Ein Hund, der vor Gelächter über den Schabernack einer Lärche vom Dach fällt; eine Kaufmannsfrau, die von ihrer Familie zum entgeltlichen Ehebruch gedrängt wird; und eine sprechende Vulva, die mit ihrer Besitzerin darüber diskutiert, ob sie mehr Anerkennung verdient hat – diese und weitere unerhörte Begebenheiten sind Gegenstand einer heterogenen mittelalterlichen Textgattung, die sich „Märe“ nennt. Was die Texte verbindet, wie sie sich kritisch einordnen lassen und was wir heute noch von ihnen lernen können – damit beschäftigt sich der Podcast „Unerhörtes Mittelalter“.
Listige Ehefrauen, tölpelige Bauern
Wie auch das etymologisch verwandte Märchen leitet das Märe seinen Namen vom mittelhochdeutschen Wort „maere“ ab, was so viel bedeutet wie „Bericht“ oder „Erzählung“. In der Wissenschaft werden darunter kürzere, pointierte Verserzählungen verstanden. Mären behandeln die unterschiedlichsten Themen, die mal mehr und mal weniger mit der Alltagswelt der Menschen im Mittelalter zu tun haben: Listige Ehefrauen, tölpelige Bauern und lüsterne Pfarrer kommen dort genauso vor wie als Engel verkleidete Teufel oder sprechende Genitalien. Häufig sollen sie konkrete Lehren vermitteln, wobei sich die zugrundeliegenden Werte deutlich von denen der heutigen Zeit unterscheiden. Viele der Geschichten sind obszön, brutal oder diskriminierend und zugleich unterhaltsam.
Gerade aufgrund dieser Spannung bergen mittelalterliche Mären ein enormes Faszinationspotential. Das finden jedenfalls Katharina Philipowski von der Universität Potsdam und Franziska Wenzel von der Frankfurter Goethe-Universität. Die beiden Professorinnen für Germanistische Mediävistik haben den Podcast „Unerhörtes Mittelalter“ ins Leben gerufen, um Studierenden und anderen Mittelalterbegeisterten diese kuriosen Texte näherzubringen. Der Name ist dabei im doppelten Wortsinn zu verstehen: „Unerhört“ sind die Mären einerseits wegen ihrer schockierenden, ungewöhnlichen oder gar skandalösen Inhalte und andererseits, weil sie den meisten Menschen nicht bekannt sind. Das soll sich nun ändern.
Jede Folge beginnt mit einer Art Märenstunde, bei der ein Text zusammengefasst und in einzelnen Ausschnitten vorgelesen wird. Den Märenonkel gibt der pensionierte Professor Harald Haferland – ein Gewinn nicht nur, weil Haferland in der Germanistischen Mediävistik ein bekannter Name ist, sondern auch wegen seiner besonders tiefen und beruhigenden Stimme. Im Anschluss sprechen Natalie Mlynarski-Jung und Hans Levin, die an Philipowskis Lehrstuhl tätig sind, mit wechselnden Gästen über die Bedeutung der Texte.
Der Wirt drängt die Kaufmannsfrau zum Sex gegen Geld
Die literaturwissenschaftliche Brille, durch die sie auf die Texte blicken, kann fachfremde Hörer zunächst irritieren. Viele der Geschichten sind derartig unerhört, dass man sie trotz ihrer unbestreitbaren Komik als unzeitgemäß und unmoralisch verurteilen möchte. Ein Beispiel: In Ruprecht von Würzburgs „Treueprobe“ wettet ein Kaufmann mit einem Wirt um die Treue seiner Frau. Der Wirt versucht daraufhin auf penetranteste Weise, die Kaufmannsfrau gegen Geld zum Sex zu drängen. Ihre Familie rät der verzweifelten Frau, sich diesen Deal bloß nicht entgehen zu lassen. Schließlich bezahlt sie ihre Magd dafür, dass diese an ihrer Stelle die Nacht mit dem Wirt verbringt.
Eine Verharmlosung von Zwangsprostitution? Die literaturwissenschaftliche Diskussion offenbart etwas anderes. Im Text treffen mit der höfischen Treue, die in literarischen Texten häufig überformt dargestellt wird, und dem kaufmännischen Streben nach Gewinnmaximierung die Ideale zweier mittelalterlicher Gesellschaftsschichten aufeinander. Mit ihrem Kompromiss gelingt der Protagonistin am Ende ein Doppelschlag: Sie kassiert das Geld und hält ihrem Mann obendrein die Treue, behauptet sich also als gute Ehefrau und kluge Geschäftsfrau zugleich.
Es sind Perspektivwechsel wie diese, die „Unerhörtes Mittelalter“ zu einer bemerkenswerten Reise in die Welt der mittelalterlichen Erzählkunst machen. Der Podcast lädt dazu ein, Vorurteile über eine vermeintlich dunkle und rückständige Zeit zu hinterfragen und vielleicht sogar Parallelen zur Gegenwart zu entdecken. Wie sie zu bewerten sind, bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Hörenswert sind die Geschichten allemal.
Source: faz.net