Max-Planck-Institut zählt 126.000 Gaza-Tote: Was heißt dasjenige für jedes die Genozid-Frage?

Eine neue Schätzung des Max-Planck-Instituts zu Gaza zeichnet ein Bild, das drastischer kaum sein könnte. Demnach wurden in den ersten zwei Kriegsjahren mindestens 100.000 Palästinenser getötet; wahrscheinlich liegt die tatsächliche Zahl weit höher. Das Forschungsteam kommt auf eine Spannbreite von circa 100.000 bis 126.000 Toten und errechnet daraus einen Mittelwert von rund 112.000.

Aber nicht nur die Größenordnung erschüttert, sondern auch das Muster. Über ein Viertel, rund 27 Prozent der Getöteten, sind der Studie zufolge Kinder unter 15 Jahren. Ein weiteres Viertel, circa 24 Prozent, sind Frauen. Mehr als die Hälfte der Opfer in Gaza können somit rein rechnerisch keine bewaffneten Kämpfer gewesen sein – ein Fakt, der einen zentralen Pfeiler israelischer Kriegspropaganda wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lässt.

Die Zahlen deuten eine Vernichtungsfantasie an

Die Studie betont explizit, dass die Verteilung nicht dem Profil eines klassischen Konflikts zwischen bewaffneten Akteuren entspreche. Die demografische Struktur der Opfer ähnele vielmehr jenen Mustern, die die Vereinten Nationen in früheren Fällen von Völkermord dokumentiert haben. Eine Feststellung, die auf eine Frage hinausläuft, die sich in Deutschland nur wenige stellen – obwohl sie seit bald zwei Jahren grell im Raum steht: Wenn Gaza früheren Genoziden ähnelt – was folgt daraus? Zumal Deutschland Israels Vorgehen in Gaza nicht nur politisch, sondern auch militärisch und juristisch mitgetragen hat: durch Waffenexporte, diplomatische Rückendeckung und die Verteidigung Israels vor internationalen Gerichten.

Zahlen allein beweisen nichts. Die Feststellung eines Völkermords ist – darauf weisen Völkerrechtlerinnen und Historiker immer wieder hin – nicht von Opferzahlen abhängig. Rein formal kann ein Genozid selbst dann vorliegen, wenn kein einziger Mensch getötet wurde. Ausschlaggebend für die Definition eines Völkermords ist unter anderem die Zielsetzung, eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe als solche zu töten.

Dennoch sind die Zahlen des Max-Planck-Instituts ein gewichtiges Indiz dafür, dass die Gewalt in Gaza eben nicht eine vermeintliche „Nebenwirkung“ in sich legitimer Kriegsführung ist, wie Politiker und Medien in Deutschland sie lange dargestellt haben – und es teils bis heute tun.

Vielmehr bestätigen sie, was sich seit zwei Jahren unübersehbar abzeichnet und was in Deutschland regelmäßig relativiert oder aktiv unterdrückt wurde: den willkürlichen Charakter des Tötens als integralen Bestandteil des militärischen Vorgehens Israels. Die Zahlen verweisen auf die Teilverwirklichung einer genozidalen Absicht, die politisch wie medial in Israel immer wieder offen artikuliert wurde. Channel 14 ist nur ein herausragendes Beispiel.

Die ungewöhnlich hohe Sterblichkeit vor allem unter Kindern, Frauen und älteren Menschen deutet dabei auf eine Form der Kriegsführung, die die Zivilbevölkerung als Ganzes trifft – systematisch, gezielt. Die Zahlen untermauern damit die Analyse, dass Israels Vorgehen in Gaza eben nicht nur aus vereinzelten Gewaltexzessen bestand, sondern insgesamt die Kriterien eines Genozids erfüllt.

Warum wurden die hohen Opferzahlen in Deutschland regelmäßig bezweifelt?

Nichts daran ist neu. Menschenrechtsorganisationen und Journalistinnen haben die Muster der israelischen Gewalt in Gaza seit den ersten Kriegstagen minutiös dokumentiert. Spätestens mit den Recherchen zu Israels KI-gestützter Zielauswahl – veröffentlicht im April 2024 durch +972 Magazine – hätte im Grunde für alle sichtbar sein müssen, wie willkürlich und menschenfeindlich die israelische Kriegsführung angelegt war.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza von Mitte November hat Israel seit dem 7. Oktober rund 72.500 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet. Hunderttausende weitere wurden verletzt, viele von ihnen schwer, häufig mit lebensverändernden Folgen wie Amputationen. In Deutschland wurden diese Zahlen regelmäßig bezweifelt oder pauschal zurückgewiesen. Selbst linksliberale Leitmedien wie Zeit oder taz veröffentlichten Beiträge, die erklärten, warum den Angaben aus Gaza nicht zu trauen sei – und stützten sich dabei nicht selten auf schlicht falsche Zahlen und Quellen, die sich im Nachhinein als propagandistisch konstruiert oder schlicht als falsch herausstellten.

