Benjamin Klapper war 17, als er mit einem Freund wettete, dass er es vor seinem 50. Geburtstag ins Guinness-Buch der Rekorde schafft. Jetzt ist der Pulheimer 49 und arbeitet an einem mehr als drei Meter hohen Bauwerk – aus Bierdeckeln.
Fast hätte er diese Abmachung vergessen. Schließlich ist es schon 32 Jahre her, dass Benjamin Klapper mit seinem Freund Alex wettete, er, Benjamin, werde es schaffen, bis zu seinem 50. Geburtstag einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde zu bekommen. Jetzt fand Klapper den Zettel wieder, auf dem die beiden 17-Jährigen die Wette notiert hatten. Benjamin Klapper aus Pulheim, inzwischen 49, beschloss also, sich ans Werk zu machen.
Derzeit trifft man Klapper häufig in einem leer stehenden Ladenlokal in einem großen Einkaufszentrum am Stadtrand von Köln an. Hinter ihm stehen Kartons voller Bierdeckel, vor ihm ragt eine halbmeterhohe Wand aus aufgestellten Bierdeckeln in die Höhe. Und sie wächst. Häuschen für Häuschen setzt Klapper auf die Mauer, nach einem simplen, immer gleichen Bauprinzip: Zwei quadratische Deckel stehen aneinander gelehnt, darüber liegen drei runde Deckel. Bis Ende des Monats will der Rekordjäger fertig sein, dann soll das Deckelhaus gut drei Meter hoch sein, Außenmaß: fünf mal fünf Meter. Klapper schätzt, dass er dafür bis zu 80.000 Pappdeckel braucht. Damit wäre der Eintrag ins Rekorde-Buch sicher.
Bis dahin ist noch eine Menge zu tun. Doch Klapper lässt sich nicht stressen. Der Mann, der dieses fragile Gebilde schafft, scheint ein stabiles Nervenkostüm zu besitzen. Medienvertreter empfängt er mitten im Deckelbauwerk. Passanten, die zwischen ihren Einkäufen bei ihm stehen bleiben, erklärt er mit einer Bierruhe, was er da macht – und baut nebenher weiter. Seine Baustelle hat er nur mit zwei locker aufgestellten Brettern gegen ungebetene Eindringlinge abgesichert. Er scheint nicht besonders besorgt zu sein, dass irgendetwas einstürzen könnte. Klapper agiert mit der Gelassenheit des Routiniers.
Wie fast alle Kinder hat auch Benjamin Klapper in jungen Jahren seine ersten Bierdeckelbauten errichtet, als er mit seinen Eltern im Restaurant auf das Essen wartete. Warum sich das ausgerechnet bei ihm zu einer lebenslangen Obsession auswuchs, kann er nicht erklären. Jedenfalls brachte ihm sein Vater eines Tages einen dicken Packen an Bierdeckeln mit, und die Objekte wurden größer. Lego und Playmobil seien nur kurzlebige Phasen in seiner Biografie gewesen. „Zu viele Vorgaben, zu viele Einschränkungen“, sagt er. Mit den Bierdeckeln fühlte Klapper sich frei in seinem Gestaltungswillen.
Als Gymnasiast errichtete er in der Schulaula seine erste Großskulptur. Auf alten Fotos sieht man ihn hoch oben auf einer Leiter inmitten eines beeindruckenden Bierdeckel-Turms stehen – mit einem souveränen Grinsen im Gesicht, als wolle er sagen: Ich kann noch viel höher! Es war die Zeit, als er mit seinem Kumpel die Rekord-Wette abschloss. „Das Ding ist dann leider vorzeitig zusammengebrochen“, sagt er. Damals habe er noch nicht verstanden, wie er die drei parallel hochgezogenen Außenwände miteinander verbinden muss, damit sie sich gegenseitig stützen.
Im Laufe der Jahrzehnte hat er seine Technik verbessert. Bereitwillig erläutert er seinen Zuschauern, wie er Stabilität erzeugt. Er macht kein großes Geheimnis um seine Vorgehensweise. Im Grunde, sagt Klapper, könne das ohnehin jeder nachmachen. Ein bisschen Geduld vorausgesetzt. Und doch sieht man bei jedem Arbeitsschritt, dass hier ein Meister am Werk ist. In der linken Hand hält Klapper einen Stapel Deckel, mit der rechten nimmt er immer zwei Deckel gleichzeitig vom Stapel und stellt sie auf. Dabei balanciert er sie in seinen Fingern, als wären es Essstäbchen aus dem Asia-Imbiss.
33 oder 34 Bierdeckel-Ebenen werden am Ende übereinander stehen, jede Unebenheit in den unteren Etagen hätte weiter oben unweigerlich ein Zusammenklappen zur Folge. Dennoch arbeitet Klapper ohne Hilfsmittel, ohne Wasserwaage, alles gleicht er mit seinem Augenmaß aus. Und es gibt eine Menge auszugleichen. Denn zwar heißt es in der einschlägigen Fachliteratur, quadratische Bierdeckel wiesen in Deutschland eine Seitenlänge von 9,3 Zentimetern auf. Doch Klappers Sammlung widerlegt die Theorie. Mal ist es ein Millimeter mehr, mal einer weniger. Für ihn ist das kein Grund zur Besorgnis – und auch kein Anlass, sich neues, einheitliches Material zu besorgen. Er hängt an seinen alten Pappen, und seien sie noch so unvollkommen.
Über die Jahrzehnte hat er Deckel mit den Logos der unterschiedlichsten Biermarken und Brauereien gesammelt. Und bei jeder Großskulptur holt er sie aufs Neue hervor. „Immer wieder treffe ich auf alte Bekannte“, erzählt er. Gerade hält er einen Deckel in der Hand, auf dem er das Datum 8.8.87 notiert hat. „Da war ich elf.“ Auf einem anderen Deckel steht: „Überweisung annehmen!“ Klapper vermutet, dass es die Schrift seines Vaters ist. Darunter hat er selbst gekrakelt: „165 DM auf Konto.“
Alle paar Jahre baut Klapper ein neues Werk. Dazwischen gönnt er sich längere Pausen, schließlich hat er Familie und einen Beruf, Klapper arbeitet als Fotoingenieur, Medientechniker und Lehrbeauftragter an einer Technischen Hochschule. Mit den Bierdeckelskulpturen, sagt er, lebe er seine künstlerische Ader aus, mal experimentiert er mit raffinierten Wölbungen, mal mit geheimnisvollen Illuminationen. Die pure Größe interessiere ihn nicht. Doch dieses Mal geht es nur darum. Schließlich gilt es, die alte Wette mit seinem Kumpel Alex zu gewinnen. Ein Kasten Bier steht auf dem Spiel.
afa
Source: welt.de