In der deutschen Erstaufführung des Musicals nach dem Filmklassiker mit Michael J. Fox altert das Publikum etwas langsamer – ein angenehmer Nebeneffekt einer flotten Zeitreise in die 80erjahre. Bei der Premiere im Stage Operettenhaus wuchs Jan Kersjes über sich hinaus und riss das Publikum als Doc Brown von den Stühlen.
Schon das Bühnenbild von Tim Hatley nimmt den Besucher im Stage Operettenhaus gefangen und katapultiert ihn in die 80erjahre. Über die Bühne hinaus ragen Leiterbahnen auf Platinen an beiden Seitenwänden bis zur elften Reihe in den Saal hinein. Der Bildschirm, der die gesamte Bühne einnimmt, stimmt im Pixel-Look auf die Geschehnisse ein, die im Grunde jedem Zuschauer bekannt sind – denn wer kennt den Film nicht – und die er gern noch einmal erleben möchte: Die Zeitreise von Marty McFly von 1985 ins Jahr 1955 und zurück.
Bühnen-DeLorian: Teurer als das Original
Die Bühnentechnik spielt in der Inszenierung von Regisseur John Rando eine Hauptrolle. Marty unternimmt seine unfreiwillige Tour in einem futuristischen DeLorian DMC12, dem zu Kultstatus gelangten Sportwagen. Es war das einzige Modell, das die DeLorean Motor Company je baute, bevor sie Pleite ging. Ikonische Flügeltüren und 132 PS verhalfen dem Fahrzeug zu einem zweiten Leben als Zeitmaschine im Filmhit „Zurück in die Zukunft“, was den Wert der wenigen echten Exemplare in die Höhe trieb. Das für das Musical in Hamburg gebaute Exemplar kostete 450.000 Euro und ist damit erheblich teurer als das Original, das Anfang der 80erjahre für knapp 30.000 Dollar erhältlich war, was einem heutigen Wert von 100.000 Dollar entspricht. Was die Bühnenversion alles kann, ist erstaunlich.
Wie im Film geht die Geschichte ganz unspektakulär los: Marty McFly (Raphael Groß) findet seine Eltern aus nachvollziehbaren Gründen peinlich: Vater George (herrlich ungelenk, großartig: Terence van der Loo) lässt sich seit seiner Schulzeit vom Kraftprotz Biff Tannen (stark schlicht: Florian Sigmund) herumschubsen, Mutter Lorraine (Sandra Leitner: wunderbar wandelbar) hängt an der Flasche. Seine Schwester ist auch keine große Hilfe. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse recht bald.
Zwischen Science und History Fiction gilt die speziellste Relativitätstheorie
Außenseiter Marty, der gern mit seiner Rockband „The Pin Heads“ („Stecknadelköpfe“) groß rauskäme ist mit einem anderen Außenseiter befreundet, dem genialen Erfinder Doc Emmett Brown (Jan Kersjes). Dessen wirren, weißen Haare stehen im Musical etwas ab, als hätte soeben einen Stromschlag erhalten, was von Anfang an plausibel wirkt. Spannung bestimmt sein Leben. Zum Glück kann Marty im weiteren Verlauf seine Probleme in der Vergangenheit lösen, seine Eltern in einer Art Family History Fiction auf den richtigen Pfad setzen und seine eigene Existenz ebenso sichern wie den Doc retten.
Die seit 1985 erfolgreiche Film-Retrotopie „Zurück in die Zukunft“ – einer der wenigen Titel, die auf Deutsch noch schöner klingen, als auf Englisch – beruht nicht nur in ihrer Handlung auf der speziellsten Relativitätstheorie der Welt, sondern auch in ihren Produktionsbedingungen: 100 Millionen Budget für eine Filmtrilogie können relativ teuer sein. Oder eben relativ preisgünstig, wie im Falle des Wunderwerks aus der Feder von Bob Gale und Regisseur Robert Zemeckis, das weltweit knapp eine Milliarde Dollar einspielte. Seit 2020 rast der Filmhit auf der Erfolgsspur weiter, in seiner zweiten Gestalt als Musical von Bob Gale. Die Produktion im Stage Operettenhaus schließt, wie im Falle solcher Transfers üblich, an Erfolge in London und New York an.
