Max Frischs Abituraufsatz: „Wäre ich eine Autorität, hätte mein Name schon Klang. . .“

In der vergangenen Woche stellte die Berliner Akademie der Künste Aufzeichnungen des sechzehnjährigen Heiner Müller vor, die in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 entstanden waren, im Nachlass des Dichters und Dramatikers überlebt hatten und nun im neuen Heft der Zeitschrift „Sinn und Form“ abgedruckt sind – direkte Linien ins spätere Werk werden da sichtbar. Zur gleichen Zeit wurde das Auftauchen eines anderen frühen Textes aus höchst prominenter Feder bekannt: Max Frischs Abituraufsatz von 1930, den er fürs Fach Deutsch unter dem Titel „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“ verfasst hat – mit neunzehn.

Dieser Aufsatz entstammt nicht dem Nachlass, sondern wurde vor siebzig ­Jahren von dem damaligen Schüler Hans ­Eggenberger aus dem Realgymnasium an der Rämistraße in Zürich entwendet, das auch Frisch besucht hatte. Eggenberger war im Unterricht auf Frischs kurz zuvor erschienenen Roman „Stiller“ aufmerksam gemacht worden, und da er wusste, dass er und der Schriftsteller auf derselben Schule waren, nutzte er den ihm ­unverhofft möglich gewordenen Zugang zu einem Archivschrank, um nachzusehen, ob dort Frischs Abituraufsatz zu finden war; als er ihn fand, nahm er ihn mit, weil er angeblich befürchtete, der nur acht­seitige Text werde irgendwann sowieso weggeworfen. Bevor Eggenberger im vergangenen Jahr starb, musste er in ein Pflegeheim umziehen und übergab das Manuskript dem Max-Frisch-Archiv an der Universität Zürich.

„Bitte nicht ins Buch kritzeln!“. Von Lehrmitteln und Lernwegen. Herausgegeben von Dirk Vaihinger.Verlag

Nun wird es veröffentlicht – an denkbar ungewöhnlicher Stelle, nämlich nicht etwa in einer literarischen Zeitschrift, sondern in der Jubiläumsschrift zum 175. Geburtstag des Lehrmittelverlags Zürich, die unter dem Titel „Bitte nicht ins Buch kritzeln!“ erschienen ist. Darin wird neben einem Faksimile der acht Seiten die Umschrift des sehr kurzen Aufsatzes geboten, eingeleitet von einer ungleich um­fangreicheren Einordnung, die Thomas Strässle als Präsident der Max-Frisch-Stiftung geschrieben hat, und einer knappen Erinnerung an den (juristisch längst verjährten) Diebstahl, die Eggenberger vor seinem Tod verfasst hat.

Strässle nimmt den Aufsatz wichtig, doch was der neunzehnjährige Frisch darin geschrieben hat, hält den Vergleich mit den existenziellen Notizen des sechzehnjährigen Müller nicht aus. Immerhin geht es ironisch los: „Wäre ich eine Autorität, hätte mein Name schon den Klang, der die Leute aufhorchen lässt, hätten meine Worte die suggestive Kraft einer ernstgenommenen Persönlichkeit, wollte ich mir erlauben die Menschheits­geschichte in einer Handvoll Sätze zusammenzuballen . . .“

Und die kommen dann, leider banal, wenn auch orthographisch nahezu fehlerfrei (wie vier heutige Schüler des Realgymnasiums in einem Video bestaunen, zu dem ein QR-Code führt). Als Note gab es dafür eine zwei bis drei (nach deutschem System), doch bis auf die Ankündigung des festen Willens zur intellektuellen Prominenz ist stilistisch nichts vom späteren Frisch zu ahnen. Warten wir lieber auf den in Arbeit befindlichen Briefband des Jungautors mit seinem Verleger Peter Suhrkamp.

„Bitte nicht ins Buch kritzeln!“. Von Lehrmitteln und Lernwegen. Herausgegeben von Dirk Vaihinger. Lehrmittel­verlag Zürich, Zürich 2026. 110 S., Abb., 22,90 Schweizer Franken.

Source: faz.net