Massaker von al-Hula: Der Feind im nächsten Dorf

Am Horizont lebten die Feinde. Ihre Dörfer sind nur schemenhaft zu erkennen. Nidal Abd al-Razzak weist mit ausgestrecktem Arm auf die ockerfarbene Einöde, die mit ärmlichen Weilern und grünen Feldern gesprenkelt ist. Dahinter erstreckt sich ein flacher Bergkamm. „Wir waren eingekreist“, sagt er.

Wenig später läuft der Mann langsam durch die schmale Dorfstraße, in der er und andere Familienangehörige leben. Eine Handvoll Häuser reihen sich auf jeder Seite aneinander. Er zeigt auf Einschusslöcher in den Fassaden, auf provisorisch geflickte Krater von Granateinschlägen im von der Sonne gebleichten Asphalt.

Die Leute in seiner Heimat haben einen hohen Preis dafür gezahlt, dass sie 2011 gegen Baschar al-Assad aufbegehrten. Nidal Abd al-Razzak lebt in einem Dorf namens Taldu, das zur Gemeinde al-Hula gehört und nordwestlich der Stadt Homs liegt. Im Straßenbild unterscheiden sich die Siedlungen nicht von anderen ärmlichen und gottverlassenen Provinznestern. Die Häuser sind klobig, viele Fassaden unverputzt, die meisten heruntergekommen.

Die Straßen sind staubüberzogen, Motorräder schwängern die Luft mit den Abgasen billigen Treibstoffs. Die Auslagen der Gemüsehändler sind spärlich und welk. Aber die Gemeinde ist auf tragische Weise berühmt geworden. Die Kriegsspuren in der Straße von Nidal Abd al-Razzak stammen von einem Massaker, das die Weltöffentlichkeit aufschreckte: Soldaten der Armee und alawitische Milizionäre richteten hier am 25. Mai 2012 ein Blutbad an der Zivilbevölkerung an.

Ein Massenbegräbnis nach dem Massaker in al-Hula im Mai 2012Picture Alliance

Laut UN-Angaben wurden 108 Dorfbewohner ermordet, unter ihnen 49 Kinder und 34 Frauen. Die Opfer wurden erschossen, erstochen oder mit Axthieben niedergestreckt. Unter anderem Deutschland wies daraufhin den syrischen Botschafter aus. Das syrische Regime führte eine Desinformationskampagne, beklagte einen „Tsunami der Lügen“, schickte unter anderem falsche Augenzeugen los, um den Rebellenbrigaden die Schuld in die Schuhe zu schieben, die al-Hula kon­trollierten.

Heute ist klar, wer die Mörder von damals waren. Aber die Zukunft ist ungewiss. Wie in kaum einer anderen Gegend in Syrien leben hier einstige Todfeinde eng beieinander. Ist so viel Horror und Hass zu bewältigen? Es ist eine Region, in der es immer Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen gab. In der Assads Truppen besonders brutal wüteten. Wo die Kraftprobe zwischen dem Regime und seinen Gegnern schnell zu einem Überlebenskampf der verschiedenen Bevölkerungsgruppen wurde.

Daher stellen sich hier Fragen besonders dringlich, die gerade ganz Syrien beschäftigen. Wie soll man in Zukunft zusammenleben? Wie kann man vergeben? Kann man überhaupt vergeben? Bislang haben sich nur die Machtverhältnisse umgekehrt: Die einstigen Unterdrückten sind die neuen Machthaber.

F.A.Z./sie.

Nidal Abd al-Razzak steht noch immer am Ortsrand und blickt in die Ferne. Er denkt nach, während er seine Augen mit der flachen Hand abschirmt, um sie vor dem gleißenden Licht der Mittagssonne zu schützen. Er will sich nicht vom Hass blenden lassen. „Wir müssen unser Land wiederaufbauen“, sagt er. „Es ist schon viel zu viel Blut vergossen worden.“ Er habe tatsächlich noch Freunde in den nahen Dörfern. Die Weiler scheinen nach allem, was passiert ist, in einer anderen Welt zu liegen. „Viele dort haben uns gehasst. Jetzt haben sie Angst vor uns“, sagt er.

