, hat sich die zwanzigjährige Krankenschwester für eine „Evakuierungsgruppe“ gemeldet, die Verwundete aus der Kampfzone rettet. Ihr Ehemann stehe bereits an der Front, erzählt sie.
Doch mit dem Alltag der Moskauer haben diese Berichte nicht viel zu tun, sie zeigen sich vorwiegend postheroisch gestimmt. In der U-Bahn scrollen sie auf den Bildschirmen ihrer indischen oder chinesischen Smartphones vieles, von Comedy bis Kochrezepten, aber nur selten Kriegsberichte.
Die Front ist dann ein Thema, wenn sich deren Folgen durch die Inflation und erhöhte Steuern bemerkbar machen. Der nächste Urlaub wird daher für viele im Inland stattfinden oder im preiswerten und ruhigen Belarus, dessen Führung sich aus dem Krieg im Nachbarland weitgehend heraushält.
Die Kinos bieten zum Jahresauftakt Heiteres statt Heldenkult. Im Filmtheater „Illusion“, in das man durch ein Portal gelangt, das Hammel und Sichel aus Sowjetzeiten schmücken, läuft mit großem Erfolg der Animationsfilm Buratino, angelehnt an das einstige gleichnamige Kinderbuch des sowjetischen Schriftstellers Alexej Tolstoi, der einiges bei Pinocchio abgekupfert hatte. Die harmlosen Abenteuer der hölzernen Puppe helfen den Zuschauern, die militärischen Abenteuer der Gegenwart für eine Weile zu vergessen.
Ganz anders das Staatsfernsehen, das nicht derart unterhalten will. Zu später Stunde, zu der einst aparte Interviewerinnen gereifte Schauspieler nach ihrer Karriere befragten, läuft jetzt die Sendung Zeit der Helden. Da befragt der Afghanistan-Veteran Oleg Scheinin den beinamputierten Offizier Sergej Tanygin zu dessen Erfolgen im Behindertensport. Und er preist den Mittvierziger, der in Ausgehuniform und Orden vor ihm sitzt, als „eisernen und standhaften Menschen“.
In jedem Fall sei das Kriegsthema „eine offene Wunde für Millionen“, räumt die „Literaturnaja Gaseta“ ein
Wer staatsloyale russische Medien seit Jahren verfolgt, dem fällt in jüngster Zeit eine Veränderung auf. Selbst hartgesottene Propagandisten meiden das Wort „Sieg“ und hüten sich, zu behaupten, dieser sei nah. Selbst der traditionell optimistische TV-Trommler Wladimir Solowjow vom staatlichen Kanal „Rossija“ spricht mit angespanntem Gesichtsausdruck von einem „äußerst schweren Krieg“.
Und in dem bei Loyalisten beliebten Kanal „Solowjow live“ vergleicht Militärblogger Wlad Schurygin den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine mit dem sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 und schlussfolgert – so ähnlich wie damals, mit einem Kompromiss, könne auch der Schlagabtausch zwischen Moskau und Kiew enden, wobei die Ukrainer auf eine Revanche setzen würden wie einst die Finnen.
Schurygin meint, man müsse über „die politische Frage des Ukrainertum als Herausforderung“ nachdenken. Dem habe man sich „aber in Russland bis heute noch nicht gestellt“. Politische Probleme beim Umgang im Konflikt mit der Ukraine kommen inzwischen auch in Moskauer Zeitungen offen zur Sprache.
In der Literaturnaja Gaseta schreibt der Schriftsteller Gleb Bobrow aus Luhansk im Donbass, das Russland als sein Gebiet betrachtet, der Krieg habe seit Beginn des Konfliktes mit Kiew im Frühjahr 2014 „praktisch keine Widerspiegelung in der ‚großen‘ Kunst gefunden“. Der Grund dafür sei, „dass wir es mit einer gespaltenen Wahrnehmung des Geschehens zu tun haben“. Manche, so der Autor, betrachteten die Ereignisse als „Militärische Spezialoperation“, andere als „Krieg“.
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Unter russischen Intellektuellen würden nicht wenige offen die Ukraine unterstützen, räumt Bobrow ein. In jedem Fall sei das Kriegsthema „eine offene Wunde für Millionen“. Und „jeder, der versucht, ehrlich die Angst, den Schmerz, das Absurde oder die moralischen Qualen an der Front und in der Etappe zu zeigen, riskiert, zum ‚Verräter‘ erklärt zu werden“. Daher, so Bobrow, würden „Theater und Kinostudios, die Probleme befürchten, Selbstzensur vorziehen“ und sich lieber Unterhaltungssujets zuwenden.
Das „Regime in Kiew“ habe „noch Raum zum Kampf“, steht in der Tageszeitung „Moskowskij Komsomelez“
Einen realitätsnahen Blick auf den Stand des Krieges und die Chancen, ihn zu beenden, wagen russische Politologen. Timofej Bordatschow, Professor und Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai, bescheinigt in der Tageszeitung Moskowskij Komsomelez dem „Regime in Kiew“, es habe „noch Raum zum Kampf“. Gleichzeitig solle man in der Ukraine „die Stärke der radikalen Nationalisten nicht überschätzen“, denn viele, die sich zu denen hingezogen fühlten, seien bereits gefallen.
Die Verhandlungsaussichten, so Bordatschow, würden sich 2026 „nicht radikal ändern“. Moskau wünsche sich „eine Ukraine, die für Russland niemals mehr eine Bedrohung werden könnte“. Die USA hingegen wollten sich die Option offenhalten, die Ukraine gegen Russland zu benutzen. Ohnehin, so der Politologe, müsse man sich klar darüber werden, „dass die Lösung des ukrainischen Problems viele Jahre dauern wird, sogar dann, wenn wir uns 2026 darauf einigen sollten, die Kämpfe zu beenden“.