Doch zur allgemeinen Überraschung verkündete Nabiullina nicht nur eine Senkung auf 15,5 Prozent, sondern äußerte sich auch noch erstaunlich optimistisch: Demnach sei der Höhepunkt des Inflationsdrucks überschritten und der Anstieg im Januar eine einmalige Erscheinung aufgrund der Mehrwertsteuererhöhung von 20 auf 22 Prozent zum Jahresbeginn gewesen. Sie stellte weitere Zinssenkungen in Aussicht.
Experten erwarten weiteren Inflationsschub
Dabei halten Fachleute die Lage der russischen Wirtschaft für deutlich problematischer als von Nabiullina dargestellt. So gilt als wahrscheinlich, dass geplante Erhöhungen von kommunalen Abgaben spätestens im Herbst für einen weiteren Inflationsschub sorgen dürften. Zudem kommen aus immer mehr zivilen Branchen der Wirtschaft alarmierende Nachrichten. Zuletzt hatte einer der größten Baukonzerne, Samoljot, um einen staatlichen Hilfskredit zur Tilgung von Schulden gebeten. Wegen der hohen Zinsen ist der Wohnungsmarkt und damit die gesamte Baubranche in eine schwere Krise geraten; viele Firmen auch in anderen Wirtschaftszweigen haben Probleme, ihre Schulden zu bedienen.
Lediglich die Rüstungsindustrie zeigt noch ein geringes Wachstum. Insgesamt wird in diesem Jahr wie schon im vergangenen ein Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von etwa einem Prozent erwartet. Der Analyst der Anlageberatung Finam, Jaroslaw Kabakow, schrieb über die Entscheidung der Zentralbank, diese gründe nicht auf dem „Sieg über die Inflation“, sondern auf einer „Ermüdung der Wirtschaft aufgrund der hohen Zinsen“, weshalb der Abwärtszyklus langwierig, vorsichtig und ständig durch neue Inflationsschocks unterbrochen werden dürfte.
Anleger am russischen Aktienmarkt reagieren verhalten
Verhalten reagierten auch die russischen Anleger am Aktienmarkt auf die Neuigkeit der Leitzinssenkung. Der in Rubel berechnete Leitindex Imoex bewegte sich zwar aufwärts, aber nur langsam in Richtung von 2800 Punkten. Über der Marke von 3000 Punkten hatte der Imoex zuletzt im Frühling vergangenen Jahres gelegen, als Hoffnungen auf eine russlandfreundliche Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Anleger beflügelt hatten.
Auch jetzt spielten die Geopolitik und der Ölpreis eine größere Rolle als die Entscheidungen der Zentralbank, sagte der Anlageberater der Bank PSB, Alexander Golowzow, der russischen Zeitung RBK. Damit der Imoex innerhalb von ein bis zwei Monaten die 3000-Punkte-Marke erreichen könne, müsse entweder eine „Lösung der geopolitischen Situation“ deutlich näherrücken oder der Preis für ein Fass der Sorte Brent über 75 Dollar liegen, sagte der Analyst. Allein durch eine Lockerung der Geldpolitik und eine Abschwächung des Rubels könne der Index zwar auch auf 3100 bis 3200 Punkte kommen, das würde Golowzow zufolge aber bis zum Jahresende dauern.
Importe durch Sanktionen zurückgegangen
Die Stärke des Rubels ist einer der Faktoren, die den Aktienmarkt belasten: Seit Anfang vergangenen Jahres hat die russische Währung zum Dollar um knapp 48 Prozent zugelegt. Während man im Januar 2025 für einen Dollar noch 103 Rubel zahlen musste, sind es mittlerweile nur noch rund 77 Rubel. Für den enormen Anstieg nennen Fachleute mehrere Gründe. Der hohe Leitzins, der 2025 im Jahresdurchschnitt bei etwa 19 Prozent lag, macht Ersparnisse in Rubel attraktiver und sorgt dafür, dass weniger Geld für Importe ausgegeben wird – dadurch sinkt die Nachfrage nach Fremdwährungen.
Die Importe sind im vergangenen Jahr aber auch wegen der Sanktionen zurückgegangen und weil Russland selbst durch Zölle und andere protektionistische Maßnahmen Einfuhren drosselt. So wurden im vergangenen Jahr rund 42 Prozent weniger chinesische Autos nach Russland importiert als noch 2024, da Moskau die Abgaben auf im Ausland hergestellte Autos deutlich erhöht hat, um die eigene Industrie vor der billigen Konkurrenz zu schützen.
Inflationserwartungen liegen bei fast 14 Prozent
Der Rubel profitiert aber auch davon, dass sein Anteil an Transaktionen im Außenhandel wächst. Dem russischen Wirtschaftsportal The Bell zufolge wurden im Dezember 54,6 Prozent der Importe und damit so viel wie noch nie in Rubel bezahlt, während es im Januar 2024 nur 30,4 Prozent waren. Hinzu kommt, dass es auch für Exporteure lukrativer ist, ihre Deviseneinnahmen zu verkaufen und in Rubel anzulegen, als im Ausland zu belassen, wo dies wegen der Sanktionen selbst in Ländern wie China immer schwieriger wird.
Die starke Währung belastet einerseits den russischen Haushalt: Die Deviseneinnahmen der Ölexporteure bringen in Rubel weniger ein; im vergangenen Jahr lagen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport auch wegen niedriger Weltmarktpreise um 24 Prozent unter denen des Vorjahres. Das führt zu einem wachsenden Haushaltsdefizit, da die Ausgaben für den Krieg gegen die Ukraine mit sieben bis acht Prozent des BIP unverändert hoch bleiben. Andererseits werden Importe dank des starken Rubels billiger, was die Inflation bremst. Aktuell liegt die Teuerungsrate noch bei rund 6,4 Prozent, während sie vor einem Jahr noch gut zehn Prozent ausmachte.
Allerdings scheinen die Menschen in Russland diese Verlangsamung nicht zu spüren: Die Inflationserwartungen liegen weiterhin bei beinahe 14 Prozent. Nabiullina nannte am Freitag daher auch als wichtigstes Ziel, diese Erwartungen nun schnell zu verringern. Andernfalls könne die Zentralbank nicht wie geplant den Leitzins senken, warnte sie – und drohe dann ihr Ziel zu verfehlen, die Inflation bis zum Jahresende auf vier Prozent zu bringen.
Source: faz.net