Feuerwerk von Hits rund um „The Power of Love“
Die speziellste Relativitätstheorie, nach der auch Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sind, kommt im Film selbst wie im Musical zur Anwendung, das die Filmstory nur leicht reduziert nacherzählt. So fallen zum Beispiel die libyschen Terroristen weg, die Doc Brown auf der Suche nach ihrem gestohlenen Plutonium verfolgen, dass er für den Zeitsprung braucht. Ersetzt werden sie durch eine andere Art von Lebensgefahr für den Doc, der hier eine tödliche Strahlendosis abbekommt. Marty versucht, Hilfe zu holen und beschleunigt dabei versehentlich auf 88 Meilen pro Stunde, die Geschwindigkeit, die der DeLorean neben den 1.21 Gigawatt aus dem Tank benötigt, um den Zeitsprung ins Jahr 1955 zu bewältigen.
Die Bühnenshow wird in den Köpfen der Zuschauer den ganzen Abend über durch Filmsequenzen aus der persönlichen Erinnerung ergänzt, was der Live-Show aber meist keinen Abbruch tut. Denn die Story bleibt stimmig, auch der Zeitsprung von 1985 ins Jahr 2026 wird letztlich mühelos bewältigt. Und im Stage Operettenhaus brennen die singenden Darsteller zum Live-Orchester unter Leitung von Phillipp Gras ein ganzes Feuerwerk von Hits ab, darunter die aus dem Film bekannten „The Power of Love“ (Huey Lewis & The News), „Earth Angel“ (Marvin Berry & The Starlighters) und „Johnny B. Goode“ von Chuck Berry. Ergänzt wird die Filmmusik durch neue Kompositionen und Songs von Alan Salvestri und Glen Ballard, darunter die wundervolle Ballade „Ein hoch auf alle Träumer“, die Kersjes als Doc angemessen ergreifend vorträgt.
Kersjes ist als Doc Brown der Motor des Musicals
Auch sonst ist Kersjes als Doc Brown der Motor und Hauptdarsteller dieser Musical-Fassung und kann dem Film-Doc Christopher Llyod das Wasser reichen. Die Figur, angesiedelt irgendwo zwischen Albert Einstein und Daniel Düsentrieb mit Denkhaube, füllt Kersjes in jeder Facette: Von fürsorglich über enthusiastisch bis irre und schwer kalkulierbar. Als Sänger teilt er sich den Platz oben auf dem Podest mit Hope Maine, der als schwarzer Bürgermeister und Chuck Berrys Cousin Marvin Berry entzückt. Raphael Groß als Marty McFly kann mit seiner Musicalstimme hingegen nicht restlos überzeugen, weder verfügt er über das für Rocksongs nötige Volumen, noch reicht er im Ausdruck an seine Bühnenvorgänger Olly Dobson (London) und Casy Likes (New York) heran. Der Gesang ist allerdings ausreichend – und spielerisch wie tänzerisch macht Groß eine sehr gute Figur.
Apropos tänzerisch: Die Choreografien von Chris Bailey steigern sich im Verlauf des Abends von funktional zu höchst einfallsreich und bilden so ihren eigenen Spannungsbogen. Die Inszenierung von Regisseur Rando legt von Anfang bis Ende ein tolles Tempo vor, flicht locker Anspielungen von Goethe (kurzes Zitat aus „Faust 1“) bis zu Star Wars (Marty mit dem Laserschwert) ein, bricht die Auftritte immer wieder ironisch (“Hey Doc, wo kommen die Mädels her?“ „Weiß ich auch nicht, die tauchen immer auf, wenn ich singe“) und steigert sich zum spektakulären Ende hin, in dem der DeLorian im Theater wie im Film Unglaubliches, Unfassbares vollbringt: Er klappt die Räder ein und lässt fliegend das Zitat von Doc Brown „Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen“ in neuem Licht erstrahlen. Der Preis für das Neufahrzeug scheint gerechtfertigt.
Source: welt.de