Die zunehmende Kritik von Bundeskanzler Merz an Donald Trumps Iran-Krieg sorgt in den USA für Unmut. Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, mahnt die Bundesregierung im Interview zur Vorsicht und erklärt, in welchem Stadium er den Krieg sieht.
Richard Grenell hat gerade seine Rede auf der Conservative Political Action Conference im texanischen Dallas gehalten. Im VIP-Bereich kommen auf dem kurzen Weg zu einem kleinen Konferenzraum zahlreiche Menschen auf ihn zu, um ihm zu gratulieren. Grenell war von 2018 bis 2020 US-Botschafter in Deutschland. Noch heute hallt sein Name in Berlin nach, denn in nur kurzer Zeit hat er mit markigen Wortmeldungen die Politik gegen sich aufgebracht.
WELT: Herr Botschafter, Präsident Trump hat den Iran-Krieg begonnen, ohne die Europäer vorher darüber zu unterrichten. Anschließend bat er sie um Hilfe. Warum hat er erwartet, dass sie helfen würden?
Richard Grenell: Legen Sie nahe, dass man unterrichtet werden muss, bevor man die Nato achtet? Es gibt eine Menge Dinge, worüber die Deutschen die Amerikaner nicht unterrichten, weil sie nicht wollen, dass es öffentlich wird. Es sollte keine Überraschung sein, dass die USA den Iran als Bedrohung sehen. Als ich Botschafter war, wussten die Deutschen, dass wir den Iran als solchen sehen. Ich habe Merkels Regierung viele Male gesagt, dass der Iran Raketen hat, die Europa erreichen können. Sie war uninteressiert. Genauso, als wir ihr gesagt haben, Deutschland solle keine Energie aus Russland kaufen. Wir bekamen als Antwort, dass es eine besondere Beziehung mit Russland gebe und eine mit dem Iran und dass man eine andere Bedrohungswahrnehmung habe. Die deutsche Regierung muss sehr vorsichtig sein, wenn der Regierungschef sich im Oval Office neben Präsident Trump setzt und das eine über den Iran sagt und zurück in Berlin etwas ganz anderes. Das ist für die Nato ein größeres Problem, als nicht unterrichtet worden zu sein.
WELT: Sie sprechen über Bundeskanzler Friedrich Merz. Er sagte im Oval Office, beim Thema Iran mit Trump am selben Strang zu ziehen. Wenige Tage später sagte er, dass er Trump vom Krieg abgeraten hätte, wäre er konsultiert worden.
Grenell: Und das hat Kanzler Merz nicht gesagt, als er neben Trump im Oval Office saß. Das ist eine bequeme Antwort, wenn man in Berlin ist und nicht in Washington. Er scheint in Washington nicht den Mut zu haben, das zu sagen, was er in Berlin sagt. In Amerika nennen wir das schwach oder heuchlerisch. Ich denke, dass Deutschland als größte Wirtschaftsmacht in Europa, die von den meisten US-Truppen beschützt wird, gerade verkennt, wie aufgebracht das amerikanische Volk über eine Regierung ist, die in Washington sagt, man unterstütze die USA und dann diese Unterstützung verweigert.
WELT: Ist das Hilfegesuch an Europa ein Ausweis dafür, dass Trump die Iraner in dem Krieg unterschätzt hat?
Grenell: Das ist eine dämliche Frage.
WELT: Warum hat er um Hilfe gebeten?
Grenell: Weil wir Nato-Verbündete sind.
WELT: Die Nato ist ein Verteidigungsbündnis, nicht ein Bündnis für …
Grenell: Die Nato ist ein Bündnis, in dem, wenn ein Partner sich bedroht fühlt, es eine Reaktion gibt. Wenn man den Prozess eindeutscht und jedes Mal aus allen möglichen Winkeln Fragen stellt, ist man kein guter Nato-Verbündeter. Es muss schnell gehen, wenn ein Land bedroht ist, besonders, wenn die USA bedroht werden.
WELT: Der Verteidigungsmechanismus greift formell erst bei einem Angriff auf ein Mitgliedsland.
Grenell: Nein, es geht um die Bedrohung. Und es gab eine unmittelbare Bedrohung aus dem Iran.
WELT: Der kürzlich zurückgetretene Anti-Terrorismus-Chef Joe Kent hat bestritten, dass es eine unmittelbare Bedrohung gab.
Grenell: Kent hat nicht bestritten, dass der Iran eine ballistische Rakete hat, die Berlin erreichen kann. Ich komme gerne noch mal auf den Punkt zurück, dass die deutsche Regierung die Bedrohung des Irans nicht akzeptiert. Wer in der Geschichte die Bedrohung aus Russland nicht ernst genommen und stattdessen, wie die Bundesregierung, die russische Kriegskasse gefüllt hat, sollte eine Lektion gelernt haben.
WELT: Trump scheint wütend auf die Europäer zu sein.
Grenell: Nein, er ist nicht wütend. Das ist das falsche Wort. Wenn er wütend wäre, würden Sie das sehen. Es hat ihn darin bestätigt, dass sie unzuverlässige Partner sind, obwohl sie die ersten sind, die sich beschweren, dass er nicht genug für die Nato täte.
WELT: Trump hat einen Handelskrieg gegen Europa gestartet und gedroht, sich Grönland einzuverleiben. Ist er ein guter Verbündeter?
Grenell: Das ist eine dumme Frage eines deutschen Reporters. 50.000 amerikanische Truppen sind in Deutschland stationiert. Jeder amerikanische Präsident von George H.W. Bush über Obama bis Trump hat die Nato aufgefordert, mehr zu bezahlen. Alle wurden ignoriert, außer Trump. Es gibt eine Lektion für amerikanische Präsidenten: Die Deutschen beschweren sich und tun nichts, bis man sie richtig unter Druck setzt.
WELT: Sie haben für die Bush-Regierung gearbeitet. Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen dem Irak-Krieg und dem Iran-Krieg?
Grenell: Ich sehe keine.
WELT: Was muss Trump tun, um dieselben Fallen zu vermeiden?
Grenell: Wir haben die Bedrohung eliminiert. Wir sind dem Ende nahe und müssen jetzt abwarten.
WELT: Was ist Trump bereit zu tun, um die Straße von Hormus wieder zu öffnen?
Grenell: Das müssen Sie ihn fragen.
WELT: Sind Bodentruppen eine rote Linie für ihn?
Grenell: Er hat gesagt, dass er das nicht möchte.
WELT: Die MAGA-Basis ist gespalten. Was denken Sie über prominente Kritik von Tucker Carlson, Steve Bannon oder Joe Rogan, dass Trump die America-First-Prinzipien verrät?
Grenell: Zunächst bin ich stolz, dass abweichende Meinungen im MAGA-Bündnis erlaubt sind. In der Demokratischen Partei finden Sie so etwas nicht. Wir sind eine Partei mit starken Meinungen und das ist gut so. Zweitens zeigen Umfragen, dass trotz abweichender Meinungen alle an der MAGA-Basis Trump vertrauen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist phänomenal.
Gregor Schwung berichtet als außenpolitischer Korrespondent über transatlantische Beziehungen, internationale Entwicklungen und geopolitische Umbrüche mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Ukraine und die USA.
Source: welt.de