Moderna-Chef Bancel: „Die vergangenen zwei Jahre waren nicht lustig“

Herr Bancel, Sie haben mit Moderna seit Beginn der Corona-Pandemie eine Achterbahnfahrt erlebt. Auf einen steilen Aufstieg folgte eine schwierige Zeit, und jetzt hoffen Sie auf eine Stabilisierung. Wie blicken Sie auf die vergangenen Jahre zurück?

Natürlich war es eine Achterbahnfahrt. Die vergangenen zwei Jahre waren nicht lustig. Aber dafür werden die nächsten drei Jahre super lustig. Wir haben die Wende geschafft, und das ist sehr aufregend. Es war ja klar, dass die Umsätze mit Corona-Impfstoffen nur für eine kurze Zeit sehr hoch sein und dann fallen würden. Wir haben uns seither restrukturiert und die Einnahmen aus dem Corona-Geschäft in die Entwicklung neuer Produkte investiert. Genauso hat es auch Biontech gemacht. Wir haben jetzt drei Produkte auf dem Markt, und das wäre nicht der Fall, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte. Wir kehren auf den Wachstumskurs zurück.

Für das nächste Jahr sagen Sie das erste Umsatzwachstum seit 2022 voraus. Wie wollen Sie das schaffen?

Erst einmal denken wir, in den USA ist die Talsohle erreicht, und das Geschäft stabilisiert sich hier. Außerdem erwarten wir Wachstum in Großbritannien, Ka­nada und Australien, wo wir langjährige Partnerschaften mit den Regierungen geschlossen und neue Produktionskapazitäten aufgebaut haben.

Zur rechten Zeit: Herstellung des Covid-Impfstoffes von Moderna während der PandemiePicture Alliance

Werden Sie dann dauerhaft auf Wachstumskurs bleiben?

Ja, und ich erwarte, dass wir unser Wachstum 2027 weiter beschleunigen. Unter anderem weil sich die Europäische Union wieder für uns öffnen wird, wo wir bisher ausgeschlossen waren. Ende 2026 wird die bisherige Partnerschaft der EU mit Pfizer und Biontech zur Belieferung mit Corona-Impfstoffen auslaufen. Bis dahin haben wir nicht nur das Corona-Präparat, sondern auch Impfungen gegen die Grippe und das RS-Virus, einen Erreger von Atemwegsinfektionen. Wir könnten auch das einzige Unternehmen der Welt werden, das 2027 einen kombinierten Impfstoff gegen Grippe und Corona auf dem Markt hat. Wir werden also geografisch breiter aufgestellt sein und mehr Produkte haben.

Sie haben gerade angekündigt, einen Kredit von bis zu 1,5 Milliarden Dollar aufnehmen zu wollen. Ist das ein Eingeständnis, dass sie angesichts Ihrer schrumpfenden Liquiditätsreserven ein zusätzliches Polster brauchen?

Nein, wir wollen uns damit für Unwägbarkeiten wappnen und Flexibilität schaffen, wenn sich Chancen im Markt auftun. Wir haben unsere Kosten schon enorm reduziert, mit dem Effekt, dass unsere Liquiditätsreserven langsamer schrumpfen. Ende dieses Jahres werden wir Reserven von sechseinhalb Milliarden bis sieben Milliarden Dollar haben. Wir erwarten, dass es bis 2027 auf drei Milliarden bis vier Milliarden Dollar nach unten geht, aber das wird dann der Tiefpunkt sein. 2028 wollen wir den Punkt erreichen, an dem die Liquidität stabil bleibt.

Im Sommer haben Sie angekündigt, zehn Prozent Ihrer Arbeitsplätze abzubauen. Könnten noch weitere Einschnitte notwendig werden?

Wir sind jetzt mit 5000 Mitarbeitern in einer guten Größenordnung. Gerade in unserem Produktionsnetz haben wir schon ziemlich viel Restrukturierungsarbeit hinter uns gebracht, da stehen die Zeichen wieder auf Wachstum. In der Forschung und Entwicklung könnte es vielleicht noch Bewegung geben. Wir haben ja gesagt, wir starten im Bereich der Infektionskrankheiten keine Studien der dritten und letzten Phase der klinischen Entwicklung mehr. Insofern könnte es sein, dass Mitarbeiter, die sich bisher mit diesen Erkrankungen beschäftigt haben, zu Onkologieprojekten wechseln. Wir investieren weniger in Impfstoffe und mehr in Krebspräparate.

