Die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt ist düster, auch die Aussichten sind nicht rosig. Im kommenden Jahr will jeder dritte Betrieb Stellen abbauen, ergab die aktuelle Konjunkturumfrage durch das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Nur 18 Prozent der Firmen wollen demnach im Jahr 2026 neue Jobs schaffen. Das IW hat im Oktober 1915 Unternehmen befragt. Am pessimistischsten ist der Ausblick auf Jobs und Investitionen in der Industrie, nicht ganz so negativ scheiden das Dienstleistungsgewerbe und der Bau ab.
Welche Branchen haben zuletzt Pläne für den Abbau und Aufbau von Stellen bekannt gegeben? Für das dritte Quartal erfasste der F.A.Z.-Stellenradar 17 Stellenabbauprogramme, zehn davon in der Autobranche. Auch für alle drei bisherigen Quartale entfallen die mit Abstand meisten Stellenabbauprogramme auf die Autoindustrie. So haben insgesamt 22 Hersteller und Zulieferer während der drei Quartale vom 1. Januar bis 30. September Stellenabbau angekündigt.
Unangenehmer Negativmix für die Autoindustrie
Deutschlands Autobranche leidet nicht nur unter einer vorübergehenden Konjunkturschwäche, sondern vor allem unter technologischen Schocks und geopolitischen Risiken. Während die US-Zölle ihr Geschäft bremsen, müssen die traditionsreichen deutschen Marken auch noch den Wandel zur elektrischen und digitalen Mobilität bewältigen. In beiden Bereichen setzen internationale Konkurrenten, allen voran aus China, Maßstäbe. Chinesische Unternehmen dominieren die Fertigung von Antriebsbatterien und haben Softwareplattformen für das autonome Fahren geschaffen.
Zudem wird immer deutlicher, wie abhängig deutsche Hersteller und Zulieferer von internationalen Lieferketten sind. Als der niederländisch-chinesische Chiphersteller Nexperia wegen eines wirtschaftspolitischen Konflikts jüngst die Lieferungen stoppte, drohten der deutschen Autobranche Produktionsstillstand und Kurzarbeit. Den mächtigen Automarken wurde ihre Abhängigkeit von vermeintlich so profanen Bauteilchen wie Chips bewusst, ohne die nicht mal der Blinker funktioniert oder das Auto anspringt.
Wie am Montag bekannt wurde, hat der Autozulieferer Bosch wegen der Chipkrise Kurzarbeit für sein Werk in Salzgitter beantragt. Ein solcher Antrag bei der Bundesagentur für Arbeit ermöglicht Arbeitgebern, Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, falls die Auslastung sinkt. Auch der Zulieferer ZF bereitet sich wegen der Chipkrise auf Kurzarbeit vor.
Es ist eine unangenehme Mischung aus langfristigen Erschütterungen und akuten Schocks, die der Autoindustrie Probleme bereiten. Sie besteht nicht nur aus den großen Markenherstellern wie Volkswagen, Mercedes und BMW, sondern auch aus großen und kleinen Zulieferern, die in Summe eine wichtige Rolle als Arbeitgeber spielen. Bosch , der international und hierzulande größte Autozulieferer, will bis zum Jahr 2030 auf der ganzen Welt 22.000 Stellen streichen.
Schon im vergangenen Jahr hatte Bosch den Abbau von 9000 Stellen angekündigt, in diesem Jahr wurden darüber hinaus 13.000 weitere Stellenstreichungen angekündigt. Bosch hat viel in die Elektromobilität investiert, doch ist die Nachfrage nicht so stark gewachsen wie erwartet. Deshalb muss gespart werden. Der Marktführer Bosch ist nicht der einzige große Autozulieferer, der Stellen abbaut. Auch Continental, Schäffler oder ZF streichen Arbeitsplätze.
