Mord zum Wohlfühlen: Der „Tatort“ und dasjenige gute Gewissen des deutschen Publikums

Am Anfang steht – der Mord. So besagt es das deutsche TV-Evangelium. Das deutsche Fernsehen kennt jedenfalls kaum eine (Neu-)Schöpfung, die ohne das Verbrechen auskommt. Formate wie der Tatort oder Polizeiruf 110 folgen dabei einer immer gleichen Formel: Auf das Verbrechen folgen Ermittlungen, verschiedene Verdächtigungen, vielleicht falsche Fährten. Am Ende aber steht die beruhigende Rückversicherung, dass die Ordnung wiederhergestellt ist.

Man kann diese Konstanz unterschiedlich lesen und bewerten, etwa als Ausdruck einer eigentümlichen Faszination für die Staatsgewalt, wie Carlos Hanke Barajas kürzlich im Freitag schrieb und die Abschaffung des Tatort forderte. Man kann darin aber auch eine Art „Lagerfeuer-Moment der Nation“ erkennen, wie Maxi Leinkauf in einer Replik zur Verteidigung ansetzt.

Mich beschäftigt an der kollektiven Krimi-Faszination noch etwas anderes. Je systematischer ich mich mit dem deutschen TV-Programm auseinandersetze, etwa im Rahmen der Nominierungskommission „Fiktion“ des Grimme-Preises, desto dringlicher stellt sich mir eine Frage, die über Geschmack oder Ritual hinausgeht: Was für ein Bild zeichnet die permanente Konzentration auf Mord, Ermittlung und Auflösung eigentlich von Unrecht, von Gut und Böse?

Film-Plots um Kapitalverbrechen liefern ein Bild des klar umrissenen Bösen

Das Böse hat im deutschen Fernsehen eine auffallend konkrete Form: Es ist der Mord. Darunter geht es selten, im Krimi schon gar nicht. Wohl nicht nur, weil es sich dabei vielleicht um das „spektakulärste“ aller Verbrechen handelt, sondern auch um das eindeutigste. Es gibt eine klar umrissene Tat, einen identifizierbaren Täter und vor allem die Möglichkeit, beides in eine Lösung zu überführen. Ermitteln, festnehmen, einsperren – und danach hat der Rest wieder seine Ruhe.

Man möchte hinzufügen: der anständige Rest. So erkläre ich mir jedenfalls die breite Anschlussfähigkeit des Genres, von Formaten wie dem Tatort. Nicht nur mit einem autoritären Reflex oder dem Versprechen, dass am Ende die Ordnung wiederhergestellt ist, sondern auch mit einem subtilen Entlastungseffekt, dem beruhigenden Gefühl, dass all das mit uns, den Zuschauerinnen und Zuschauern, nichts zu tun hat.

Der Krimi ist eine Flucht auf die richtige Seite

Die Faszination für den Krimi ist damit eine eigentümliche Form des Eskapismus. Sie besteht nicht etwa in einer Utopie oder darin, in ferne Welten zu entfliehen, sondern begnügt sich damit, sich innerhalb der eigenen zu verorten – auf der sicheren Seite. Es genügt, kein Opfer zu sein, nicht so beschädigt wie die Ermittler durch das Leben zu gehen und vor allem: nicht zu den Tätern zu gehören.

Anders ausgedrückt: Auf den Tatort kann man sich einigen, weil das Böse, das er verhandelt, zuverlässig außerhalb von uns liegt. Das moralisch Verwerfliche ist ausgelagert in die Figur des Mörders und streng getrennt vom Publikum, das wahlweise mitfiebert, sich berieseln lässt oder sich an der Grenzüberschreitung ergötzt.

Und solange diese Grenze hält, bleibt die Vorstellung intakt, dass das, was falsch läuft, nicht grundsätzlich mit uns zu tun hat – sondern mit den anderen. Wir sind im Grunde „gut“ – wenn auch nur im minimalen Sinn, als dass wir nicht sind wie „die“, ja immerhin niemanden umgebracht haben.

