Eine Frau, deren Gesicht man im ganzen Land auf Häuserwände sprüht, deren Worte man weltweit auf Titelseiten liest und deren Geschichte sich mit jedem Tag, mit jedem neuen Detail ihres unfassbaren Leids tiefer ins kollektive Gedächtnis der Franzosen eingräbt. Es hallt der Dreiklang – La honte, die Scham. Le courage, der Mut. La détermination, die Entschlossenheit – über den Prozess gegen die Peiniger von Gisèle Pelicot.
Es ist eine Geschichte, die perfider, die grausamer nicht sein könnte. Die bei Fans von True-Crime-Dokus und Massenmörder-Serien zu Beginn vor allem die Faszination des Grauens bediente. Über zehn Jahre hinweg lieferte Dominique Pelicot seine Frau im eigenen Schlafzimmer Dutzenden Männern aus. Er betäubte sie, filmte die Taten und mimte zur gleichen Zeit den treusorgenden Ehemann und Vater der drei gemeinsamen Kinder.
Dominique Pelicot und 50 weitere Männer stehen seit dem 2. September vor Gericht. Und während die Anwälte der Beschuldigten einen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefordert hatten, erwirkte Gisèle Pelicot das genaue Gegenteil. „Die Scham muss die Seite wechseln“, begründete sie ihre Entscheidung. „Ich widme diesen Kampf allen Menschen, Frauen und Männern, die auf der ganzen Welt Opfer von sexueller Gewalt sind. All diesen Opfern möchte ich sagen: Schaut euch um, ihr seid nicht allein.“
Vor Gericht erscheint eine Frau, die zwar über sich selbst sagt, sie sei zerstört, die aber gleichzeitig unglaublich unbesiegbar wirkt. Ihr eindringlicher Blick, den sie nur noch selten hinter einer Sonnenbrille versteckt, das zaghafte Lächeln, der erhobene Kopf, die elegante Kleidung, die aufrechte Haltung. Mit jedem Prozesstag scheint die 71-Jährige zu wachsen.
Hinter ihr stehen nicht nur die vielen vor dem Gerichtsgebäude versammelten, applaudierenden Feministinnen, mit denen sie immer wieder ins Gespräch kommt. Längst ist sie zu einer Identifikationsfigur geworden, einer Heldin, die mit ihrem Wesen und ihren Worten Menschen jeden Geschlechts berührt.
Männer mit gutem Ruf
Gisèle Pelicot gilt das Mitgefühl einer ganzen Nation. Einer Nation in Aufruhr, denn die Profile der mutmaßlichen Täter sind so erschreckend banal, so alltäglich. Darunter sind Männer jeden Alters: Angestellte, Arbeiter, ein Krankenpfleger, ein Feuerwehrmann, ein Journalist, ein Informatiker, ein Fernfahrer. Viele von ihnen sind selbst Väter oder Großväter. Die Liste liest sich wie ein Querschnitt der männlichen Gesellschaft. Hier ist nicht die Rede vom vereinsamten Einzelgänger, vom Monster, das im dunklen Keller perverse Neigungen auslebt.
Nein, die mutmaßlichen Täter sind Nachbarn, Kollegen, vielleicht sogar, wie im Fall von Dominique Pelicot, geschätzte Freunde mit gutem Ruf. Auch deshalb ist dieser Prozess historisch. Er zeigt, wie nah uns selbst schwerste sexuelle Gewalt kommen kann und wie hilflos Frauen der männlichen Dominanz und Abartigkeit ausgeliefert sind. Nicht im Großstadtdschungel, in Kiez-Bordellen oder in den Hinterzimmern zwielichtiger Bars.
Der kleine Ort Mazan in Südfrankreich, nahe Avignon zählt gerade einmal 6.000 Einwohner. Hier lebte Familie Pelicot seit 2013. Eine Handvoll Restaurants, zwei Bäckereien, eine Kirche und ein Best-Western-Hotel, das ausgerechnet im ehemaligen Schloss der Familie des Marquis de Sade ansässig ist. Eine Geschichte in der Geschichte, als liege ein dunkler Fluch über dieser Gemeinde.
