EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen will eine „Renaissance der Kernkraft“ – mit Mini-AKW, sogenannten Small Modular Reactors. Auch die CSU ruft nach ihnen. Aber wie weit ist die Technik überhaupt?
Für die Befürworter der Mini-AKW-Technologie steht Kanada gerade für Verheißung. Denn in Darlington in der kanadischen Provinz Ontario werden bereits sogenannte „Small Modular Reactors“ gebaut. Noch sieht man dort nur eine riesige betonierte Fläche und viele gelbe Baukräne. Aber Ende 2030 soll dort tatsächlich eines der Klein-Atomkraftwerke der westlichen Welt industriell Strom produzieren. Es wäre das erste Mini-AKW in der westlichen Welt.
Mini-Atomkraftwerke: klein und modular
Die Reaktoren, die in Kanada gebaut werden, sind im Grunde herkömmliche Leichtwasserreaktoren. So ähnlich wie die Atomkraftwerke, die in Deutschland bis 2023 liefen, nur eben mit geringerer Leistung. Die meisten Experten ziehen die Obergrenze für „small“ bei 300 Megawatt erzeugtem Strom. Die stillgelegten Atomkraftwerke produzierten meist zwischen 700 und 1.400 Megawatt. Außerdem sollen bei den Mini-AKW die Bauteile weitgehend fertig aus der Fabrik kommen. Wegen der „modulare“ Bauweise sollen sie im Vergleich zu herkömmlichen Atomkraftwerken günstiger sein.
Unklare Baukosten von Mini-AKW
Ob das tatsächlich stimmt, steht aber noch nicht fest. Kritiker weisen darauf hin: Früher wurden große AKW gebaut, um an einem Standort mit einer Anlage und einer Infrastruktur möglichst viel Strom zu produzieren und damit kostengünstig zu arbeiten. „Diesen strukturellen Nachteil müssen diese kleinen Reaktoren erstmal wieder einholen“, sagt Alexander Wimmers, der an der Technischen Universität Berlin zur Wirtschaftlichkeit der Atomenergie forscht.
Um tatsächlich kostengünstiger als herkömmliche AKW zu sein, müssten, je nach Konzept, „hunderte bis tausende“ Reaktoren des gleichen Designs gebaut werden. Derzeit gebe es jedoch gerade 400 AKW auf der Welt.
Zusammen mit Kollegen am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat Wimmers errechnet: Eine Kilowattstunde Strom aus den technisch einfacheren Mini-AKWs würde je nach Konzept 18 bis 50 Cent kosten. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Windstrom kostete zuletzt fünf bis zehn Cent.
Wie viel ein kleines modulares Atomkraftwerk am Ende kosten wird, ist bislang völlig unklar. Zum einen gibt es viele verschiedene Konzepte, zum anderen außerhalb Chinas noch kein fertiggestelltes Kraftwerk. Festhalten lässt sich aber zumindest: Etliche Projekte wurden eingestellt, weil die Kosten explodierten.
Weniger Leistung, weniger Wärme, weniger Risiko?
Mini-AKW produzieren weniger Leistung. Das bedeutet aber auch weniger Wärme und damit weniger Risiko. „Wir glauben, dass wir den Reaktordruckbehälter bei 300 Megawatt elektrischer Leistung auf jeden Fall so kühlen können, dass er nie durchschmelzen kann“, erklärt Walter Tromm, Programmsprecher Nukleare Sicherheitsforschung am Karlsruher Institut für Technologie. Eine Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umgebung des Kraftwerks sei „praktisch ausgeschlossen“. Zudem brauchen die kleinen Kraftwerke auch im Normalbetrieb deutlich weniger Kühlung, sagen Experten.
Wärme für Wohngebiete und Industrie
Wegen der hohen Sicherheit könnten Mini-AKW viel näher bei Städten und Industrieanlagen stehen. In Helsinki plant die finnische Energiefirma Helen mehrere SMRs, die ab 2035 fertig sein sollen. Derzeit sind dafür Investitionen von ein bis fünf Milliarden Euro beabsichtigt.
Christian Reiter, Professor für angewandte Kerntechnologie an der Technischen Universität München, sieht in solchen stadtnahen Kleinkraftwerken eine große Chance: Mit ihrer Abwärme könne man Wohngebiete heizen, und auch bis zu 900 Grad heiße Prozesswärme für Industrieanlagen nutzen. Im Idealfall ließen sich nebenbei auch Radioisotope für medizinische Anwendungen herstellen.
Mini-AKW in Konkurrenz zu Wind und Sonne
Auch die kleinen Leichtwasserreaktoren erzeugen Atommüll. Im Vergleich zur erzeugten wie sogar etwas mehr als herkömmliche AKW. Hoffnung richtet sich daher auf die zweite Gruppe der SMRs, die unter dem Begriff „Advanced Technology“ zusammengefasst werden.
Anders als bei Leichtwasser-Mini-AKW erfolgt die Kühlung nicht mit Wasser, sondern durch andere Substanzen wie Natrium, Blei oder Flüssig-Salz. Sie sollen weniger Atommüll produzieren, der weniger lang strahlt. Doch der Bau dieser Atomkraftwerke liegt noch viel weiter in der Zukunft als der von Leichtwasser-Minireaktoren. „Wir haben die Physik“, sagt Christian Reiter von der TU München. „Sprich: Bei einem Großteil von diesem Konzept, wissen wir, wie es funktioniert. Aber die großtechnische Umsetzung, die fehlt natürlich noch.“
Technologie ist noch nicht Start
Alexander Wimmers von der TU Berlin sieht hingegen auch diese Technologien skeptisch. Zudem binden seiner Ansicht nach die sogenannten SMRs – von denen wohlgemerkt in der westlichen Welt noch keiner am Netz ist – zu viel Geld und Aufmerksamkeit. Diese solle man besser in den Netzausbau oder Speicherkapazitäten für Wind und Sonne investieren.
Ähnlich argumentiert Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Bei tagesschau24 verwies er darauf, dass der Anteil der letzten sechs deutschen Kernkraftwerke an der insgesamt verbrauchten Energie nur noch bei drei Prozent lag. „Diese drei Prozent würden uns bei der aktuellen Öl- und Gaskrise kein bisschen weiterhelfen.“ Um wieder einen nennenswerten Anteil zu erreichen, müssten ihm zufolge in Deutschland 50 bis 100 neue Kernkraftwerke gebaut werden.
Letztlich lässt sich festhalten, dass Mini-AKW viele Experten faszinieren, weil sie einige der Risiken der Atomkraft vermutlich reduzieren oder überwinden könnten. Bei der praktischen Umsetzung ist aber vieles noch Spekulation. Vor allem, ob die Mini-AKW wirtschaftlich mit regenerativen Energiequellen wie Sonne und Wind konkurrieren können.
Source: tagesschau.de