Mode und Kino: Ein Film voller Designerkleider

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Mode und Kostümen, schrieb Hitchcocks große Kostümdesignerin Edith Head in ihren Memoiren. Mode werde gemacht, um Frauen zu helfen, sich für einen bestimmten Moment in Szene zu setzen. Kostüme hingegen seien Kleider, die Schauspieler dabei unterstützten, genau die Figur zu werden, die im Drehbuch steht. Diese Unterscheidung ist nicht banal, wie ein Blick auf Jim Jarmuschs „Fa­ther Mother Sister Brother“ beweist.

In drei Episoden würfelt Jarmusch verschiedene Familienkonstellation zu unbehaglichen Kaffeekränzchen zusammen. Mal fahren Bruder und Schwester zu ihrem Vater raus nach New Jersey, um nachzusehen, wie der nach dem Tod der Mutter allein klarkommt. Mal treffen sich zwei Schwestern in Dublin zum Pflichtbesuch bei der strengen Mutter. Zuletzt kommen ein Bruder und eine Schwester in Paris zusammen, um von der Wohnung der verstorbenen Eltern Abschied zu nehmen. Man sitzt viel in zweideutigem Schweigen – so recht zu erzählen hat niemand etwas. Selbst Schauspielgrößen wie Charlotte Rampling oder Cate Blanchett mühen sich vergeblich um Tiefe, das Drehbuch lässt sie im Stich.

Keine leichte Arbeit für die Kostümdesignerin

Da die Handlung also vernachlässigenswert ist, hat man Zeit, sich mit den Kostümen zu beschäftigen. In der ersten Episode sind Adam Driver und Mayim Bialik als erwachsene Kinder auf dem Weg zu ihrem Vater, gespielt von Tom Waits. Der wuselt durch seine kleine Bude, räumt Dinge auf, zieht eine Decke übers Sofa. Er hat einen dunkelblauen Hoodie mit Reißverschluss übergeworfen, die Beine stecken in gestreiften Pyjamahosen. Driver und Bialik hingegen kommen in der Businesskleidung der Großstädter zu Besuch: Er trägt einen burgunderroten Wollpullover überm hellblauen Button-down-Hemd, sie das feminine Komplementärstück aus rostroter Wolle, darüber einen karierten braunen Blazer mit großem, spitzem Revers. Wenn alle drei auf dem Sofa aus großen Bechern Tee schlürfen, wirkt nur Tom Waits entspannt authentisch. Driver und Bialik stecken in den Klamotten wie lebende Schaufensterpuppen.

Jarmuschs Kostümdesignerin Catherine George hatte hier keine leichte Aufgabe. Der Regisseur hatte sie vorgewarnt, dass dieser Film etwas komplizierter werden könnte als ihre früheren Zusammenarbeiten – George hat bereits für Jarmuschs Poetenfilm „Paterson“ und die Zombiefarce „The Dead Don’t Die“ die Kleider entworfen. „Yves Saint Laurent wird diesmal mit uns kollaborieren“, erklärte Jarmusch. „Wir werden einige ihrer Stücke für die Figuren verwenden, denen sie passen.“

Tom Waits als Vater im Hoodie in „Father Mother Sister Brother“dpa

Nun sind Kooperationen zwischen Modehäusern und Filmemachern an sich nichts Neues. Im besten Fall entstehen dabei ikonische Momente: Givenchy entwarf das berühmte kleine schwarze Kleid für Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ (1961), Chanel stellte Delphine Seyrigs elegante Garderobe in „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961), und Yves Saint Laurent selbst erdachte 1967 die Kostüme für Catherine Deneuve in Luis Buñuels „Belle de Jour“. Seit die traditionellen Luxusmarken aber zu Großkonzernen gehören, singt man auch dort das Lied vom stetigen Wachstum und schaut besorgt auf Umsatzzahlen. Wo also soll man neue Kunden finden? Wie sein Image pflegen? Warum nicht im Film, schlug Saint Laurents Chefdesigner Anthony Vaccarello vor. Seit 2023 also tritt das französische Modehaus auch als Filmproduzent auf.

Audrey Hepburns Garderobe für „Frühstück bei Tiffany“ schneiderte Givenchy.ASSOCIATED PRESS

In den vergangenen Jahren entstanden so mehrere Filme, die es sogar in den Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes schafften: Jacques Audiards Transgender-Mafia-Musical „Emilia Pérez“, David Cronenbergs Verschwörungsthriller „The Shrouds“ und Paolo Sorrentinos Neapelmärchen „Parthenope“. In allen wirken die Kleider aber nicht organisch zu den Figuren passend, sondern immer etwas zu steif, zu neu, zu schick. Am ehesten steckt das noch das Musical „Emilia Pérez“ weg, dessen Welt sowieso in schillerndsten Farben gemalt ist. Wenn Tanzszenen dank der Kostüme wie Musikvideos wirken, lässt sich das verkraften. In Jarmuschs mit leichtem Jazz unterlegten Episodenstückchen aber kommt diese Kostümidee an ihre Grenzen. Würde Bialiks Figur zum Besuch in der ländlichen Hütte ihres Vaters tatsächlich einen Blazer mit solch spitzem Kragen tragen? Das Detail schreit: Designerstück. Um im Businessmeeting Eindruck zu schinden, ist es absolut geeignet, aber um sich gemütlich mit Papa aufs Sofa zu setzen? Würde nicht, aus der Figurenlogik heraus, das Zurschaustellen solcher Luxusstücke den verarmten Vater, um den sich die Geschwister auf der Hinfahrt sorgen, nur noch mehr beschämen?

Was ein zerknautschter Rock erzählen kann

Kostümdesignerin George erzählte dem Branchenblatt „Variety“, wie sie die Stücke auswählte und versuchte, sie getragen wirken zu lassen. So recht ist es ihr nicht gelungen. Sowohl Driver und Bialik als auch Cate Blanchett und Vicky Krieps in der Dublin-Episode sehen aus, als hätten sie ihre Kleider frisch aus dem Geschäft geholt. Keine Falten, kein Stäubchen. Wie man es anders machen kann, zeigte etwa Denis Villeneuves Science-Fiction-Film „Arrival“. Amy Adams spielt darin eine Linguistin, die für die Kontaktaufnahme mit Außerirdischen rekrutiert wird. Gleich zu Beginn sieht man sie durch Universitätsflure laufen. Der dunkle Rock, den sie trägt, ist hinten zerknautscht. Allein diese Falten erzählen so viel über die Figur (sie hat lange während ihrer Vorlesung gesessen), ihre Lebensumstände (sie trägt weichen Wollstoff, in dem sie sich den ganzen Tag an der Uni bewegen kann), ihren Charakter (es ist der Pragmatikerin wichtiger, schnell zur neuen Aufgabe zu kommen, als sich lange mit dem Zurechtzupfen von Kleidungsstücken aufzuhalten), dass sie tatsächlich Kunstmittel sind.

All das fehlt den meisten Figuren in „Father Mother Sister Brother“. Nur Tom Waits sieht aus, als wohne er in seinen Klamotten. Nun könnte man sagen, Waits sei ein schlechtes Beispiel, sieht er doch immer cool aus, egal, was er trägt. Kostümdesignerin George aber berichtet, dass ausgerechnet er es war, der die Designervorschläge ablehnte. Der Bademantel von Saint Laurent war ihm zu steif, fühle sich für seine Figur nicht richtig an, sagte er. Am Ende kam man überein, dass er für die Rolle seinen eigenen Hoodie verwenden könne. So wirkt er wie die einzige interessante Figur; der Rest ist eine ins Leere laufende Modenschau.

Source: faz.net