Mit Biontech werden Sie auch in der Onkologie wieder konkurrieren, und die Deutschen wollen im nächsten Jahr einen Zulassungsantrag für ihr erstes Krebsmedikament stellen. Wie weit sind Sie?

Wir sollten im nächsten Jahr Daten aus der dritten Studienphase für unser Präparat gegen Hautkrebs haben, und es ist gut möglich, dass wir noch 2026 einen Zulassungsantrag einreichen. Die Markteinführung erwarten wir für 2027.

Wie sehen Sie sich im Vergleich zu Biontech aufgestellt?

Es ist schwer, einzelne Medikamente zu vergleichen. Aber die bisherigen Ergebnisse aus Phase zwei sind sehr ermutigend. Wir testen unser Mittel in Kombination mit Keytruda von unserem Partner Merck & Co., und verglichen mit Keytruda allein ist damit das Risiko von Fern­metastasen nach drei Jahren um mehr als 60 Prozent gesunken. Im Januar werden wir die Daten für einen Fünfjahreszeitraum bekommen, und ich denke, wir könnten eine weitere Verbesserung sehen. Merck & Co. ist eines der größten Krebsunternehmen der Welt, deshalb werden wir hier viel mehr Schlagkraft im Vertrieb haben als mit unseren Corona-Impfstoffen. Die haben wir in Eigenregie vermarktet, während Biontech die Allianz mit Pfizer hatte.

Wie groß wird der Markt für Corona-Impfungen langfristig bleiben?

Gemessen an der Zahl der verabreichten Dosen liegt er heute bei einem Drittel des Marktes für Grippeimpfungen. Und die Zahl der Todesfälle und Krankenhausaufenthalte ist etwa halb so hoch wie bei Grippe. Meiner Meinung nach werden sich die Dinge irgendwo zwischen dem Drittel und der Hälfte einpendeln. Ich denke, viele Menschen werden unsere Kom­binationsimpfung gegen Corona und Grippe bekommen, wenn sie auf dem Markt ist.

Was bedeuten die Veränderungen in der amerikanischen Gesundheitspolitik unter Donald Trump für einen Impfstoffspezialisten wie Moderna? Der Gesundheits­minister Robert F. Kennedy junior ist ja ein Impfskeptiker. Eine ihm unterstellte Behörde hat sich gerade von ihrer bishe­rigen Position distanziert, wonach Impfstoffe nicht Autismus verursachen.

Das sorgt für Unsicherheit. Es verändert, wie die Menschen Impfstoffe wahrnehmen, und das hat nicht nur Auswirkungen auf uns, sondern auch auf andere Hersteller wie Pfizer, Biontech oder Sanofi. Es ist traurig, dass das besonders Impfungen für Kinder betrifft, zum Beispiel gegen Masern. Das ist zwar nicht so sehr unser Metier, weil wir eher auf Impfungen für ältere Menschen und andere Hochrisikogruppen wie Menschen mit Krebserkrankungen spezialisiert sind. Aber wir haben ja gesehen, dass in diesem Jahr in den USA Kinder an Masern gestorben sind. In manchen Bundesstaaten werden weniger Kinder geimpft, und das wird dazu beitragen, dass sich solche Krankheiten weiter ausbreiten. Das macht mir große Sorgen.

Kennedy hat im August die Einstellung staatlicher Förderprogramme für Impfstoffe mit der von Ihnen eingesetzten mRNA-Technologie angekündigt und dabei gesagt, diese Präparate seien kein effektiver Schutz gegen Corona-Infek­tionen oder die Grippe. Was würden Sie ihm entgegenhalten?

Ich würde sagen, klinische Daten von Hunderttausenden von Menschen zeigen, dass die Corona-Impfstoffe Krankenhausaufenthalte und Todesfälle verhindern. Die Datenlage ist wirklich eindeutig, und teilweise stammen die Daten sogar von der US-Regierung.

Würden Sie sagen, der gegenwärtige Kurs der US-Regierung ist eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit?

Wenn Zweifel an der Wissenschaft gesät werden, hat das Auswirkungen auf das Leben von Menschen. Impfstoffe retten Menschenleben, das ist unbestreitbar. Der US-Präsident hat das selbst gesagt. Impfstoffe gehören zu den wichtigsten medi­zinischen Erfindungen der vergangenen 150 Jahre. Kürzlich habe ich auf einer Konferenz gesagt, viele von uns wären heute nicht am Leben, wenn unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern keinen Zugang zu Impfstoffen gehabt hätten.

