Wer Matt Brittin in den vergangenen Jahren auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erlebte, traf auf einen Mann, der die Kunst der professionellen Beruhigung zur Meisterschaft kultiviert hat. Während draußen Globalisierungskritiker demonstrierten und drinnen in den Sälen des Steigenberger Grandhotel Belvédère und im Konferenzzentrum europäische Verleger und Politiker über die erdrückende Marktmacht der kalifornischen Tech-Konzerne klagten, saß Brittin im wärmend ausgeleuchteten, holzvertäfelten Google-Haus, mit bunten Skiern vor der Tür und lächelte.
Er war stets die personifizierte Verheißung, gepaart mit britischem Understatement: hochgewachsen, sportlich, tadellos gekleidet, mit der Eloquenz eines Mannes, der gelernt hat, dass die beste Verteidigung gegen Monopolvorwürfe das unermüdliche Betonen von Partnerschaften ist. „Wir sind Partner der Medien, keine Raubtiere“, lautete sein Mantra, das er in Davos und auf vergleichbaren Anlässen wie etwa der Google-„Zeitgeist“-Konferenz in der Nähe von London gebetsmühlenartig wiederholte. Technologie sei nicht das Ende des Journalismus, pflegte Brittin zu argumentieren, sondern sein neuer Antrieb. Künstliche Intelligenz (KI) sei die historische Chance für Europa, man müsse sie nur mutig umarmen.
Wer ihm gegenübersaß, sollte verstehen: Dieser Mann glaubt an das, was er sagt. Und man wusste ebenso: Die Realität in den Bilanzen der traditionellen Medienhäuser spricht eine kältere Sprache. Google saugte die Werbebudgets ab, während Brittin von „digitaler Befähigung“ sprach.
In der britischen Elite verankert
Nun vollzieht sich eine Pointe der Mediengeschichte. Nach dem überraschenden und von politischen sowie juristischen Turbulenzen überschatteten Rücktritt von Tim Davie im späten Jahr 2025 sucht die BBC – das Mutterschiff des globalen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die älteste und vielleicht stolzeste Sendeanstalt der Welt – einen neuen Generaldirektor. Und der Mann, der diese Aufgabe übernehmen soll, ist ausgerechnet Brittin, der Google Anfang 2025 für ein „Mini Gap Year“ verlassen hatte. Die BBC holt damit den langjährigen europäischen Statthalter des Unternehmens, das die mediale Aufmerksamkeitsökonomie so radikal umgepflügt hat, dass die BBC (wie andere Medienunternehmen) heute um ihre Existenzberechtigung kämpft.
Um diesen auf den ersten Blick erstaunlichen Kulturbruch zu verstehen, muss man sich den Lebenslauf dieses Mannes genauer ansehen. Matthew John Brittin, Jahrgang 1968, ist kein klassischer Silicon-Valley-Nerd, der in einer Garage im Santa Clara Valley Codezeilen aneinanderreihte. Sein Hintergrund ist in der britischen Elite verankert. Er studierte Landökonomie am Robinson College in Cambridge, einem der traditionellen Kraftzentren des britischen Establishments. Doch was Brittin noch mehr prägte als die akademischen Weihen, das war der Sport. Brittin war Leistungssportler, ein Ruderer von internationalem Format. Er ruderte für Cambridge im legendären „Boat Race“ und trat 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul für Großbritannien an.
Die Herausforderungen sind gigantisch
Wer einmal Leistungssport auf diesem Niveau betrieben hat, bringt psychologische Härte, Frustrationstoleranz und eiserne Disziplin mit – Eigenschaften, die Brittin auf seinem weiteren Weg zugutekamen. Nach einem MBA an der London Business School und Jahren in der Immobilienbranche fing er als Berater für McKinsey an. Die Beraterjahre schliffen sein analytisches Besteck, bevor er 2004 bei Trinity Mirror – dem Verlagshaus hinter dem „Daily Mirror“ – als Direktor für Strategie und Digitales in die harte Realität des Mediengeschäfts eintauchte. Er kennt die Sorgen der Verlage also nicht nur aus den Präsentationen bei Google, sondern aus dem Maschinenraum einer Branche, die damals begann, das Wasser eintreten zu sehen.
Doch erst der Wechsel zu Google im Jahr 2007 markierte den Beginn jener Ära, die ihn nun an die Spitze der BBC spült. Brittin stieg rasch auf, wurde 2009 Chef für Großbritannien und übernahm 2014 die Verantwortung für Europa, den Nahen Osten und Afrika (was die Angelsachsen als EMEA abkürzen).
Fast zwei Jahrzehnte lang war er das Gesicht von Google in Europa. Er initiierte Programme wie „Grow with Google“, das in Europa Millionenbeträge investierte, um Menschen digitale Fähigkeiten zu vermitteln – ein PR-Coup sondergleichen, der zugleich die wirtschaftliche Abhängigkeit der Gesellschaft vom Google-Ökosystem zementierte.
Dass die Wahl der BBC nun dennoch auf ihn fällt, ist das Eingeständnis, dass das Haus in seiner jetzigen Form gegen die Wand fährt. Die Herausforderungen sind gigantisch: Die rechtliche Grundlage und die Finanzierung durch den Rundfunkbeitrag stehen auch in Großbritannien permanent unter politischem Beschuss. Die lineare Fernsehnutzung kollabiert in den jungen Zielgruppen; die Konkurrenten der BBC heißen längst nicht mehr ITV oder Sky, sondern Netflix, Tiktok und – Ironie der Geschichte – Youtube, die Videotochtergesellschaft seines langjährigen Arbeitgebers.
Gleichzeitig tobt auf der Insel ein zermürbender Kulturkampf um die politische Ausgewogenheit („Impartiality“) der Sendeanstalt. Von links wie von rechts wird die BBC wahlweise als zu „woke“ oder als zu regierungstreu attackiert.
Er hat einen langen Atem
In dieser existenziellen Zerreißprobe ist Brittin keine inhaltliche, sondern eine zutiefst strategische und kommerzielle Besetzung. Er weiß besser als jeder andere europäische Medienmanager, wie die Algorithmen funktionieren, die heute über die globale Distribution von Inhalten entscheiden. Brittin definiert Fernsehen nicht mehr als linearen Kanal, sondern als „Storytelling in Video“ – unabhängig von der Plattform. Sein Vorgänger Tim Davie hatte mit der Gründung von „BBC Media Tech“ versucht, die Anstalt kommerziell und technologisch robuster aufzustellen. Brittin bringt das Netzwerk aus dem Silicon Valley mit, das Verständnis für globale Plattformökonomie und die Erfahrung bei der Skalierung digitaler Geschäftsmodelle, um aus solchen Initiativen ein Überlebensnetzwerk zu knüpfen.
Die BBC holt sich also den Mann, der die Disruption in Europa orchestriert hat, um sich selbst vor ihr zu retten. Ob der Diplomat aus den WEF-Konferenzzimmern in der Lage sein wird, die träge und von internen Befindlichkeiten geprägte Kultur im „Broadcasting House“ radikal genug zu transformieren, ohne den publizistischen Kern – den öffentlich-rechtlichen Auftrag – zu opfern, wird eine spannende medienpolitische Frage der kommenden Jahre. Aber Brittin hat in seinem Leben schon bewiesen, dass er einen langen Atem hat.