Lumumbas Familie hatte schon 2011 eine Klage bei dem Brüsseler Gericht eingereicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelte 14 Jahre lang, bevor sie Anklage gegen Davignon erhob. Sie spezifizierte dessen Kriegsverbrechen so: Der seinerzeit 28 Jahre alte Mann sei an der „rechtswidrigen Inhaftierung“ und „Überstellung eines Kriegsgefangenen“, nämlich Lumumbas, beteiligt gewesen. Er habe daran mitgewirkt, diesem das Recht auf ein ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren zu entziehen und ihm „erniedrigende und entwürdigende Behandlung“ auferlegt. Eine Tötungsabsicht unterstellte sie ihm jedoch nicht.
Lumumba war Belgien und der CIA ein Dorn im Auge
Davignons Anwalt wies die Anklagepunkte in einer Anhörung der Vorverfahrenskammer im Januar zurück. Gemäß Medienberichten machte er bei der Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit geltend, dass sein Mandant nicht an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen und obendrein die „angemessene Frist“ für eine Strafverfolgung verstrichen sei. Diese ist nun nur möglich, weil das Brüsseler Gericht die Anklagepunkte für stichhaltig hält und Kriegsverbrechen nach belgischem Recht nicht verjähren. Allerdings kann Davignon die Entscheidung noch anfechten.
Lumumba war der erste Ministerpräsident der Demokratischen Republik Kongo, die am 30. Juni 1960 von Belgien in die Unabhängigkeit entlassen wurde. An jenem Tag hielt er in Anwesenheit König Baudouins eine denkwürdige Rede, in der er die Schrecken der Kolonialherrschaft anprangerte. „Wir haben den Spott, die Beleidigungen und die Schläge erlebt, die wir morgens, mittags und abends erdulden mussten, weil wir Neger waren“, sagte er.
Als Vorkämpfer des Antikolonialismus war er nicht nur der belgischen Regierung, sondern auch der CIA ein Dorn im Auge. Zweieinhalb Monate nach seinem Amtsantritt wurde er durch einen Staatsstreich des Generalstabschefs gestürzt. Nach einem Fluchtversuch wurde er im Januar 1961 in die abtrünnige Region Katanga verschleppt, die weiter von Belgien kontrolliert wurde. Dort wurde er von Separatisten erschossen. Sein Leichnam wurde zerstückelt und in Säure aufgelöst. Nur ein Zahn blieb übrig, den Belgien 2022 seinen Nachkommen übergab.
An der Spurenverwischung wirkte ein Team von zehn belgischen Beamten, Polizisten und Geheimdienstlern mit. Davignon absolvierte seinerzeit ein Praktikum als Diplomat in Kinshasa und übermittelte Nachrichten, die ihn später belasteten.
Source: faz.net