Wie und warum wird man mitten im HSV-Gebiet Fan des FC Bayern? Lars Klingbeil erzählt, warum es so kam und wie er sich nun bei seinem Herzensklub einbringt. Ein Gespräch mit dem Vizekanzler nur über Fußball.
Die vierte Etage des Bundesfinanzministeriums in Berlin. Lars Klingbeil nimmt zum exklusiven Gespräch in seinem Büro Platz. Neben dem Konferenztisch des 48-jährigen Finanzministers und Vizekanzlers steht auf einem Sideboard ein gerahmtes Trikot des FC Bayern mit der Rückennummer 5 und der Aufschrift „Kaiser“.
Der SPD-Vorsitzende Klingbeil ist Mitglied des Verwaltungsbeirats des FC Bayern und Mit-Gründer des FCB-Fanclubs des Bundestags. Im Verwaltungsbeirat ist er unentgeltlich, hat seit seiner Berufung in das Gremium 2022 auf eine Aufwandsentschädigung verzichtet.
WELT AM SONNTAG: Herr Klingbeil, welche Geschichte steckt hinter diesem Trikot?
Lars Klingbeil: Auf seiner Jahreshauptversammlung Ende 2024 hat der FC Bayern verkündet, dass er die Trikotnummer 5 von Franz Beckenbauer in Gedenken an ihn nie wieder vergeben wird. Nach der Veranstaltung habe ich seiner Witwe Heidi gesagt, wie schön ich das finde und dass ich mir sofort ein Trikot ihres verstorbenen Mannes kaufen würde. Eine Woche später sendete sie mir dieses von Franz unterschriebene Trikot. Das ist etwas sehr Besonderes für mich. Es war daher auch der erste Gegenstand, den ich nach meiner Ernennung zum Finanzminister hier mit ins Büro gebracht habe.
WAMS: Wie wurden Sie zum Fußballfan?
Klingbeil: Der Fußball hat mich früh geprägt. Ich habe als Kind einige Jahre als Torwart im Verein gespielt – nicht sehr erfolgreich. (lacht) Ich habe dann aufgehört. Doch die Leidenschaft zu diesem wunderbaren Sport war entfacht.
WAMS: Geboren in Soltau, aufgewachsen in Munster in Niedersachsen – da wird einem die Liebe zum FCB nicht gerade in die Wiege gelegt. Wie wurden Sie zum Bayern-Fan?
Klingbeil: In den 80er-Jahren gab es harte Duelle zwischen Bayern und dem HSV im Kampf um die Meisterschaft. Mein Vater war HSV-Fan, auch mein kompletter Freundeskreis war für Hamburg. Es war meine rebellische Art, die mich zum FC Bayern gebracht hat. Daraus ist eine tiefe Verbundenheit zum FC Bayern entstanden. Später war dann da noch Mehmet Scholl.
WAMS: Er war Ihr Lieblingsspieler?
Klingbeil: Mehr noch, er war Idol und Identifikationsfigur, nicht nur auf dem Platz. Seine freche Art Fußball zu spielen hat mich begeistert. Als ich kürzlich die Dokumentation „FC Hollywood“ gesehen habe, habe ich mich in meine Jugend zurückversetzt gefühlt. Ich habe Mehmets Kommunikation immer bewundert. Der war klar in seiner Sprache und hat mal einen rausgehauen, auch gegen die Politik. Ich habe ihn später kennenlernen dürfen. Ab und zu schicken wir uns über WhatsApp Musiktipps.
WAMS: Wer ist heute Ihr Lieblingsspieler beim FC Bayern?
Klingbeil: Ich schätze Leon Goretzka sehr, den ich damals eingeladen habe, bei der Bundespräsidentenwahl dabei zu sein. Jamal Musiala, Harry Kane und Manuel Neuer sind ebenfalls beeindruckende Spieler. Ich sehe auch sehr gern Lennart Karl spielen.
WAMS: Ist es als Politiker schwierig, bekennender Bayern-Fan zu sein?
Klingbeil: Manche haben versucht, mir das negativ auszulegen, zum Beispiel früher im Wahlkampf. Aber ich bin überzeugt: Die Menschen schätzen klare Haltung. Ich bin FC-Bayern-Fan. Das ist Teil meiner Persönlichkeit – und war es schon lange vor meiner Laufbahn in der Politik.
WAMS: Wenn der FC Bayern verliert, ist Ihr Wochenende dann gelaufen?
Klingbeil: Als großer Fan kann das schon mal auf die Laune schlagen. Aber ich hake das dann ab wie jeder andere Fan auch.
