Frankreich ist erschüttert: Ein brutales Verbrechen an einem jungen Mann beherrscht die Schlagzeilen. Sondersendungen, Kommentare und die meistgehörten Morgeninterviews im Radio kreisen um den Totschlag an Quentin Deranque, einem 23-jährigen Rechtsextremen. Das Verbrechen befeuert eine schwelende Debatte: Ist die radikale Linke heute genauso gefährlich wie die Rechtsextremen? Viele Kommentatoren sagen ja – obwohl die Zahlen etwas anderes zeigen.
Quentin Deranque, ein gläubiger Katholik und Informatikstudent aus Lyon, gehörte zur Identitären Bewegung. Er starb vergangene Woche bei einer Straßenschlacht zwischen Rechtsextremen und mutmaßlichen Tätern der linksextremen sogenannten Jungen Garde. Sechs Männer sollen ihn mit Schlägen gegen den Kopf tödlich verletzt haben. Wer genau zugeschlagen hat, ist laut Staatsanwaltschaft noch unklar. Am Dienstagnachmittag wurden aber bereits vier Männer festgenommen – einer davon ist ein Mitarbeiter von Raphaël Arnault, Abgeordneter der linken Insoumis.
In der Pariser Nationalversammlung machten einige Minister von Präsident Emmanuel Macron, Konservative und Rechtsextreme, die Linken Insoumis für den Tod verantwortlich. „Sie sollten verurteilt werden“, rief der Justizminister Gérald Darmanin den Abgeordneten zu. Premierminister Sébastien Lecornu forderte die Partei auf, „in ihren Reihen und ihrer Ideologie aufzuräumen“. Mathilde Panot, Fraktionschefin der Insoumis, erwiderte, ihre Partei lehne jede Form von Gewalt ab. „Kein Insoumis war in irgendeiner Form an der schrecklichen Tat beteiligt“, sagte sie. „Hören Sie auf, den Vorfall zu missbrauchen, um uns zu diffamieren.“
Die Insoumis sind im Parlament isoliert
Im Parlament und in den Medien steht die Partei heute ziemlich isoliert da. Bei der Parlamentswahl hatten sie sich noch mit Grünen, Sozialdemokraten und Kommunisten verbündet, doch das Bündnis ist inzwischen zerbrochen. Den anderen Parteien gelten die Insoumis als zu radikal in ihren Äußerungen, zudem wollten sie die häufigen Misstrauensanträge der Partei nicht unterstützen. Ein weiterer Streitpunkt war die Haltung der Insoumis zum Gazakrieg: Sie bezeichneten ihn früh als Genozid und traten wiederholt mit palästinensischen Flaggen im Parlament und in Diskussionen auf.
Den Insoumis schlägt nun in der öffentlichen Debatte mehr Verachtung entgegen als den Rechtspopulisten – ein Erfolg für die rechtsextreme Frontfrau Marine Le Pen. Viele Regierungsmitglieder und Konservative reagieren ähnlich wie Trump und seine Anhänger nach der Ermordung ihres Vertreters Charlie Kirk: Sie geben den Linken die Schuld am Mord an dem Rechten.
Dazu trägt auch das Medienimperium vom Multimilliardär Vincent Bolloré bei: Es überbot sich mit drastischen Aussagen über die angeblich generell gewalttätigen Linken. Die Kommentatoren setzten die Täter und die Partei der Insoumis gleich. Überall im Land wurden Wahlbüros der Partei mit Graffiti beschmiert. Zugleich marschierten in Paris am Montagabend Rechtsextreme auf, zeigten den Hitlergruß und riefen: „Antifa-Mörder.“ Gegen sie wird inzwischen ermittelt.
Umfragen zeigen rechtsextreme Gewalt als größte Gefahr
Dabei ist noch unklar, wer die Täter sind. Staatsanwalt Thierry Dran mahnte am Montag: „Ermittlungen dauern länger als Gerüchte.“ Die Polizei hätte anhand von Videos sechs Verdächtige ausgemacht, fünf davon identifiziert. Quentin Deranque sollte am Donnerstag die Identitäre Frauengruppe Nemesis schützen, erklärte der Staatsanwalt. Die Gruppe hatte Banner gegen eine Konferenz der EU-Parlamentarierin Rima Hassan aufgehängt. Hassan, die palästinensische Wurzeln hat, zieht wegen ihrer scharfen Kritik an Israel viel Hass auf sich, einige bezeichnen sie als Antisemitin. Bei vielen Auftritten von ihr kommt es im Umfeld zu gewaltsamen Straßenkämpfen – offenbar aber war die Polizei in Lyon nicht darauf vorbereitet. Die Zeitung Le Canard enchaîné publizierte am Dienstagnachmittag Bilder der gewaltsamen Auseinandersetzung, bei der Deranque ums Leben kam. Sie zeigen zwei Gruppen, die aufeinander losgehen, Tränengas einsetzen und mit Schlagstöcken kämpfen.
Die Pariser Soziologin und Expertin für politisch motivierte Gewalt, Isabelle Sommier, sagte der Zeitung Le Nouvel Observateur, rechtsextremer Gewalt fielen deutlich mehr Menschen zum Opfer als linksextremer Gewalt. In den vergangenen 40 Jahren waren für neun von zehn politisch motivierten Morden Rechtsextreme verantwortlich, insgesamt 53 Taten. In einer staatliche beauftragten Umfrage unter einer Million volljähriger Französinnen und Franzosen gaben 24.000 (2,4 Prozent) von ihnen an, rassistische Angriffe selbst erlebt zu haben, meist verbale. Solche Übergriffe seien von linker oder linksextremer Seite nicht bekannt.
Immer wieder Lyon
Lyon wird immer wieder von Straßenkämpfen erschüttert. Die ostfranzösische Stadt gilt als Hochburg konservativ-nationalistischer Vereine und Gruppen. Im November 2023 griff eine rechtsextreme Gruppe eine Veranstaltung eines palästinensischen Vereins an. Dessen Mitglieder verbarrikadierten sich, während Dutzende Angreifer Feuerwerkskörper warfen und mit Brechstangen versuchten, den Raum zu stürmen. Sieben Menschen wurden verletzt. Bereits in den Jahren zuvor kam es regelmäßig zu gewaltsamen Übergriffen von Rechtsextremen auf Veranstaltungen und Demonstrationen. Seit 2010 zählte das Lokalmedium Ru89Lyon mehr als 100 solcher Angriffe.
Quentin Deranque engagierte sich in zahlreichen nationalistischen, royalistischen, antisemitischen und ultrarechten Vereinen. Er nahm an „Selbstverteidigungskursen für weiße Männer“ teil und besuchte jeden Sonntag die erzkonservative Kirche Saint-Georges, die ihre Messen auf Latein hält, berichten seine Weggefährten. Laut der Zeitung Le Monde nahm er zudem an Konferenzen und Wallfahrten der Academia Christiana teil, einer Glaubensschule, die „antisemitische Schriften verbreitete und völkische Ideen wie die Remigration“ nicht-französischer Bürger propagiert. Der frühere Innenminister Darmanin forderte einst ein Verbot der Academia Christiana, setzte es jedoch nicht durch. Bereits im vergangenen Sommer wurde hingegen die linksextreme Junge Garde verboten. Man warf ihr vor, gewaltsame Straßenkämpfe gegen Nationalisten zu führen und Mitglieder in Selbstverteidigung zu schulen. Die Vereinigung zählt etwa 100 Mitglieder – in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern.