Mexiko: Die Macht welcher Kartelle und die Ohnmacht des Staates


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Stand: 25.02.2026 • 02:32 Uhr

Die Drogenkartelle haben in Mexiko Zehntausende Menschen getötet, sie bewegen enorme Summen an Geld. Um ihre Macht zu brechen, brauche es mehr als nur Repression, sagen Experten. Es müssen auch Korruption und Geldwäsche bekämpft werden.

Es ist ein historischer Wendepunkt in der Geschichte der Kartelle Mexikos: Mit der Tötung von Nemesio Oseguera Cervantes alias „El Mencho“ ist die Ära der großen, klar definierten „Capos“, die das öffentliche Bild des Drogenkriegs prägten, faktisch vorbei. Die letzten zwei Jahrzehnte waren sie, die oft nur mit verniedlichenden Spitz- und Kosenamen herrschten, in Mexiko gefürchtet, verflucht, aber auch in Balladen besungen und zum Mythos verherrlicht.

„El Mencho“ wurde mächtig, weil andere Mächtige enthauptet wurden. 2012 tötete die mexikanische Marine den Anführer der gefürchteten Zetas, die als erste das Geschäftsmodell des organisierten Verbrechens grundlegend verändert hatten. Da war „El Mencho“ schon dabei, sein zuvor von dem Sinaloa-Kartell abgespaltenes Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) zu formen. 2016 wurde „El Chapo“, der frühere Boss des Sinaloa-Kartels, an die USA ausgeliefert. Während intern ein Machtkampf um seine Nachfolge tobte und Zehntausende Menschen starben, nutzte das CJNG-Kartell die Schwäche erneut aus – Gewinner war „El Mencho“.

Tot oder im Gefängnis

Um die 460 kriminellen Gruppen gibt es nach Einschätzung der Crisis Group in Mexiko – ihre Zahlen hat die Nichtregierungsorganisation 2019 erhoben. Ein fragmentiertes Panorama aus großen, mittelgroßen und auch sehr kleinen kriminellen Zellen, sagt David Mora, der für die Crisis Group die Lage in Mexiko analysiert.

Die bedeutendste Veränderung in der Kartelllandschaft sei das auseinandergebrochene Sinaloa-Kartell: „Wir haben jetzt drei oder vielleicht vier sehr mächtige Fraktionen, die sich gegenseitig bekämpfen, mit Clans und kriminellen Familien, die in sehr instabilen Allianzen und Bündnissen zusammenarbeiten, die sich im Laufe der Zeit immer wieder verändern“, so Mora.

Das einst so mächtige Sinaloa-Kartell hat seine Schlagkraft vollends verloren, nachdem Ismael Zambada García, genannt „El Mayo“, im August 2024 in Texas festgenommen wurde. Die zweite Fraktion, die „Chapitos“, die Söhne von „El Chapo“ sind ebenfalls teils in US-Haft. Tot, geschwächt und flüchtig oder im Gefängnis: Viele der Organisierten Verbrecherbanden sind führungslos, „El Mencho“ ging aus ihrem Zerfall hervor und war der letzte große Kopf.

Nicht das geringste Risiko für WM-Besucher“

Mexikos Regierung gibt sich nach seiner Tötung siegessicher, spricht von einem großen Schlag gegen das Organisierte Verbrechen und betont, wie ruhig und sicher Mexiko dank der koordinierten Zusammenarbeit aller Behörden sei. Dabei kamen berechtigte Zweifel an dieser Darstellung auf, als in Folge der Operation gegen „El Mencho“ die Totenzahlen stiegen und die Mitglieder des Jalisco-Kartells mit Plünderungen, Brandstiftungen und Schießereien ihre Macht demonstrierten.

Inzwischen sind die Schulen und Universitäten in Mexiko wieder geöffnet. Und Präsidentin Claudia Sheinbaum zerstreut die internationalen Zweifel an ihrem Land als Austragungsort der Fußball-WM: „Es gibt nicht das geringste Risiko für Besucher“, sagte sie am Dienstag bei ihrer täglichen Pressekonferenz.

Auch der Weltfußballverband FIFA scheint auf eine Beruhigung der Lage zu hoffen, hat sich bisher zu einer möglichen Verlegung von Austragungsorten in Mexiko nicht geäußert. Man stehe im ständigen Austausch mit den Behörden und beobachte die Lage in Jalisco, dem Bundesstaat, in dem einige der ersten Spiele der Vorrunde stattfinden sollen, „sehr genau“.