WAMS: Es gibt in den Büros des Bundestags dann Frotzeleien? Bundeskanzler Friedrich Merz ist BVB-Fan.
Klingbeil: Das gehört dazu, nicht nur mit Friedrich Merz. Fußball ist der größte Sport, das Lagerfeuer der Nation. Entsprechend haben viele Politiker und Politikerinnen einen Lieblingsverein. Als Dortmund vor knapp drei Jahren schon quasi sicher Meister war, kam ich morgens in den Bundestag und meine ganze Bürotür war vollgeklebt mit BVB-Aufklebern. Am Ende wurden zum Glück wir Meister. Das Schöne ist: Fußball ist auch in der Politik immer echt ein Türöffner für Gespräche, auch international. Kürzlich traf ich den italienischen Finanzminister. Auch da haben wir unter anderem über Fußball gesprochen, weil der Sport verbindet.
WAMS: Es heißt, dass während politischer Verhandlungsrunden schon mal auf dem Smartphone Spiele geschaut werden.
Klingbeil: Natürlich nicht bei wichtigen Besprechungen. Aber ich habe schon ein paar Pausen erlebt, wo ich zu Markus Söder rübergeschaut und festgestellt habe, dass er mit einem Auge dasselbe Spiel verfolgt wie ich. (lacht)
WAMS: Wie schnell merkt man in der Politik, ob jemand wirklich Fußballfan ist – oder nur für die Imagepflege zu einem Verein hält?
Klingbeil: Nur ein Beispiel: Man merkt schnell, ob jemand Bayern-Fan ist, weil er in der CSU ist – oder weil er den Verein wirklich liebt. Ich habe im Bundestag den FC-Bayern-Fanclub mit Florian Hahn und Dorothee Bär von der CSU gegründet. Da war klar: Das ist echte Leidenschaft.
WAMS: Wie viel Idealismus gehört dazu, sich in einem Gremium des FC Bayern zu engagieren?
Klingbeil: Als Vereinspräsident Herbert Hainer mich fragte, ob ich Mitglied im Verwaltungsbeirat werden will, war das ein sehr besonderer Moment. Für mich war schnell klar, dass ich mich einbringen möchte.
WAMS: Was genau sind die Aufgaben eines Verwaltungsrats?
Klingbeil: Ich gebe Sportvorstand Max Eberl keine Ratschläge, welche Spieler er verpflichten soll. Das sollen Profis machen. Es geht im Verwaltungsbeirat zum Beispiel um gesellschaftspolitische Fragen. Und da hat der FC Bayern in den vergangenen Jahren eine klare Haltung gezeigt – etwa im Kampf gegen Rassismus. Das sind Themen, bei denen ich gern Veränderungen anstoße. Wir treffen uns zweimal im Jahr. Ich möchte den Weg des Klubs mit meiner Perspektive begleiten.
WAMS: Wie viel diskutieren Sie mit Ehrenpräsident und Aufsichtsrat Uli Hoeneß, der oft einen strengen Blick auf die Politik hat?
Klingbeil: Er spricht gern über Politik und hat eine klare Meinung. Seine Haltung zur AfD hat mir sehr imponiert. Ich habe ihm gesagt, dass es sehr guttut, wenn sich jemand wie er da öffentlich klar positioniert. Da haben wir Schnittmengen. Wir teilen nicht jede Ansicht und diskutieren lebhaft – das ist völlig in Ordnung.
WAMS: Dieter Reiter, Ihr Parteikollege und Oberbürgermeister Münchens, ist am vergangenen Mittwoch als Aufsichtsrat und Vorsitzender des Verwaltungsbeirat des FC Bayern zurückgetreten. Er hatte seine Vergütung von 20.000 Euro pro Jahr als Verwaltungsbeirat nicht wie vorgeschrieben dem Stadtrat gemeldet und war von den Wählern und Wählerinnen bei der Kommunalwahl vor einer Woche dafür abgestraft worden. Wie bewerten Sie als Parteichef diesen Fall?
Klingbeil: Dieter Reiter ist ein hervorragender Oberbürgermeister für die Stadt München und ihre Bürgerinnen und Bürger. Ich bin sehr zuversichtlich, dass er sich in der Stichwahl durchsetzen und OB bleiben wird. Was seine Funktion beim FC Bayern angeht, hat Dieter Reiter jetzt eine klare Entscheidung getroffen und diese transparent kommuniziert.
WAMS: Ist der moderne Fußball mit Multimillionen-Gehältern für Spieler für Sie als Sozialdemokrat nicht der Inbegriff von Ausverkauf und Kapitalismus?
