Gerade hat er die Broschüre Nie wieder Krieg. Die Charta der Vereinten Nationen veröffentlicht: Michael von der Schulenburgs Lebensthema ist die Verhinderung von Krieg und die Herstellung von Frieden. Daran hat er als UNO-Diplomat gearbeitet, für die russisch-ukrainischen Friedenverhandlungen in Istanbul im März 2022 war er als Berater tätig. Seit 2024 ist der Parteilose Abgeordneter des Europaparlaments für das BSW.
Das Thema Krieg und Frieden liegt auch in seiner Familiengeschichte: Als er im Mai 2025 in Moskau war, wurde Michael von der Schulenburg dort als historische Geste von einem Nachfahren des sowjetischen Außenministers Molotow begrüßt: Sein Vorfahr Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg war von 1934 bis 1941 deutscher Botschafter in der Sowjetunion. „Er war gegen den Krieg, weil er glaubte, dass dieser Deutschland unglaublich schaden werde, und er war der Meinung, dass man mit Russland immer einen Ausgleich finden muss“, sagt Michael von der Schulenburg über Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, der 1944 von den Nazis gehängt wurde wegen Verbindungen zum Kreis des Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli.
Von der Schulenburgs Besuch in Moskau im Mai 2025 zum Jahrestag des Gedenkens an den Sieg über Deutschland und die Befreiung vom Faschismus wird ihm mittlerweile zur Last gelegt – wegen Verbindungen zu Kreml-nahen Kreisen. Ein Gespräch über seine Russland-Reise und die Aussichten der laufenden Friedensverhandlungen zwischen Russland, den USA und der Ukraine.
der Freitag: Herr von der Schulenburg, wie oft waren Sie seit Februar 2022 in Russland oder auch in der Ukraine?
Michael von der Schulenburg: Ich war nur einmal in Russland, im vergangenen Mai. Eigentlich war mit den Ukrainern abgemacht, dass ich erst nach Moskau und dann nach Kiew fahre. Aber plötzlich hatte sich da vieles verhärtet und es wurde in Kiew wieder nur noch von einem militärischen Sieg gesprochen. Unsere Position war hingegen, einen Verhandlungsfrieden zu erreichen. Da passten wir nicht mehr hinein. Aber wir geben nicht auf. Unser aller Ziel muss es ja sein, die Ukraine als einen souveränen, funktionierenden, europäischen Staat mit einer Zukunftsperspektive für die geschundenen Menschen dort zu erhalten, und wir sind überzeugt, dass das nur durch Verhandlungen möglich ist. Ein einseitiger militärischer Sieg wäre eine Katastrophe für die Ukraine – und in einem gewissen Maße auch für Russland. Ich hoffe, wir werden noch nach Kiew fahren können, denn als Mitglied des Europäischen Parlaments muss uns die Zukunft dieses Landes ein besonderes Anliegen sein.
Auch Wladimir Putin ist klar, dass er das irgendwie abschließen muss. Ein militärischer Sieg bringt nichts, bevor vertraglich alles geregelt ist
Wen meinen Sie mit „den Ukrainern“, mit denen abgemacht war, dass sie nach Kiew fahren?
Die Ständige Vertretung der Ukraine bei der Europäischen Union. Wir sind im Mai ja auch als EU-Abgeordnete nach Moskau gereist und hatten zuvor ein langes Gespräch mit den Ukrainern und sie auch zu unseren Veranstaltungen eingeladen. Bei diesen Gesprächen ging es im Wesentlichen um meine Erfahrungen in Friedensmissionen der UN und Überlegungen, einen Krieg durch eine friedliche, diplomatische Lösung zu beenden. Ich will dazu nicht mehr sagen. Vertraulichkeit ist wichtig bei einem derartigen Austausch.
Sie waren dann in Moskau. Meinen Sie, die Russen wollen Frieden?
Ja, sicher. Frieden will jeder. Man redet ja gern vom Frieden, selbst wenn man gerade aufrüstet. Die Russen haben derzeit einen großen Vorteil auf dem Schlachtfeld. Aber auch Wladimir Putin ist klar, dass er das irgendwie abschließen muss. Ein militärischer Sieg bringt nichts, bevor vertraglich alles geregelt ist. Sonst bleibt das ein ewiger Konflikt. Und den kann sich auch ein Russland nicht leisten.
Gemeinhin geht man aber davon aus, dass es am Verhandlungstisch erst Aussicht auf Einigung gibt, wenn Kriegsparteien einsehen, dass auf dem Schlachtfeld nichts mehr zu holen ist.