Dabei hätte bereits im Oktober 2023 klar sein können, dass die Opferzahlen des Gaza-Gesundheitsministeriums im Kontext früherer israelischer Militäroperationen in Gaza – 2009, 2012, 2014, 2021 – nahezu deckungsgleich mit den später überprüften Angaben unabhängiger Organisationen waren. Zudem deutet seit einigen Monaten vieles darauf hin, dass die Hamas angesichts ihrer sinkenden Popularität in Gaza eher ein Interesse daran hatte, die Zahl der von Israel Getöteten niedriger anzugeben – anstatt höher.

Unabhängige Forschungseinrichtungen gehen schon seit geraumer Zeit davon aus, dass die tatsächlichen Opferzahlen weit höher liegen dürften. Das „Costs of War Project“ etwa rechnet seit vielen Monaten mit deutlich über den offiziellen Angaben liegenden Zahlen.

Es scheint einen Unterschied zu machen, dass diese Zahlen vom Max-Planck-Institut kommen

Zahlreiche medizinische Experten kamen früh zu ähnlichen Befunden: In einem Schreiben amerikanischer Ärztinnen an den damaligen US-Präsidenten Joe Biden – verfasst vor über einem Jahr, im Oktober 2024 – wurde die Zahl der Toten zu diesem Zeitpunkt auf rund 118.000 geschätzt. Public-Health-Forscher veröffentlichten in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet einen Brief, in dem sie die kumulative Opferzahl, einschließlich indirekter Tode und Vermisster, auf über 186.000 bezifferten. Das war im Sommer 2024.

Die Unterschiede zwischen den Schätzungen ergeben sich in erster Linie aus der Methodik: Manche Modelle kalkulieren konservativer, andere großzügiger. Ein zentraler Grund für die Unsicherheit: Abertausende Menschen liegen unauffindbar unter Trümmern begraben. Auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche türmen sich rund 50 Millionen Tonnen Schutt. Die UN geht davon aus, dass der Aufräumprozess mehrere Jahrzehnte dauern wird.

Und doch scheint es einen Unterschied zu machen, dass genannte Zahlen nun vom Max-Planck-Institut kommen. Wenn eine der renommiertesten Forschungseinrichtungen der Welt auf ein Muster verweist, das UN-Gremien und Menschenrechtsorganisationen längst als Völkermord benennen, müsste das eigentlich ein politisches Signal sein. Es stellt die internationale Gemeinschaft vor unangenehme Fragen – insbesondere jene Regierungen, die den Genozid in Gaza militärisch unterstützt haben, also auch Deutschland. Und es wirft ein Schlaglicht auf westliche Medien, die Warnzeichen viel früher hätten erkennen können und entsprechend hätten einordnen müssen.

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Auch das Max-Planck-Institut selbst könnte sich ein paar unbequeme Fragen stellen. Im vergangenen Jahr trennte es sich etwa von dem Anthropologen Ghassan Hage, nachdem die Welt einen diffamierenden Artikel über ihn veröffentlicht hatte – gestützt auf vereinzelte Online-Postings zu Israel und Palästina.

Trotz internem Druck bekräftigte das Institut auch immer wieder seine engen Beziehungen zu israelischen Forschungseinrichtungen – auch nachdem israelische Kriegsverbrechen in Gaza umfassend dokumentiert und die Rolle israelischer Institute in der Kriegsmaschinerie detailliert nachgezeichnet worden waren. Wenn das Max-Planck-Institut heute ein demografisches Muster beschreibt, das Israel – wenn auch nur indirekt – Genozid attestiert, würde es gut daran tun, die eigene institutionelle Verstrickung auch kritisch zu hinterfragen.

Die bitterste Erkenntnis zur Frage der Opferzahlen: Wir werden die genaue Zahl der Toten wohl nie kennen. Nicht, weil sie unermesslich wäre, sondern weil ein erheblicher Teil der Opfer unter den Trümmern ihrer Häuser liegt und nie registriert, identifiziert oder gezählt wurde. Die mittlere Schätzung des Max-Planck-Instituts von 112.000 ist somit auch ein Echo eines politischen Versagens gegenüber den Menschen in Palästina – ein Echo, das bleiben wird, selbst wenn die Welt wegschaut.

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