Bedroht die US-Politik Ihre Existenz als Impfstoffspezialist?

Ich würde nicht von einer Bedrohung sprechen. Wir sind ein globales Unternehmen und hängen nicht nur vom amerikanischen Markt ab. Außerdem hat die Gesundheitsbehörde FDA auch in diesem Jahr die Zulassung für Impfstoffe von uns erteilt. Aber sicher gibt es Gegenwind, und das ist ja auch ein Grund, warum wir gesagt haben, wir starten keine Studien in Phase drei mehr für Impfstoffe. Wir haben zum Beispiel einen tollen Impfstoff, der Teenager vor dem Pfeifferschen Drüsenfieber schützt und vielleicht sogar die Zahl der Fälle von Multipler Sklerose reduzieren könnte. Wir werden ihn aber nicht mit eigenem Kapital in die dritte Studienphase bringen. Vielleicht tun wir es mit einem Finanzpartner, genauso wie mit Black­stone bei unseren Grippeimpfungen oder mit einem großen Pharmakonzern. Für uns hat es Priorität, 2028 wieder profitabel zu werden.

Inwiefern suchen Sie denn den Dialog mit dem Gesundheitsministerium, um Meinungen zu ändern?

Wir führen Gespräche auf verschiedenen Ebenen des Ministeriums, als einzelnes Unternehmen und auch im Branchenverbund. Dass Impfstoffe von uns in diesem Jahr die Zulassung bekommen haben, zeigt auch, dass es noch immer Dialog und Fortschritte gibt.

Im Frühjahr hat die US-Regierung auch ein auf 590 Millionen Dollar dotiertes Förderprogramm für Moderna zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen Vogelgrippe gestrichen. Was bedeutet das für Sie?

Ohne das Geld ändert sich die Ausgangslage. Wir haben die ersten Studien für den Impfstoff selbst bezahlt und würden ihn gern in die dritte Phase bringen, aber nicht mit unserem eigenen Kapital. Wir sprechen daher jetzt mit Stiftungen und anderen Regierungen, um Geld aufzutreiben. Wir denken, es wäre gut für die Welt, wenn wir die Studie machen könnten. Unserer Meinung nach gibt es ein erheb­liches Risiko, dass die Vogelgrippe zu ei­ner Pandemie wird. Es gibt so viele Tiere, die mit dem Virus infiziert sind. Man braucht nur einen Bauern, der eine gewöhnliche Grippe hat und sich dann zusätzlich bei seinen Tieren ansteckt. Der kann dann zum ersten Patienten werden, der eine neue Pandemie startet.

Senkrechtstarter in der Pandemie

Moderna wird oft in einem Atemzug mit Biontech genannt. Die beiden Unternehmen wurden mit ihren Impfstoffen zu Senkrechtstartern in der Corona-Pandemie. Ihre Präparate basierten auf der noch jungen mRNA-Technologie, bei der menschliche Zellen so manipuliert werden, dass sie selbst Immunschutz entwickeln können. Die Pandemie bescherte den Unternehmen sprudelnde Umsätze und machte sie zu Börsenstars. Aber das Geschäft hat sich seither dramatisch abgeschwächt. Moderna hat im Jahr 2022 einen Umsatz von 19,3 Milliarden Dollar und einen Nettogewinn von 8,4 Milliarden Dollar erzielt, für dieses Jahr wird nur noch ein Umsatz von höchstens zwei Milliarden Dollar erwartet, und es dürfte einen Verlust in Milliardenhöhe geben. Der Börsenwert, der einst bei 200 Milliarden Dollar lag, ist unter zehn Milliarden Dollar gefallen. Moderna hat mittlerweile neben zwei Varianten von Corona-Impfungen auch einen Impfstoff gegen das RS-Virus im Programm, einen Erreger von Atemwegsinfektionen. Ansonsten setzt das amerikanische Unternehmen ebenso wie sein deutscher Rivale verstärkt auf Krebstherapien. Während Biontech an einem breiten Spektrum von Ansätzen zur Bekämpfung der tückischen Volkskrankheit arbeitet, konzentriert sich Moderna weiterhin ausschließlich auf die mRNA-Technologie.

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