Mit seiner mutigen Predigt brachte er Goebbels zum Schäumen

Keine der sorgfältig gelenkten Zeitungen im Dritten Reich berichteten über diese Predigt, doch unter der Hand verbreitete sich der Text im ganzen Reich. Darin prangerte Clemens August Graf von Galen die Ermordung vermeintlich „lebensunwerten Lebens“ an.

Einen Joseph Goebbels bis zur Weißglut zu reizen, war und ist aller Ehren wert. „Wenn es nach mir ginge, so würde man hier ein Exempel statuieren“, diktierte der Propagandaminister des Dritten Reiches und Hitler-Vertraute in der Nacht zum 14. August 1941 seinem Sekretär über den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen: „Dass sich ein hoher Kirchenfürst dazu herbeilassen würde, Zutreiberdienste für den Feind zu leisten, das ist denn doch ein Verbrechen, das für den Staatsanwalt reif wäre.“

Man müsste dem „hohen Kirchenfürsten zeigen, dass vor dem Gesetz jeder gleich ist und er nicht anders behandelt wird als irgendein kleiner Mann aus dem Volke.“ Aber ein Exempel statuieren sei „wohl im Augenblick psychologisch“ kaum möglich, fügte Goebbels bedauernd hinzu: „Man muss warten, bis der Krieg zu Ende ist; dann werden wir mit diesem politisierenden katholischen Klerus aufrechnen.“

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Was hatte den nach Hitler und zusammen mit Heinrich Himmler sowie Hermann Göring mächtigsten Mann des Dritten Reiches derartig empört? Es war eine Predigt, die Galen am 3. August 1941 in der Lambertikirche in Münster gehalten hatte. In diesem Sommer waberten Gerüchte durch Deutschland. Insassen von „Irrenanstalten“ und anderen Pflegeheimen würden spurlos „verschwinden“, hieß es, und seien kurz danach tot.

Obwohl die Transporte in sechs eigens eingerichtete Tötungsanstalten unter strenger Geheimhaltung abliefen, waren die Massenmorde durchgesickert. Bereits 1940 waren ihnen mehr als 35.000 Menschen zum Opfer gefallen und im ersten halben Jahr 1941 weitere etwa 30.000 körperlich oder geistig Behinderte sowie Kranke.

Nach Angaben der NS-Behörden lebten vor dem Beginn der geheimen Mordaktion 1940 angeblich bis zu 300.000 Menschen in der Obhut verschiedener Pflege- und Heilanstalten – tatsächlich waren es wohl deutlich weniger. Aber selbst wenn die offizielle Zahl zugetroffen hätte, wären das nur etwa 3,5 Promille der Gesamtbevölkerung Deutschlands in den Grenzen von August 1939 gewesen. Längst nicht jede Familie war also davon betroffen.

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Genau hier setzte die Predigt von Galens an, denn er dachte die nationalsozialistische „Logik“ des vermeintlich „lebensunwerten Lebens“ weiter: „Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, ‚unproduktive‘ Mitmenschen zu töten – und wenn es jetzt zunächst auch nur arme, wehrlose Geisteskranke trifft –, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.“ Und er setzte noch einen drauf: „Wenn man die ,unproduktiven’ Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invaliden in die Heimat zurückkehren.“

Hitler sah sich gezwungen, den Krankenmord einzustellen

Damit traf er einen empfindlichen Punkt. Denn nun war auf einmal jede Familie direkt betroffen: Alte bis greise Angehörige hatten fast alle Deutschen, und irgendein naher männlicher Verwandter stand 1941 auf jeden Fall in Uniform mehr oder minder nahe an der Front, war also dem Risiko ausgesetzt, versehrt zu werden.

Diese Zuspitzung Galens brachte Goebbels zum Schäumen: „Er brachte dabei sogar die Frechheit auf, zu behaupten, dass unsere Euthanasie-Bestrebungen so weit gingen, dass Verwundete, wenn sie für die praktische Arbeit nicht mehr zu gebrauchen seien, von uns ermordet würden“, diktierte der Chefpropagandist.

