Trotz niedriger Kakaopreise ist Schokolade dieses Jahr zu Ostern so teuer wie noch nie. Das Einzige, was ständig sinkt, ist das Niveau der Ausreden dafür.
Dass 8,99 Euro für einen 200-Gramm-Hasen keine so gute Idee waren, scheint man auch bei Lindt erkannt zu haben. Vor Ostern warb man dort online noch einmal mit dickem Oster-Rabatt und reduzierte das teure Tier auf 5,49 Euro. Was prompt dazu führte, dass es zeitweise nicht mehr verfügbar war. Auch in vielen Supermärkten finden sich jetzt Last-minute-Angebote, teilweise ist die süße Ware um 50 Prozent im Preis gesenkt. Sie war davor auch teuer genug.
Kritik an überzogenen Preisen für Osterschokolade, Schokoeier, Marienkäferchen und Hasen, egal ob von Milka oder in Goldfolie, wird seit Wochen von Medien und Verbraucherschützern vorgebracht.
Geblieben ist der Ärger der Verbraucher. Tief sitzt bei vielen das Unverständnis über Mondpreise, die für Saisonware wie Weihnachtsmänner oder Osterhasen aufgerufen werden, aber auch für Tafeln. Denn die kosten nicht nur doppelt so viel wie gewohnt, sondern sind oft auch kleiner – oder mit allerlei Zucker- und Keksfüllungen gestreckt.
Machen immer noch Missernten die Schokolade teuer?
Meine Verärgerung ist sogar gewachsen. Und das kam so: Vor längerer Zeit plante ich eine Recherche zu den extrem hohen Kakaopreisen aus Sicht der Wissenschaft. Ich hatte mir Daten zu Kakaobohnen-Missernten in Westafrika besorgt, wo 2023 und 2024 ein Hin und Her von Starkregen und Dürre viele Plantagen schwer getroffen hatte.
Dort hatte der Regen auch dazu geführt, dass sich Krankheiten wie die gefürchtete Schwarzfäule an den Kakaobäumen ausbreiteten. 2024 kamen auch noch Ernteausfälle durch das „Cocoa-swollen-shoot-Virus“ hinzu, das von Läusen übertragen wird und junge Kakaotriebe schwächt.
Es gab also offenbar Gründe, warum die Kakaopreise drastisch stiegen, dachte ich – und damit auch die für Schokolade. An Rohstoffbörsen verdreifachte sich der Kakaopreis Anfang 2024 von etwa 4000 US-Dollar pro Tonne auf zwischenzeitlich 10.000 bis 12.000 US-Dollar. Was schnell auf die Supermarktregale durchschlug, wo die Tafelpreise um die Wette kletterten.
Ich fand das damals interessant und stellte mir gestresste Industriemanager vor, bemüht, die letzten Rohstoffe auf dem Weltmarkt aufzukaufen. Denn dieses Bild vermittelten die großen Schokoladenhersteller: Man habe leider keine andere Wahl, als die drastisch gestiegenen Rohstoffpreise für Kakao nun an Verbraucher und Verbraucherinnen weiterzureichen, hieß es überall. Also warteten wir Schokoladenkunden auf sinkende Kakaopreise, weil wir glaubten, Schokolade werde dann wieder günstig.
Der Kakaopreis ist abgestürzt, Schokolade bleibt teuer
Wir warten bis heute. Im Herbst 2025 hatte sich die Hoffnung eigentlich erledigt – ebenso wie meine Recherche übrigens: Damals wurde für Westafrika eine bessere Ernte für die Saison 2025/2026 prognostiziert, es fiel sogar das Reizwort einer möglichen Überproduktion.
Und die Börsen reagierten prompt: Der Kakaopreis stürzte ab und ist inzwischen auf weniger als 4000 Dollar pro Tonne gefallen – so wenig wie seit Ende 2023 nicht mehr.
Doch wundersamerweise kommt das bei uns Kunden nicht an. Schokolade ist immer noch teuer, und Osterhasen kosten 2026 so viel wie noch nie, wie der NDR recherchierte. Der Kakaopreis, der Klimawandel oder Krankheiten haben daran allerdings wohl nur einen sehr geringen Anteil. Denn der Kakao in der Schokolade beeinflusst deren Gesamtpreis kaum: In einer 100-Gramm-Tafel Milchschokolade (oder einem ebenso schweren Hasen) steckt nur Kakao im Wert von wenigen Cent. Auch wenn sich dessen Preis verdreifacht, machen andere Faktoren wie Verpackung und Marketing gerade bei großen Marken mehr aus. Doch der Kakaopreis sinkt ja ohnehin seit Monaten – wie übrigens auch der von Zucker, der für Schokolade eine große Rolle spielt.
Hersteller von Schokolade profitieren von langfristigen Verträgen
Eine besondere Unverfrorenheit ist der Hinweis der Hersteller auf angeblich ältere oder langfristige Lieferverträge, mit denen begründet wird, dass man die schon lange sinkenden Preise für Kakao leider weiterhin nicht an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben könne. Denn zur Wahrheit gehört, dass die großen Hersteller wohl sehr von ebendiesen Langfristverträgen profitierten, als die Preise Anfang 2024 nach den Missernten in Afrika massiv zu steigen begannen.
In den Hauptanbauländern Ghana und Côte d’Ivoire ist der Markt teilweise reguliert. Dort werden bereits lange vor der Ernte die Kakaopreise für die kommende Saison verhandelt – ein Geschenk für Schokoladenfabrikanten, wenn Preisspitzen erst im Frühjahr auftreten, sie im Herbst aber noch günstig einkaufen konnten. Große Hersteller kaufen daher große Mengen Kakao nicht an der Börse, sondern über lizenzierte Aufkäufer direkt vor Ort in den Anbauländern.
Sowohl im Herbst 2023 als auch im Herbst 2024 befanden sich die Rohstoffpreise für westafrikanischen Kakao auf moderatem Niveau. Doch diesen Einkaufsvorteil gab man nicht an die Verbraucher weiter. Gesprochen wurde später nur noch über den hohen Börsenpreis.
Die Intransparenz ist aber nicht der einzige Aufreger im Kakaosektor. Die Hauptbetroffenen der geballten Marktmacht sind nämlich nicht Verbraucherinnen und Verbraucher. Wir jammern nur auf hohem Niveau, wenn unsere Süßigkeiten teurer werden.
Die Hauptlast tragen Millionen Kakaobauern und ihre Familien, die unter prekären Bedingungen Kakao produzieren und dafür meist nur wenig Geld bekommen. Wirklich „faire“ Preise werden auf dem Markt selten gezahlt, kritisieren Experten für globalen Handel und NGOs schon lange.
Kinderarbeit für Kakao und Schokolade
Hinzu kommt ausgerechnet jetzt, im Jahr des teuren Hasen, ein besonders unrühmliches Jubiläum: Vor 25 Jahren versprachen große Schokoladenunternehmen in aller Welt, zumindest die schlimmsten Auswüchse von Kinderarbeit in der Kakaoproduktion zu beenden. Darauf folgten viele Nachhaltigkeitssiegel und Bildungsinitiativen in den Anbauländern – inklusive Kampagnen gegen Kinderarbeit.
Doch es gibt sie immer noch im großen Stil. 2020 erschien ein großer Report der Universität Chicago, laut dem in Ghana und Côte d’Ivoire etwa 1,56 Millionen Kinder und Jugendliche ab fünf Jahren in der Kakaoproduktion arbeiten, teilweise unter schlimmsten Bedingungen. Bis heute basiert das kommerzielle Schokoladengeschäft – allen Beteuerungen zum Trotz – nicht zuletzt auf Kinderarbeit.
Denn ein Haupttreiber hinter diesem Missstand ist bis heute nicht beseitigt: Die an die Bauern gezahlten Preise sind nach wie vor so schlecht, dass in Westafrika oft ganze Familien auf Plantagen schuften, um überhaupt über die Runden zu kommen – inklusive der Kinder. Wenn jemand den Bauern fairere Preise oder Zusatzprämien zahlte, waren das bisher höchstens die einschlägig bekannten Unternehmen aus der Bio- oder Fairtrade-Branche oder kleinere Kooperativen.
Dass nun ausgerechnet der Discounter Lidl Bauern in Afrika mehr Geld für Kakao zahlen will, während man von großen, teuren Schokoladenmarken wenig Verbindliches hört, spricht ebenfalls Bände, wer hier wie die Preise diktiert, die wir für Schokolade zahlen.
Insofern: Frohe Ostern! Ohne Hasen.
Bei uns liegen dieses Jahr andere Geschenke im Körbchen.
Source: stern.de