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Der Marquis de Sade wurde im 18. Jahrhundert nicht für seinen Adelstitel bekannt, sondern für seine Schriften über heftigste Sex- und Gewaltfantasien, für seine ausufernden Orgien mit Männern und Frauen. Er saß in Irrenhäusern und Gefängnissen ein und wurde wegen mehrfacher Vergewaltigungen unter Einsatz von Betäubungsmitteln zum Tode verurteilt. Für ihn durfte nichts der eigenen Lust im Wege stehen: weder Gesetz noch Religion oder Moral.
Ein Narr sei hingegen jeder, der sich durch Verbote fesseln lasse. De Sade gab dem Sadismus seinen Namen, und nun steht sein Name neben dem der Pelicots im Wikipedia-Eintrag von Mazan. Dort wächst die Sorge vor sensationslüsternen Touristen, die sich das „Vergewaltigerdorf“ mal anschauen wollen. Und es herrscht Angst. Denn noch immer sind rund 20 weitere mutmaßliche Täter nicht identifiziert.
Wo sind sie? Wer sind sie? Im 40 Kilometer entfernten Avignon stehen in diesen Tagen Journalisten und Journalistinnen in der Mittagspause hinter den Angeklagten beim Bäcker neben dem Gerichtsgebäude wartend in der Schlange. Die Tabak-Bar an der Straßenecke kennt man mittlerweile als „Kneipe der Vergewaltiger“.
Der Prozess ist allgegenwärtig. Aber nicht nur hier. In vielen französischen Städten kommt es in diesen Tagen zu Solidaritätskundgebungen. Es wird diskutiert, in Fernsehdebatten, in Zeitungskolumnen, auf den Marktplätzen und an Kneipentresen. Schon einmal gab es in Frankreich einen Vergewaltigungsprozess, bei dem eine Frau namens Gisèle Geschichte geschrieben hat: Vor dem Gericht in Aix-en-Provence verteidigte 1978 die schon damals bekannte Anwältin und Frauenrechtlerin Gisèle Halimi zwei junge belgische Touristinnen, Anne Tonglet und Araceli Castellano, die vier Jahre zuvor von drei Männern auf grausame Weise vergewaltigt worden waren.
Halimi, die große Vorkämpferin für das Abtreibungsrecht in den 1970er Jahren, nutzte das Medieninteresse rund um den sogenannten Tonglet-Castellano-Prozess, um für eine Reform der Strafgesetzgebung in Vergewaltigungsfällen zu werben, die noch aus dem Ersten Kaiserreich stammte. 1980 traten dann tatsächlich neue Regelungen in Kraft, die auch Vergewaltigungen in der Ehe neu bewerteten und unter Strafe stellten.
Bis heute sind Partnerschaft und Familie das statistisch gefährlichste Umfeld dafür, Opfer von körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch zu werden. Darum steht eine gesamte Gesellschaft vor der Frage, ob männliche Gewalt in den eigenen vier Wänden noch immer verharmlost, gar ignoriert wird und zu wenig öffentlich zur Sprache kommt.