Es gibt dann eine Chance für einen Frieden, wenn beide Kriegsparteien glauben, ihre Kriegsziele durch eine Kompromisslösung erreichen zu können. Das Istanbuler Kommuniqué vom 29. März 2022 ist dafür ein gutes Beispiel, das damals die Ukraine und Russland ausgehandelt und unterschrieben hatten. Die Russen hätten erreicht, dass die Ukraine der NATO nicht beitritt und keine NATO-Truppen auf ihrem Gebiet stationiert werden. Und die Ukraine hätte erreicht, dass Russland sich militärisch aus der Ukraine zurückzieht. Für die Krim gab es eine Sonderregelung. Nur hatten damals vor allem die USA und Großbritannien nicht mitgespielt. Sie wollten einen russischen Abzug, ohne dabei auf einen NATO‑Beitritt der Ukraine zu verzichten. Es ging ihnen ja um die NATO-Erweiterung und darum, Russland kleinzuhalten.
Während der 28-Punkte-Plan noch aussah wie ein Friedensplan, scheint der 19-Punkte-Plan mehr einem Forderungskatalog zu gleichen
Heute, nach fast vier Jahren Krieg, sieht das leider ganz anders aus. Allerdings glaube ich, dass sich erneut eine Chance auf einen Vertragsfrieden ergeben könnte, wenn der Donbas militärisch oder vertraglich an Russland abgetreten wird. Mir scheint, dass die Amerikaner darauf abzielen. Das ist in vieler Hinsicht bedauerlich, aber doch ist auch jetzt noch ein Friedensvertrag mit Gebietsverlusten besser, als einen militärischen und damit wahrscheinlich auch politischen Zusammenbruch der Ukraine zu riskieren.
Welche der ursprünglich 28 Punkte sehen Sie kritisch?
Es sind ja inzwischen, nach Interventionen der Ukrainer und der Europäer, nur noch 19 Punkte. Während der 28-Punkte-Plan noch aussah wie ein Friedensplan, scheint der 19-Punkte-Plan mehr einem Forderungskatalog zu gleichen. Obwohl der 28-Punkte-Plan erstaunliche professionelle Fehler hatte, so glaube ich, dass er sich als Grundlage für Verhandlungen mit Russland geeignet hätte. Das liegt daran, dass dieser die militärische Lage widerspiegelt. Was man vom 19-Punkte-Plan weiß, spiegelt dieser jetzt die alten Grundforderungen der Europäer wider: keine Regelung der territorialen Fragen, eine klare Schuldzuweisung, Reparationszahlungen Russlands und die Aussicht auf einen NATO-Beitritt der Ukraine. Die Europäer wollen also das Kunststück machen, ohne je mit Russland verhandelt zu haben und ohne die militärische Lage auf dem Schlachtfeld in Betracht zu ziehen, den Russen einen „Friedensvertrag“ aufzuzwingen, der in vielen aussieht wie eine Forderung nach einer russischen Kapitulation. Das wird natürlich nicht passieren. Dafür ist Russland in einer viel zu starken militärischen Lage.
Die Ukrainer haben ausgesprochen geschickte Diplomaten, wie wir es in Istanbul 2022 gesehen haben
Also wird der Krieg am Ende doch unvermindert weitergeführt?
Die Verhandlungen werden nun in Abu Dhabi zwischen der Ukraine, Russland und den USA fortgeführt; nach bisherigem Wissensstand ohne eine europäische Beteiligung. Ich bin mir sicher, dass dort eine realistischere Haltung die Beratungen beherrschen wird. Ich denke, dass die Rolle der Europäer in diesem Friedensprozess äußerst negativ ist. Bei allem ist zu bedenken, dass es so etwas wie einen gerechten Frieden nie geben wird und man auch Friedensverträge nicht aus einer moralischen Sichtweise beurteilen darf. Zwar sind alle Kriege unmoralisch, aber in Kriegen geht es nie um Moral, sondern nur um Interessen. Welche Interessen Kriegsparteien durchsetzen können und welche nicht, entscheidet dann weitgehend – aber nicht nur – die militärische Lage. Geschickte Diplomatie kann immer einen Spielraum herausarbeiten – auch für die militärisch unterlegene Kriegspartei. Und die Ukrainer haben ausgesprochen geschickte Diplomaten, wie wir es in Istanbul 2022 gesehen haben. Auch sind Friedensverträge in der Regel keine perfekten und durchgearbeiteten Dokumente. Ob ein Friedensvertrag hält, hängt ja dann oft von ganz anderen Entwicklungen ab.