Der Gedanke liegt nah, dass das nicht folgenlos bleibt.

Der ständige Fokus auf den Mord verengt unser Gerechtigkeitsempfinden

Wenn Medienkonsum unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit prägt, verengt der Fokus auf den Mord auch das Verständnis von Gerechtigkeit und Verantwortung. Unrecht erscheint dann vor allem als Ausnahmezustand, als Störung eines ansonsten funktionierenden Systems – und nicht als etwas, das sich in Strukturen, Routinen und gesellschaftlichen Verhältnissen einschreibt.

Wenn das Böse so eindeutig definiert ist, verliert das, was nicht in diese Kategorie fällt, an Sichtbarkeit, an Dringlichkeit, an Empörungspotenzial. Unrecht, das nicht unmittelbar eine Leiche hinterlässt etwa, wie die Verdrängung aus Wohnraum, Arbeitsverhältnisse, die Körper verschleißen, oder Sexismus, der sich nicht in einer einzelnen Tat, sondern im Alltag vollzieht.

Es sind Formen von Unrecht, die auf einem Geflecht aus Entscheidungen und stillschweigenden Einverständnissen fußen, oft von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen getragen. Aber: Was sollte das mit uns zu tun haben? Wer Unrecht vor allem als Tat von Einzelnen erzählt bekommt, kann sich selbst leicht außerhalb davon verorten.

Ja, der „Tatort“ entlastet uns. Aber soll man ihn nur deshalb gleich abschaffen?

Natürlich gibt es Unterschiede. Immer wieder gibt es innerhalb der etablierten Reihen Folgen, die sich tatsächlich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen. Der neue Tatort aus Frankfurt wird gerade oft als positives Beispiel genannt, zu Recht. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass Rassismus, Klassismus und ähnliche Verhältnisse in der breiten Masse dieser Krimis nur am Rande auftauchen, als Stichwort, als Feigenblatt.

Wichtiger aber: Selbst, wenn etwas als gesellschaftliche Realität beginnt, endet es erzählerisch fast immer bei der individuellen Schuld. Indem der Krimi solche Themen – wenn überhaupt – nur streift, sie dann wieder einem Einzelnen zuweist, entpolitisiert er sie zugleich.

Vielleicht ist der Krimi damit neben individuellem Eskapismus auch breitenwirksames Beruhigungsmittel, das eine gerechte Ordnung verspricht, wo in Wirklichkeit oft keine ist. Aber soll es ihn deswegen nicht mehr geben?

Sonntagabend, eine Leiche: Das muss ja nicht so bleiben

Das Problem ist nicht der Tatort, sondern sein Erfolg und seine zahlreichen Kopien. Die Dominanz, die fast monopolartige Stellung von Krimi-Inhalten im deutschen Fernsehen sorgt dafür, dass immer mehr vom Gleichen erzählt wird, und kaum Platz bleibt für andere Perspektiven: Für Geschichten, in denen Unrecht nicht als Ausnahme erscheint, sondern als Zustand, als etwas, das nicht mit der Festnahme endet, sondern immer wieder neu verhandelt werden muss.

Dass solche Ansätze möglich sind, zeigen vereinzelte öffentlich-rechtliche Produktionen immer wieder, so etwa die ZDF-Serie Uncivilized von Bilal Bahadır, die rassistische Zuschreibungen und gesellschaftliche Debatten um Migration in der Erzählung nicht nur illustriert, sondern zum Ausgangspunkt macht. Doch solange der deutsche Fernsehzuschauer seinen Krimi so liebt – oder die Programmverantwortlichen ihm keine andere Liebe als diese zutrauen – bleiben solche Formate die Ausnahme.

Mit kleineren Budgets ausgestattet, auf abenteuerliche Sendeplätze verbannt, verschwinden sie schnell wieder aus dem Blick. Das Geld und die große Bühne sind längst anderweitig vergeben. Sonntag, 20:15 Uhr – da liegt die Leiche. Mit uns hat’s nichts zu tun.

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