Kartelle ohne politische Agenda

Ob der Staat den Schutz gewährleisten kann, daran hat der Sicherheitsexperte David Saucedo seine Zweifel. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es innerhalb des Kartells zu einem Nachfolge-Krieg kommen, zwischen unterschiedlichen Kommandanten. Wahrscheinlich werden sie sich nicht einfach auf einen Nachfolger einigen können.“ Und das sei mit gewaltsamen Kämpfen verbunden, deren Auswirkungen durchaus die Sicherheit der WM beeinträchtigen könnten. Kurzfristig schickt die Regierung nun 2.500 zusätzliche Soldaten nach Jalisco und bereitet sich auf weitere Gewalt vor.

David Mora von der Crisis Group hat eine andere Lesart. Mexikos Kartelle seien Wirtschaftsunternehmen, die auf einem kriminellen Markt operierten. Die Weltmeisterschaft und die vielen damit verbundenen Touristen, die Mexiko empfangen werde, würden Anreize schaffen, damit diese Gruppen keine Gewalt ausübten: „Es wird die Nachfrage nach Drogen und sexuellen Dienstleistungen steigen – womit die Kartelle einen Großteil ihres Geldes verdienen.“

Die kriminelle Wirtschaft habe ein Interesse an der WM und sei so angelegt, dass sie ihre Märkte ohne Gewalt betreiben könne. Die Kartelle seien keine terroristische Organisation, denn sie verfolgten keine politische, ethnische oder religiöse Agenda.

Politik der „harten Hand“

Doch selbst mit ruhigen Wochen während der WM ist es unwahrscheinlich, dass nach der Tötung „El Menchos“ die Kartelle in Mexiko verschwinden und Frieden einkehrt. Die Kartell-Geschichte hat gezeigt, dass jedes Machtvakuum von neuen Kräften ausgefüllt wird. Im Fall des Jalisco-Kartells könnten entweder interne Kräfte, wie Verwandte oder dem Kartellboss nahestehende Personen, nachrücken. Es kann aber auch, wie im Fall des Sinaloa-Kartells, zu einer Fragmentierung kommen, zu blutigen Kämpfen untereinander und mit anderen Kartellen, die ihre Macht ausbauen wollen.

Die in Mexiko tätige deutsche Entwicklungshilfeorganisation Misereor kritisiert den konfrontativen Kurs der mexikanischen Regierung. Die Politik der „harten Hand“ stehe maßgeblich unter Druck der USA. Vergeltung befeuere die Gewaltspirale immer wieder aufs Neue und gefährde die Zivilbevölkerung. Misereor spricht von „medienwirksamen Operationen gegen einzelne Bosse“ statt Bekämpfung struktureller Ursachen Organisierter Kriminalität.

Umarmungen statt Kugeln

Die Spitze der Kartelle ins Visier zu nehmen, war fast zwei Jahrzehnte lang strategischer Standard der mexikanischen Regierung. Einzige Ausnahme war die Regierungszeit von Sheinbaums Vorgänger Andrés Manuel López Obrador: Er warb mit dem Slogan „abrazos, no balazos“, zu Deutsch: Umarmungen statt Kugeln. Er verzichtete auf Eskalationen. Gleichzeitig militarisierte er das Land weiter, was ihm Kritiker vorwerfen – und die Macht der Kartelle wuchs. Die Zahl der Morde und Vermissten sind in all den Jahren gestiegen.

David Mora von der Crisis Group glaubt nicht, dass Mexiko aktuell über die zivilen Kapazitäten verfügt, um das Problem der Organisierten Kriminalität zu bekämpfen. Sheinbaums konfrontative Strategie hält er darum für den richtigen Weg.

Doch auch er glaubt, dass ein langfristiger Erfolg nur möglich ist, wenn die Strukturen der Kartelle geschwächt und gleichzeitig die Netzwerke des politischen Schutzes zerschlagen und die Korruption bekämpft werde. Denn viele der kriminellen Gruppen konnten nur durch ihren Einfluss vor allem auf lokale Regierungen wachsen.

Gegen Geldwäsche vorgehen

Daran ändert die Tötung eines Kartellbosses wenig. Auch wenn es tatsächlich Regionen in Mexiko gibt, wo der Staat faktisch kaum die Kontrolle über das Territorium hat, betont Mora, dass er sie an vielen anderen Stellen sehr wohl habe. Um sie überall wiederzuerlangen müssten neben den oben genannten Maßnahmen auch verstärkt gegen Geldwäsche ermittelt werden, Straftaten auch wirklich verfolgt werden und vor allem die Rekrutierung neuer Mitglieder unterbunden werden.

Zumindest sind das Ansätze, die die Sicherheitsstrategie der Regierung auf dem Papier präsentiert.

Source: tagesschau.de