Sie waren als UNO-Vertreter an Friedensverhandlungen und der Umsetzung von Friedensverträgen beteiligt. Fällt Ihnen ein Beispiel für eine erfolgreiche Aushandlung und Umsetzung ein?
Ja, ein Beispiel ist der Lomé-Friedensvertrag, durch den wohl einer der scheußlichsten Kriege auf dem afrikanischen Kontinent in Sierra Leone beendet wurde. Wenn man heute diesen Vertrag liest, können einem nur die Haare zu Berge stehen. Damals wurde der Anführer der Revolutionary United Front (RUF), die durch brutalste Vorgehensweise gegen die Zivilbevölkerung bekannt wurde, ohne irgendeine Wahl zum De-facto-Vizepräsidenten ernannt. Damit war er ausgerechnet zuständig für die Bodenschätze des Landes, vor allem also für die sogenannten Blutdiamanten. Die RUF war für unglaubliche Massaker mit Hunderttausenden Toten, für das Abhacken von Gliedmaßen und Massenvergewaltigungen verantwortlich. Der Anführer wurde später festgenommen und starb, bevor ein Sondergerichtshof über ihn urteilen konnte. Letztlich hat der Friedensvertrag gehalten. Das lag daran, dass das Land ausgeblutet war und trotz Anwendung roher Gewalt die RUF-Krieger nicht mehr ernähren konnte. Zwei Drittel der Bevölkerung waren aus ihren Dörfern geflohen und lebten unter dem Schutz von 17.000 UNO-Soldaten um die Hauptstadt Freetown. Das Erstaunlichste war, dass wir in einem Land, in dem einst täglich viele Menschen ermordet wurden, in meinen vier Nachkriegsjahren nur von einem einzigen Mord wussten. Auch wenn das heute angezweifelt wird, sind UN-Friedensmissionen oftmals überaus erfolgreich.
Es wird weiter schwer sein, zu einer friedlichen Lösung des Krieges zu kommen. Das liegt auch daran, dass es so gut wie keine direkten Kontakte und Gespräche zwischen der Ukraine und Russland gibt
Wird das jetzt beim Ukraine-Krieg genauso laufen?
Das weiß ich nicht, ich gehe aber davon aus, dass ein Friedensvertrag – wenn er überhaupt zustande kommt – nicht perfekt sein wird. Denn es wird weiterhin schwer sein, zu einer friedlichen Lösung des Krieges zu kommen. Das liegt einerseits an dem tiefen Hass und dem fehlenden Vertrauen, die diesen Krieg zeichnen, und ist damit verbunden, dass es so gut wie keine direkten Kontakte, Gespräche, Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien gibt.
Und da ist noch eine Schwierigkeit. Wenn wir uns die primären Akteure dieses Friedensprozesses, einen Trump, einen Selenskyj oder einen Putin, ansehen, dann sind sie alle von Hardlinern umgeben. Bei Verhandlungen müssen also alle drei beachten, was hinter ihren Rücken passiert. Keiner kann sich auf eine Friedenspartei verlassen. Trump ist von den Neocons umgeben, die mit der Weiterführung des Krieges den globalen Machtanspruch der USA „verteidigen“ wollen. Selenskyj muss mit den sehr organisierten und einflussreichen Nationalisten Rechnung tragen, die immer noch an einen Sieg glauben. Aber auch Putin hat mit Hardlinern zu kämpfen, die durch die militärischen Siege nun fordern, auch noch Odessa und Charkiw einzunehmen. Wenn uns die Vorgehensweise bei Verhandlungen oft irrational erscheint, so hat das viel damit zu tun.
Sie waren zum 9. Mai in Moskau, dem „Tag des Sieges“ im „Großen Vaterländischen Krieg“. Wie war Ihr Eindruck?
Man muss sehr vorsichtig mit Urteilen sein, wenn man in einem Land nur zwei Tage verbringt. In Moskau wurde nachts wegen Drohnenalarms der Flughafen geschlossen, ansonsten war vom Krieg auf den Straßen nichts zu spüren. Am Jahrestag sind wir zur Gedenkstätte für den unbekannten Soldaten gegangen. Dort waren Tausende und mehr Menschen, die vielfach verblasste Bilder von gefallenen Familienmitgliedern mit sich trugen. Obwohl schnell klar war, dass wir aus Deutschland waren, hat man uns ausgesprochen freundlich behandelt. Vom Hass, den wir leider bei uns vielfach finden, haben wir dort nichts gespürt. Im Parlament, in der Duma, haben wir Gespräche mit Abgeordneten geführt. Das waren ja keine Verhandlungen – wir wollten einfach zeigen, dass man mit den Russen sehr wohl reden kann, auch über kontroverse Themen, wie über die Anschuldigung der Entführung von Kindern. Aber das hat hierzulande leider niemanden interessiert …
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Inzwischen ja schon, „t-online.de“ schrieb jüngst über den Besuch von Ihnen und der BSW-Europaabgeordneten Ruth Firmenich und dem Ex-CDU-Mitglied Alexander von Bismarck unter der Überschrift „Wagenknechts Kanal zum Kreml“.
