Welche Immobilienklasse wächst im globalen Vergleich am stärksten? Viele fallen reflexartig auf Logistikhallen oder Rechenzentren zurück. Aber die Antwort lautet: Gesundheitsimmobilien (Healthcare), wie eine Studie der McKinsey-Berater zeigt. Spätestens an dieser Stelle beginnen die Irritationen. Gemeint sind nicht Pflegeheime, Seniorenresidenzen oder Ärztehäuser, sondern ein Feld, das bislang in keiner klassischen Anlagestrategie vorkommt: „Medical Wellness“ oder auch Gesundheitsförderung.
Damit geht es um eine Schnittmenge aus präventiver Medizin, Diagnostik, Therapie und hochwertiger Unterkunft. Während traditionelle Wellnessangebote primär auf Entspannung setzen, kombiniert „Medical Wellness“ evidenzbasierte Leistungen von Stoffwechsel- und Schlafdiagnostik über Longevity-Programme bis hin zu Reha‑nahen Therapien mit kuratierten Aufenthalten, digitaler Nachbetreuung und personalisierter Ernährung. Was zunächst wie ein Nischenprodukt für die zahlungskräftige Generation im Alter von 60 Jahren und älter klingt, erweist sich als dynamisches Wachstumsfeld mit strukturellem Rückenwind.
Drei Gründe für die neuen Gesundheitshäuser
Dabei lassen sich drei Kräfte des Aufschwungs identifizieren. Erstens: der demographische Wandel. Alternde Gesellschaften und steigende Kosten kurativer Systeme verschieben die Nachfrage in Richtung Prävention. „Medical Wellness“ füllt genau diese Lücke: medizinisch begleitet, aber in nichtklinischer, erlebnisorientierter Umgebung. Zweitens: ein verändertes Konsumentenverhalten. Themen wie Stoffwechselgesundheit (Metabolic Health), Schlafoptimierung, Stressregulation, Hormonbalance oder Rückengesundheit gelten zunehmend als „investierbare Lebensqualität“. Fitness-Armbänder, Biomarker-Überwachung und personalisierte Therapieprotokolle erzeugen zudem eine wiederkehrende Nachfrage – über Mitgliedschaften, Telemedizin oder ergänzende Abos. Drittens: die Zahlungsbereitschaft der oberen Mittelschicht – national wie international. Der Begriff Gesundheitstourismus (Health Tourism) beschreibt längst keine Randerscheinung mehr, sondern ein global nachgefragtes Muster des Reisens und Konsums.
Investoren entdecken das Gesundheitsthema verstärkt seit der Corona-Pandemie. Für institutionelle Anleger ist die Mischkalkulation attraktiv. Im Vergleich zur klassischen Hotellerie liegen Erlöse je Zimmer (RevPAR) und je Gast deutlich höher, da neben der reinen Unterbringung auch Einnahmen für Medizin, Spa und andere Produkte entstehen. Die Aufenthalte sind länger, Stornoquoten niedriger, die Kundenbindung ausgeprägt. Zudem entkoppelt „Medical Wellness“ die Auslastung von klassischen Saisonmustern. Thermalstandorte, Naturregionen, Seeimmobilien und Berglagen gewinnen an Attraktivität, selbst fernab der urbanen Tourismus-Hochburgen.
Mit dem Jahr 2021 treten vor allem private Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) und spezialisierte Fonds sichtbar in Erscheinung. Staatsfonds und Pensionskassen suchen langfristige, inflationsgeschützte Einnahmen. Family Offices wiederum engagieren sich bei der Repositionierung einzelner Häuser oder ikonischer Resorts – oft mit regionalem Fokus oder inhaltlichem Interesse an Themen wie Longevity oder Thermalquellen. Gesucht werden Plattformen mit starker medizinischer Marke, belastbaren Einkünften und einer internationalen Skalierbarkeit. Besonders begehrt sind Immobilien mit Alleinstellungsmerkmalen: Thermalvorkommen, Naturmonopole, markante Lagen.
Investzieren mit Franchiseverträgen
Internationale Hotelgruppen verstärken die Entwicklung erheblich. Marken wie Six Senses (IHG), Miraval (Hyatt), Westin (Marriott) sowie Banyan Tree, Aman oder Anantara integrieren Diagnostik, Regeneration und Longevity‑ Elemente in ihre Programme. Ergänzt werden diese Angebote durch Treueprogramme, globales Distributionswissen, Designwissen, Baukompetenz und ausgefeilte Nachhaltigkeitsstrukturen. Damit professionalisieren die Konzerne einen Bereich, den Einzelbetriebe lange geprägt haben. Gleichzeitig entstehen vermögensarme Modelle mit Management- und Franchiseverträgen, was für institutionelles Kapital entscheidend ist.
In diesem Wandel liegen gerade für Deutschland große Chancen. Die Hotelbetriebe mit drei und vier Sternen stehen unter Druck. Viele Objekte lassen sich zu Gesundheitshäusern umbauen – ebenso wie Kurhäuser, Bäder oder Kliniken. Synergien können mit Angeboten für das betriebliche Gesundheitsmanagement, tagesklinische Behandlungen oder mit Mitgliederprogrammen entstehen. Auch Standorte mit Naturzugang können von dieser Aufwertung profitieren. Parallel verändern sich die Betreiberverträge. Die klassische Festpacht stößt an Grenzen: Marktstandard werden hybride Modelle aus Basiszins und einem Anteil am Umsatz oder Gewinn.
Die Vorstellung, zwei Wochen Ayurveda in Sri Lanka seien ausreichend, wird bald nostalgisch wirken. „Medical Wellness“ professionalisiert sich rasend. Gesundheitsausgaben sind immer mehr als Investition in die eigene Lebensqualität zu verstehen. Der größte Nachfrageschub kommt zwar aus der älteren Generation, doch auch Jüngere entdecken Gesundheit als Werkzeug zur Selbstoptimierung. Für Immobilienmärkte entstehen resiliente, vielfältige Einnahmen, die dafür allerdings höheren Anforderungen an den Betrieb stellen.
Wer medizinische Glaubwürdigkeit, Standortqualität und skalierbare Geschäftsmodelle vereint, besetzt eines der relevantesten Wachstumsfelder an der Schnittstelle von Tourismus, Gesundheit und Immobilienwirtschaft. Die alte Kur der Krankenkasse ist tot. Doch die selbst gezahlte Gesundheitsförderung lebt und wächst.
Der Autor des Gastbeitrags ist Professor für Immobilienwirtschaft an der Hochschule Biberach.