Klingbeil: Fußballfan bin ich trotz dieser Entwicklung geblieben und werde es wohl immer bleiben. Aber natürlich irritiert es mich, wenn der Fifa-Präsident Gianni Infantino dem US-Präsidenten Donald Trump einen sogenannten Friedenspreis verleiht. Das hat nichts mit dem zu tun, warum ich seit meiner Kindheit den Fußball liebe.
WAMS: Der FC Bayern macht inzwischen rund eine Milliarde Euro Umsatz, das Motto „Mia san Mia“ wird ihm von Kritikern schon mal als Arroganz ausgelegt.
Klingbeil: Diese Mischung aus „Mia san mia“ und absoluter Professionalität beeindruckt mich. Genau deshalb schätze ich den FC Bayern. Gleichzeitig ist der Verein trotz wirtschaftlicher Stärke familiär geblieben. Beim FC Bayern ist das Menschliche spürbar. Er ist ein Aushängeschild für Deutschland, zum Beispiel die Nachwuchs- und Jugendförderung.
WAMS: In drei Monaten beginnt die WM in den USA, Mexiko und Kanada. Wie politisch wird das Turnier?
Klingbeil: Sport ist immer gesellschaftspolitisch. Eine Rede wie der zwölf Minuten lange Appell von Vincent Kompany gegen Rassismus kürzlich kann mehr Einfluss auf unsere Gesellschaft haben als manche Rede eines Politikers. Sport erreicht auch Menschen, die Politik nicht erreicht. Kompanys Rede kam tief aus dem Herzen. Da ist man dankbar, dass sich jemand das traut. Es ist sehr gut, dass Sport sich auch gesellschaftlich positioniert. Aus eigenen Stücken und nicht als Auftrag der Politik.
WAMS: Wie meinen Sie das konkret?
Klingbeil: Zu oft wird Verantwortung auf Sportler abgeladen bei Dingen, die eigentlich wir in der Politik zu klären haben. Das finde ich falsch.
WAMS: Im Nahen Osten herrscht Krieg. Kann der Iran wie erwartet an der WM teilnehmen?
Klingbeil: Die Lage im Iran kann im Sommer eine völlig andere sein als jetzt. Ich bin kein Freund schneller Parolen. Entscheidungen müssen sorgfältig getroffen werden. Und was die Teilnahme der deutschen Nationalelf angeht, auch darüber diskutieren ja manche mit Blick auf die politische Situation in den USA: Ich spreche mich klar gegen einen Boykott aus. Ich gewinne lieber 8:0 gegen die USA, als gar nicht anzutreten. Die politische Auseinandersetzung mit Trumps Politik gibt es unabhängig von der WM.
WAMS: US-Präsident Trump hat für Menschen aus mehreren Ländern eine Einreisesperre verhängt, auch aus dem Iran. In Mexiko eskalierte zudem zuletzt die Gewalt. Nach der Tötung eines Drogenbosses gab es 73 Tote, die Fifa muss die Sicherheitslage bei der WM neu bewerten. Können deutsche Fans mit einem guten Sicherheitsgefühl zu dem Turnier reisen?
Klingbeil: Das müssen die Fifa und die Gastgeberländer sicherstellen. Es ist völlig klar, dass die Sicherheit der Nationalmannschaften und der Fans bei einem solchen Turnier gewährleistet sein muss. Das ist die klare Erwartung an den Veranstalter und die Gastgeberländer.
WAMS: Könnten Sie sich nach Ihrer Laufbahn in der Politik ein Amt im Fußball vorstellen?
Klingbeil: Ich denke nicht über weitere Schritte nach. Als Finanzminister, Vizekanzler und SPD-Vorsitzender habe ich genug zu tun.
WAMS: Welchen Traum haben Sie als Bayern-Fan?
Klingbeil: Drei Titel in dieser Saison – das wäre ein toller Abschied für Leon Goretzka.
WAMS: Ihr Terminplan ist eng. Bleibt Zeit, um selbst Sport zu treiben?
Klingbeil: Zum Glück haben wir hier in unserem Ministerium einen Fitnessraum – und der ist gut ausgestattet. Ich versuche, es zweimal die Woche dorthin zu schaffen. Dort mache ich Crossfit-Übungen und Kickboxen. Da kriege ich kurz den Kopf frei.
Julien Wolff ist Sportredakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren aus München über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen.
Tobias Altschäffl ist im Sportkompetenzcenter stellvertretender Fußball-Chef der BILD-Gruppe. Er berichtet seit vielen Jahren über den FC Bayern und die Nationalmannschaft. Und ist wie Lars Klingbeil großer Musik-Kenner.
Source: welt.de