Es ist wohl kein Zufall, dass das so in Deutschland und genau jetzt kommt, obwohl mehr als ein halbes Jahr vergangen ist. Im Europaparlament bin ich persönlich für diese Reise nie angegriffen worden, und ich stehe auch auf keiner schwarzen Liste der Ukraine, obwohl ich in Moskau war. Ich mache das eben wie bei der UNO: Wir reden immer mit allen Leuten – und wenn es zum Krieg kommt, ist es eben noch wichtiger, mit dem Gegner zu reden. Dieser Angriff spiegelt halt die Politik der Regierung wider: ohne jede Gespräche und nur über militärischen Druck das Verhältnis zu Russland zu „gestalten“.
Jeder Kriegspartei mit Respekt zu begegnen, ihr zuzuhören und zu versuchen, ihre Standpunkte zu verstehen – das heißt ja nicht, diese als richtig anzuerkennen oder gar zu übernehmen
Ihnen wird vorgeworfen, sich mit dem „putintreuen Oligarchen Viktor Medwedtschuk“ eingelassen zu haben, der hinter dem Netzwerk „Voice of Europe“ steht und „Schmiergelder an europäische Politiker gezahlt haben soll“, sowie mit Oleg Voloshin, der die „Brics-Europe“-Konferenz in Sotschi organisiert, und dessen Frau Nadia Sass, „die in Belarus bis vor wenigen Monaten eine Propaganda-Talkshow im staatlichen Fernsehen moderierte“.
Mit einem Herrn Medwedtschuk oder „Voice of Europe“ hatten wir keine Kontakte. Auch sind wir nicht zur Sotschi-Konferenz gefahren. Mit Herrn Voloshin und seiner Frau Sass hatten wir auch keine politischen Gespräche. Herr Voloshin hatte sich um die Verabredungen sowie den Transport gekümmert und Frau Sass hat sich um Karten fürs Bolschoi-Theater gekümmert. Wir haben beide als ausgesprochen liebenswürdig, hilfsbereit und zurückhaltend erfahren. Sicherlich haben sie eine sehr andere Sichtweise auf den Ukraine-Krieg und werden sie auch kundtun – aber bei einem Besuch in Russland ist das doch auch zu erwarten. Und das ist doch der Grund eines solchen Besuches in Kriegszeiten: Ist es möglich, trotz erheblicher Unterschiede der Sichtweisen noch miteinander zu reden? Gibt es Möglichkeiten einer Annäherung? Ich habe 34 Jahre in Entwicklungs- und Friedensmissionen der UN in vielen Ländern der Welt, die durch Kriege gezeichnet waren, gearbeitet, und da war es das oberste Prinzip, mit allen Kriegsgegnern zu reden und sich dabei davon leiten zu lassen, jeder Partei mit Respekt zu begegnen, ihr zuzuhören und zu versuchen, ihre Standpunkte zu verstehen – und das heißt ja nicht, diese als richtig anzuerkennen oder gar zu übernehmen. Wenn man das Ziel verfolgt, einen Frieden durch Verhandlungen zu erreichen, gibt es keine andere Möglichkeit. Hass und Selbstgerechtigkeit machen keinen Frieden.
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Michael von der Schulenburg, Jahrgang 1948, ist seit 2024 Mitglied des Europäischen Parlaments für das Bündnis Sahra Wagenknecht. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Philosophie an der Freien Universität Berlin und begann 1978 seine Laufbahn beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP).
Seither hat er in vielen Ländern und Funktionen für die OSZE, vor allem aber für UN-Organisationen gearbeitet, zwischen 1987 und 1989 etwa als Deputy Resident Representative des UNDP im Iran und zwischen 2008 und 2012 als Repräsentant der UN und des UN-Generalsekretärs in Sierra Leone, wo er nach dem brutalen Bürgerkrieg die weltweit erste integrierte Peacebuilding-Mission aufbaute.
Im Europaparlament gehört Von der Schulenburg heute dem Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung und der Delegation im Ausschuss für parlamentarische Kooperation EU-Russland an.