Über Narcos, Misogynie und Gewalt: Der mitreißende Erstling „Das hier ist nicht Miami“ der mexikanischen Autorin Fernanda Melchor ist nun endlich auf Deutsch erschienen
Die mexikanische Schriftstellerin und Journalistin Fernanda Melchor ist in Deutschland keine Unbekannte. Mit ihrem Roman Saison der Wirbelstürme erhielt sie 2019 den Anna-Seghers-Preis und den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. 2021 kam dieser beim Schauspiel Köln erst auf die Bühne, 2023 wurde das Buch verfilmt.
Darin verwebt Melchor Mythen und Legenden Mexikos mit Machismo und Misogynie, um von Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigungen, illegalen Abtreibungen und Femiziden zu erzählen. In Paradais (2021), ihrem zweiten ins Deutsche übersetzten Roman, liegt der Fokus auf der sozialen Ungleichheit ihrer Heimatstadt Boca del Río.
Nun liegt mit Das hier ist nicht Miami erstmals auf Deutsch ein Band ihrer frühen Prosatexte vor. Die Originalausgabe erschien 2013, die überarbeitete und erweiterte Fassung 2018. Die zwölf Texte bewegen sich meist im journalistischen Genre der Crónicas, einer Literaturgattung, die kleinere, zur Veröffentlichung in Zeitungen oder Magazinen bestimmte Texte umfasst.
Machenschaften der Drogenkartelle
„Andere lassen sich nicht so leicht einordnen – ich nenne sie Relatos, also Erzählungen und Berichte“, schreibt die Autorin in ihrer Vorbemerkung. Entstanden zwischen 2002 und 2013, zeichnen sie ein vielschichtiges Porträt der Hafenstadt Veracruz an Mexikos Ostküste, nahe Melchors Heimatort.
Einige Texte rücken die Machenschaften der Drogenkartelle ins Zentrum. Veracruz schreibt man mit Z verweist im Titel auf das Kartell Los Zetas. In fünf Unterkapiteln entfaltet sie ein beklemmendes Panorama, in dem harmlose Handlungen fatale Folgen haben: ein Strandbesuch zur falschen Zeit oder ein Abend in der Disco, der abrupt kippt, als Schläger auftauchen. Besonders eindringlich ist der Fall einer jungen Frau, die bei einer Schießerei schwer verletzt wird.
Dabei stirbt ihre Mutter. Sie gibt sich selbst die Schuld dafür – weil sie nach einem Konzert etwas essen wollte. Andere Texte zeigen, wie wirtschaftliche Krisen und neoliberale Politik Menschen in die Arme der Kartelle treiben. In Ein guter Mensch wird klar, wie Arbeitslosigkeit zur Rekrutierung in die sogenannte Firma führt – selbst bei jenen, die diesen Weg nie gehen wollten.
Der Traum vom guten Leben
Nicht alle Geschichten sind rein dokumentarisch. Manche changieren zwischen Realität und Legende. In Das Haus am Estero verwandelt sich ein Ausflug zum berüchtigten „Teufelshaus“ in eine übernatürliche Episode, bei der eine junge Frau angeblich von einem Dämon besessen wird. Das Lied vom Verbrannten hingegen verknüpft reale Gewalt mit archaischer Selbstjustiz: Melchor rekonstruiert den Lynchmord an einem vermeintlichen Mörder, der von Dorfbewohnern bei lebendigem Leib verbrannt wird.
Auch Königin, Sklavin oder Ehefrau handelt von einer Frau, die für den Mord an ihren beiden Kindern verurteilt wurde – ein Fall voller Zweifel, der womöglich auf das Konto von Narcos geht.Der titelgebende Text Das hier ist nicht Miami öffnet den Blick vor allem auf Migration und den Traum vom besseren Leben: Flüchtlinge aus der Dominikanischen Republik schleichen sich von einem Frachter, in der Überzeugung, Miami erreicht zu haben – nur um festzustellen, dass sie in Veracruz gelandet sind.
Immer wieder wird der Hafen selbst zum Protagonisten. Melchor spürt seiner Vergangenheit nach, spricht mit einem ehemaligen Arbeiter, der von kleinen Diebstählen in den 1970er Jahren bis zu groß angelegten Containerplünderungen erzählt; eine Chronik von Korruption und Misswirtschaft, aber auch von Zeiten, in denen ein „Scheißleben“ Momente des Zusammenhalts kannte.
Fernanda Melchor erschafft ein düsteres Panoptikum
Mit scharfem Blick und Gespür für Zwischentöne erschafft Melchor zwar ein düsteres Panoptikum von Veracruz, doch sie lädt ein, tiefer zu schauen als auf eine bloße Skandalschlagzeile. So zeigt sie, wie politische Fehlentscheidungen und wirtschaftliche Krisen Lücken reißen, in die ungehindert Drogen und Gewalt strömen.
Melchors Texte wechseln Perspektiven und Tonlagen: vom Plauderton eines Hafenarbeiters bis zum distanzierten Journalistenstil über atmosphärisch dichte Schauergeschichten. Melchor hat eine tolle Sammlung vorgelegt, die ihren Romanen in nichts nachsteht – und gerade durch ihre Vielfalt eine größere Wucht entfaltet.
Das hier ist nicht Miami Fernanda Melchor Angelica Ammar (Übers.), Wagenbach Verlag 2025, 160 S., 20 €