Alarmstufe Rot für viele Autozulieferer
Die eine oder andere Schieflage des einen oder anderen kleinen und mittleren Zulieferers kann der Arbeitsmarkt verkraften – nicht aber einen Dominoeffekt, der sich, ausgehend von den Großen, auf die ganze Branche verbreitet. Eine aktuelle Analyse durch den Finanzspezialisten Fox Corporate Finance (FCF) ruft für die Autozulieferer im gesamten deutschsprachigen Raum „Alarmstufe Rot“ aus. Laut FCF habe ein Drittel der börsennotierten europäischen Autozulieferer einen Bruch der Covenants zu verzeichnen.
Das bedeutet: Betriebswirtschaftliche Kennzahlen haben die mit den Gläubigern vereinbarten Negativschwellen überschritten, sodass die Finanzierung des betroffenen Unternehmens gefährdet ist. Setzt sich der aktuelle Trend fort, würden bis Ende 2026 die Covenants bei 40 Prozent der Autozulieferer reißen. Was das für die Stellen und Mitarbeiter bedeutet, kann man sich ausmalen. Wenn Banken die Finanzierung kündigen oder dem Schuldner einen Restrukturierer ins Haus schicken, stehen die Zeichen erst mal auf Stellenabbau.
Während in der Autoindustrie Jobs verschwinden, stellt die Rüstungsbranche kräftig ein. Die Zeitenwende nach dem Ukrainekrieg hat für einen Aufschwung gesorgt. So will der Panzer- und Munitionshersteller Rheinmetall bis 2027 etwa 8000 Stellen schaffen. Rheinmetall-Chef Armin Papperger sprach im Juli in einem F.A.Z.-Interview davon, allein in diesem Jahr 6000 Mitarbeiter einzustellen. Davon würden 2000 in den Ruhestand ausscheidende Mitarbeiter ersetzen und 4000 auf zusätzliche Stellen kommen.
Laut einer Auswertung durch die Personalmarktforschung Index Research ist die Zahl der von Unternehmen aus der Rüstungsindustrie ausgeschriebenen Stellen stark gestiegen. Quartal für Quartal steigt die Zahl der Jobangebote mit hohen zweistelligen Raten gegenüber dem Vorquartal und hat sich seit dem ersten Quartal 2023 bis zum dritten Quartal 2025 auf fast 2400 Stellen beinahe verdoppelt (siehe Grafik). Die Stellenanzeigen werden von jeweils rund 50 Unternehmen je Quartal geschaltet. Die mit Abstand meisten Inserate und offenen Stellen entfallen auf das Bundesland Niedersachsen, gefolgt von Hessen und Bayern. In Niedersachsen hat zum Beispiel der Rüstungsriese Rheinmetall mehrere Standorte, etwa für die Produktion von Munition in Unterlüß.
Laut der Auswertung durch Index Research suchen Rüstungsfirmen vor allem Ingenieure, Konstrukteure und Architekten. Gebraucht werden auch Arbeitskräfte aus den Berufsgruppen Bau, Handwerk und Umwelt sowie Organisation und Projektmanagement. Hinzu kommen Experten für IT und Kommunikationstechnologie. Die für die Forschung und Entwicklung von Rüstungsgütern eingesetzten Technologiefachleute und Wissenschaftler befinden sich erst an fünfter Stelle der von der Verteidigungsindustrie gesuchten Berufsgruppen. Dass es in der Rüstungsindustrie längst nicht mehr nur um Stahl und Explosionsstoffe geht, wird am Beispiel des Rüstungsunternehmens Hensoldt deutlich.
Der Hersteller von Radar- und Sensortechnik, die etwa für Luftverteidigung zum Einsatz kommt, will 1000 neue Stellen schaffen. Gesucht werden vor allem Softwarefachleute. Wie andere Rüstungshersteller versucht auch Hensoldt, Arbeitskräfte aus der Autoindustrie zu gewinnen, die gerade Stellen abbaut. So sinnvoll solche Personalwechsel in vielen Fällen sind, so unwahrscheinlich ist es aber, dass sich die Autonation Deutschland in kurzer Zeit in eine Software- und Rüstungsnation verwandelt. Die Rüstungsbranche wird die Autoindustrie nicht komplett als Stütze für den Arbeitsmarkt ersetzen können.