Elena Bashkirova ist von heiterer Unerschrockenheit. Als der Gazakrieg noch mit blutiger Vehemenz geführt wurde, ging sie Anfang Januar dieses Jahres nach Israel, um Wolfgang Amadé Mozarts Klavierkonzert KV 415 zu spielen. „Die Leute machten große Augen, als ich sagte, dass ich dorthin gehe“, erzählt sie, „aber gerade da und jetzt brauchen die Menschen Unterstützung. Durch Musik! Also muss es sein.“
Genauso wie das Jerusalem Chamber Music Festival, das die Pianistin seit bald dreißig Jahren leitet. „Es ist eines der wenigen Ereignisse einer säkularen, von keinerlei religiösen Interessen geleiteten Kultur in Jerusalem“, betont sie. Diese Form von Kultur sei fast völlig zum Erliegen gekommen in der Stadt. Und bei allem Verständnis für die Komplexität der politischen Situation hält sie überhaupt nichts von Kulturboykotten in welche Richtung auch immer. „Unsere Aufgabe als Künstler ist es doch, die Menschen zusammenkommen zu lassen, nicht, sie auseinanderzutreiben.“ Die diesjährige Ausgabe in Jerusalem hatte im September „begonnen mit einer Rakete aus dem Jemen“, berichtet sie. „Zehn Minuten warten, dann war alles okay.“ Sie endete, wie jede Ausgabe, mit dem Streichoktett von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Nun ist Bashkirova, die seit fünf Jahren die Ehrenpräsidentschaft der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung innehat, auch Trägerin des Internationalen Mendelssohn-Preises zu Leipzig. Sie erhielt ihn dieser Tage im Gewandhaus gemeinsam mit dem bald hundertjährigen Michael Blumenthal, dem früheren US-Finanzminister unter Jimmy Carter und späteren Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin. Ihn verbindet viel mit Bashkirova: „Michael wollte von Anfang an, dass die Musik Bestandteil des Museums ist“, erzählt die Pianistin, „also rief er ‚Intonations‘ ins Leben, die Berliner Schwester des Jerusalem Chamber Music Festival.“
Wie Patrick Schmeing, der Direktor des Leipziger Mendelssohn-Hauses, betont, war es ein besonderes Anliegen des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung, die Tradition des Mendelssohn-Preises wieder aufzunehmen. Sie war 2007 begonnen worden mit dem ersten Preisträger Kurt Masur. Dem früheren Gewandhauskapellmeister ist es zu verdanken, dass das Wohn- und Sterbehaus seines Amtsvorgängers Felix Mendelssohn Bartholdy in der Goldschmidtstraße 12 gerettet wurde und heute Museum ist. Helmut Schmidt und Peter Schreier, Marcel Reich-Ranicki und Riccardo Chailly erhielten in der Zwischenzeit den Preis; 2016 – nach der Verleihung an Tomoko Masur – war die Tradition abgerissen. Ihre Wiederaufnahme vervollständigt nun die Neubelebung auch der Mendelssohn-Festtage in Leipzig, bei denen die Stadt, das Gewandhaus und das Mendelssohn-Haus besonders glücklich zusammenwirken – nicht nur, um an Mendelssohn zu erinnern, sondern auch, um die Bach-Stadt Leipzig wirkungsvoll zur Musikstadt weiterzuentwickeln.
Kremer kam erst spät zu Mendelssohn
Mendelssohn sei bis vor wenigen Jahren nicht sein Held gewesen, gesteht der Geiger Gidon Kremer beim Salongespräch mit Bashkirova im Mendelssohn-Haus. Erst durch die gemeinsame Aufnahme des frühen Doppelkonzerts für Violine und Klavier mit der Pianistin Martha Argerich habe er einen Begriff von der kolossalen Begabung dieses Wunderkinds bekommen und seitdem nicht aufgehört, sich zu wundern. „Mir geht es nämlich wie dem russischen Schauspieler Innokenti Smoktunowski, der ein hervorragender Fürst Myschkin in Dostojewskis ‚Idiot‘ auf der Bühne war und der den Hamlet in Grigori Kosinzews Verfilmung gespielt hat: Er sah seine Aufgabe als Künstler darin, sich über etwas zu wundern und diese Verwunderung mit anderen zu teilen.“
In Kremers Konzert mit seiner Kremerata Baltica und dem Pianisten Lucas Debargue, worin der Geiger mit seinem blühenden, aber zarten Ton daran erinnert, dass alle Schönheit letztlich Widerstand gegen ihre Gefährdung ist, treffen auch die beiden Riesenwunderkinder Mozart und Mendelssohn unmittelbar aufeinander. Mozart mit seinem amourös entrückten, dann wieder übermütigen Klavierkonzert Es-Dur KV 449, Mendelssohn mit der Streichersymphonie h-Moll des Vierzehnjährigen, die in leidenschaftlichem Ernst von einem Übermut zeugt, der früh alle Sorglosigkeit verloren hat.
Auch das acht Jahre später entstandene erste Klavierkonzert g-Moll op. 25 beginnt mit der Sorge: Jedenfalls entfesseln Andris Nelsons und das Gewandhausorchester anfangs die Kräfte der Verwüstung. Der Impuls, mit dem das Soloklavier darauf reagiert, ist zweideutig: Flucht und Kampf gleichermaßen. Der Solist Seong-Jin Cho verkennt den Ernst der Lage ein wenig, indem er diese Bedrohungssituation als Aufforderung begreift, viel Perlenglanz zu verbreiten. In der Lyrik des Rückzugs, in den sensibel gestalteten Harmoniewechseln des langsamen Satzes, im charmanten Flirt der finalen Causerie fühlt er sich hörbar wohler. Aber die Entwicklung von einer fast tragischen Selbstbehauptung gegen eine feindliche Umgebung über die Flucht in die Kontemplation hin zu einem aktiven Leben, das seine heitere Selbstbestimmung wiedergewinnt, wird eher vom Orchester als vom Solisten erzählt.
Programmatisch eindrucksvoll ist das Konzert des Gewandhausjugendchores mit Frank-Steffen Elster und des Gewandhauschores mit Gregor Meyer. Besonders die „Jahresbilder“ mit Mendelssohn-Liedern (auch ohne Worte), deren Klavierparts Andreas N. Tarkmann delikat für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Harfe arrangiert hat, erzählen von der Fähigkeit, den ganzen Jahreskreis metaphorisch lesen zu können, und von dem anmutigen Sterblichkeitsbewusstsein ihres jungen Autors.
Im Mendelssohn-Haus, wo man sich über die Neuerwerbungen eines Mendelssohn-Aquarells von der Amalfi-Küste und eines Aquarells von Ferdinand Schiertz von Mendelssohns letztem Arbeitszimmer freut, ist derzeit die Sonderausstellung „Die unbekannte Schöne“ über Mendelssohns Frau, Cécile Jeanrenaud, zu sehen. Das Tagebuch der Hochzeitsreise der beiden, mit Texten von ihr, Kompositionen von ihm und gemeinsamen, exzellenten Zeichnungen von beiden, erzählt ebenfalls von einer verantwortungsvollen Dankbarkeit, die Leben und Schönheit in ihrer Vorbehaltlichkeit feiert. Mendelssohn starb mit 38, seine Frau mit 36 Jahren.
Source: faz.net