Die Logik der Scham
Die ehemalige Ministerin für Gleichstellung, Isabelle Rome, sagte im Zuge des Prozesses: „Der Körper der Frau gehört nicht dem Ehemann. Es ist so wichtig, das zu betonen, weil es in den Köpfen der Männer nicht angekommen ist und Frauen denken, sie müssten alles akzeptieren.“
Frankreichs Feministinnen sehen deswegen in Gisèle Pelicot eine Heldin. Nicht ihr individuelles Schicksal stellt sie vornean, sondern die gesellschaftliche Situation, die Denkmuster der Missbrauchten, die Logik der Scham. „Ich bringe weder Wut noch Hass zum Ausdruck. Ich bin entschlossen, dass wir unsere Gesellschaft verändern“, sagte sie bei ihrem viel beachteten Auftritt vor Gericht Ende Oktober. „Ich wollte einen Prozess vor den Augen der Öffentlichkeit, damit alle Frauen sich sagen können: ,Madame Pelicot hat es getan, ich kann es auch‘.“
Und wie schon beim Prozess von Aix-en-Provence 1978 geht es in Avignon heute wieder um grundsätzliche juristische Fragen. Während in Deutschland 2016 unter der Großen Koalition das Prinzip „Nein heißt Nein“ ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde, hinkt Frankreich juristisch hinterher, auch wenn durchaus Fortschritte beim Thema der Belästigung auf der Straße und im Netz gemacht wurden. Doch damit eine Vergewaltigung strafrechtlich verfolgt werden kann, muss noch immer, zumindest offiziell, der Tatbestand der Gewaltanwendung, des Ausnutzens eines Moments der Überraschung, des Drohens oder der Einschüchterung vorliegen. Ein juristisches Eldorado für die Anwälte von Beschuldigten.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass in Frankreich 94 Prozent der zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungsvorwürfe gar nicht mit einem Verfahren enden. Mehr noch, die Zahl der Verurteilungen bei Vergewaltigungen ist zwischen 2007 und 2020 trotz der MeToo-Bewegung kontinuierlich gesunken. Zwar traten erst im Mai europaweite Mindeststandards für den Schutz von Frauen vor sexualisierter Gewalt in Kraft. Allerdings zielten diese in erster Linie auf die Strafverfolgung in Bezug auf Cybermobbing, auf Deepfakes oder Genitalverstümmelung.
Europaweit hatten feministische Organisationen zuvor Hoffnungen auf diese gemeinsame Initiative gesetzt, doch nach vielem Hin und Her und juristischen Bedenken, namentlich aus Frankreich und Deutschland, wurde Vergewaltigung in der EU-Vorschrift ausgeklammert. Die Begründung: Es sei juristisch fragwürdig, ob dies zum Kompetenzbereich der EU gehöre. Auch der deutsche Justizminister Marco Buschmann (FDP) trat dafür ein, das geplante europäische Gesetz abzumildern.
Gleichstellung als Chefsache
Das juristische Defizit führt in Frankreich zu einer schwierigen, gleichsam paradoxen Situation. Zum einen liegt es an der Auslegung des bestehenden Rechts durch einzelne Richter und Richterinnen, wie hoch oder niedrig eine Strafe bei Vergewaltigung am Ende ausfällt. Zum anderen kann auch die Jurisprudenz nicht den Zeitgeist und die Wellen von MeToo-Skandalen ignorieren. Was das Ziel angeht, sind sich Politik und Justiz eigentlich einig: der bessere Schutz von Opfern und die effizientere Verfolgung von Tätern. Doch die Ausformulierung des Prinzips der Einvernehmlichkeit ist weiter umstritten. Reicht das (deutsche) „Nein heißt Nein“? Oder braucht es das eindeutige „Nur Ja heißt Ja“?
Durch den Fall Pelicot wird der öffentliche Druck größer, endlich einen konkreten Lösungsvorschlag vorzulegen. Gerade Emmanuel Macron hatte schon 2017, in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf, die Gleichstellung von Mann und Frau zur Chefsache erklärt und vollmundig zahlreiche Verbesserungen angekündigt.
Unter seiner Regierung wurde zum Beispiel das Recht auf Abtreibung in der französischen Verfassung verankert, was weltweit einmalig ist. Doch beim Schutz von Opfern häuslicher und sexueller Gewalt ist viel zu wenig passiert. Allein 2024 sind bis zum heutigen Tag 84 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet worden, statistisch geschieht jeden dritten Tag ein Femizid. Über eine halbe Million Frauen werden laut Regierung pro Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch oder sexueller Belästigung, davon mehr als die Hälfte durch den (Ex-)Partner. Pünktlich zum 8. März hatte Macron angekündigt, das Prinzip der Einvernehmlichkeit gesetzlich festzuschreiben.
Das Ende dieses Gerichtsverfahrens könnte ein Anfang sein: Nicht Emmanuel Macron wird am Ende in die Geschichtsbücher eingehen, als Kämpfer für den Schutz und die Rechte von Frauen. Denn dort steht schon jetzt in Großbuchstaben und rot unterstrichen der Name: Gisèle Pelicot.
Dieser Text ist zuerst erschienen am 24. Oktober 2024