Natürlich berichtete keine der sorgfältig gelenkten Zeitungen im Dritten Reich über diese Predigt, doch Priester aus Galens Sprengel und aus anderen Bistümern sowie gläubige Laien verbreiteten den Text im ganzen Reich. Tausende Abschriften kursierten bald, gelangten per Feldpost auch an die Front – Hitler sah sich gezwungen, den systematischen Krankenmord zum 1. September 1941 einzustellen.

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Das „Fachpersonal“, das bei insgesamt rund 70.000 Tötungen ganz spezielle Erfahrungen gesammelt hatte, wurde kurz darauf ins deutsch besetzte Polen abkommandiert, um hier drei Todeslager für vorwiegend polnische Juden zu betreiben: Belzec, Sobibor und Treblinka. Auch der verharmlosend „Euthanasie“ genannte Krankenmord ging weiter, nun aber dezentral – und mit europaweit mehr als 200.000 zusätzlichen Opfern.

Der Bischof habe mit seiner Verhaftung gerechnet und seinen Tod „bewusst einkalkuliert“, erklärt der Historiker und Galen-Forscher Matthias Daufratshofer von der Theologischen Fakultät Paderborn. Doch Goebbels wie Hitler schreckten davor zurück, Galen zum Märtyrer zu machen und dadurch mitten im Krieg die katholische Bevölkerung gegen sich aufzubringen.

Wer war Clemens August von Galen, der am 22. März 1946 im Alter von 68 Jahren an einem Blinddarmdurchbruch starb? Der aus einem streng katholischen Adelshaus stammende Galen stand der Weimarer Republik skeptisch gegenüber. Als Priester in der katholischen Diaspora Berlins kritisierte er den angeblichen Sittenverfall in der Großstadt. 1929 wechselte er zurück nach 23 Jahren Tätigkeit in der Reichshauptstadt zurück nach Münster.

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Als das Bistum 1933 einen neuen Bischof suchte, war Galen Pfarrer an der Stadtkirche St. Lamberti. Er sei lediglich „dritte Wahl“ gewesen und erst nach Rückzug weiterer Kandidaten zum Zug gekommen, ergaben neuere Forschungen. Galen zeigte in vielen Fragen die nach kirchlicher Überzeugung gottgewollte Loyalität zur Obrigkeit. Jedoch griff der Bischof die NS-Rassenideologie an und das Neuheidentum.

Als katholische Verbände, Schulen und Orden bedrängt wurde, versuchte Galen, die Bischofskonferenz zu öffentlicher Kritik zu bewegen – jedoch ohne Erfolg. Zusammen mit einigen weiteren deutschen Bischöfen sprach er bei Papst Pius XI. vor. Dessen NS-kritische Enzyklika „Mit brennender Sorge“ ließ Galen 1937 in Sonderdrucken im Bistum verteilen.

Gegen die Judenverfolgung hingegen protestierte er nicht öffentlich. Obwohl Galen persönliche Kontakte zu Juden pflegte, blieb er gefangen im antijudaistischen Denken der katholischen Hierarchie. Im 2005 vom Vatikan abgeschlossenen Seligsprechungsverfahren für Galen habe der Hauptberichterstatter das Schweigen sogar als umsichtig gerechtfertigt, berichtet Daufratshofer. Er durfte das Schlussplädoyer in den Verfahrensakten einsehen.

Nach seiner Einschätzung fühlte sich Galen zerrissen zwischen christlichem Gewissen und Gehorsam zum Staat, der nun eben nationalsozialistisch war. Im Sommer 1941 setzte sich sein Gewissen durch – seine Predigten gegen die „Euthanasie“ waren die Folge.

Am 18. Februar 1946 wurde er von Papst Pius XII. in das Kardinalskollegium aufgenommen. Die Ernennung kam überraschend; Galen sah darin (außer ihm wurden auch der Kölner Erzbischof Joseph Frings und der Berliner Konrad Graf von Preysing zu Kardinälen erhoben) eine Auszeichnung für ihre Standhaftigkeit 1933 bis 1945.

Seit allerdings auch Pius XII. vielen Kirchenkritikern als „Hitlers Papst“ gilt, ist diese Leistung weitgehend vergessen. Clemens August Graf von Galen allerdings tut man damit gewiss Unrecht.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus und der Widerstand gegen Hitler. Von Rolf Hochhuths Attacken auf die katholische Kirche hat er noch nie viel gehalten.

Source: welt.de

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