In den Dörfern, von denen er spricht, leben Alawiten – Angehörige der Bevölkerungsgruppe des im vergangenen Dezember gestürzten Gewaltherrschers. Das Regime stützte sich maßgeblich auf die Gefolgschaft dieser Minderheit. Aus ihren Reihen rekrutierte der Assad-Clan hohe Offiziere für die Armee und die brutalen Geheimdienste, Kanonenfutter für das Schlachtfeld und Folterknechte für die Gefängnisse. Das Regime flößte den Alawiten systematisch Angst vor der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit ein, die sie auslöschen wolle. Und vor den Aufständischen, die allesamt „Terroristen“ seien.

Nidal Abd al-RazzakChristoph Ehrhardt

In al-Hula leben sunnitische Muslime. Viele von ihnen sind einfache, gottesfürchtige Leute wie Nidal Abd al-Razzak. Er verlegt Fußböden, sagt, das Geschäft laufe schlecht. Über dem zentralen Platz seines Dorfes weht ein islamistisches Banner. Die anliegende Moschee ist zerstört vom Krieg um Assads Herrschaft. Viele Menschen in der Gegend verdingten sich in den Streitkräften, weil sie keine andere Chance sahen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Als der Aufstand ausbrach, wechselten sie die Seiten, stellten sich unter dem Banner der „Freien Syrischen Armee“ dem Regime entgegen.

Die Menschen von al-Hula lebten in den Kriegsjahren im Belagerungszustand. Ihre Gemeinde ist umringt von den Alawitendörfern, in denen Milizen ausgehoben wurden, deren Kämpfer Checkpoints bemannten. Die Streitkräfte nahmen die Gemeinde mit Panzern und Artillerie unter Beschuss. „Man kam nur schwer hinein und wieder heraus“, sagt Nidal Abd al-Razzak. Am entgegengesetzten Ende seiner Straße fällt der Blick auf eine Anhöhe am Horizont. Dort steht ein Armeestützpunkt. Er war ein Monument einer ständigen existenziellen Bedrohung.

Die Leute in der Straße von Nidal Abd al-Razzak konnten die Mörder anrücken sehen. Soldaten und Geheimdienstleute seien schon vorher gekommen, hätten Häuser durchsucht und ihnen gedroht, das Regime werde ihnen eine Lektion erteilen, wenn sie sich nicht wieder unterwerfen. „Gott wird fallen, bevor das Regime fällt – wir werden wiederkommen“, soll ein Geheimdienstmann gesagt haben.

Uniformierte und Kämpfer zogen von Haus zu Haus

„Am Anfang dachte ich, es handelt sich um eine der üblichen Razzien“, sagt ein Nachbar von Nidal Abd al-Razzak. Der Tag hatte auch wie üblich begonnen. Das Freitagsgebet war gerade beendet, und wie jedes Mal waren neue Proteste gegen Assad geplant. „Damaskus, unser Tag ist nah“ lautete deren Motto. Aber die Leute merkten irgendwann, dass an jenem schicksalhaften Tag etwas anders war.

Ein Überlebender berichtet, der Beschuss durch das Regime sei heftiger gewesen als üblich. Auf einem Hügelkamm am Ortsrand hätten Scharfschützen gelauert. „Wir saßen in der Falle. Wer sein Haus verließ, riskierte sein Leben.“ Irgendwie schaffte es der Mann, den Granaten und Gewehrkugeln zu entkommen und sich in einem Olivenhain zu verstecken.

Wer nicht fliehen konnte, bezahlte dafür mit dem Leben. Uniformierte und Kämpfer der gefürchteten „Schabiha“, der sogenannten Geistermilizen, zogen von Haus zu Haus. Nidal Abd al-Razzak hatte Glück, dass er nicht zu Hause war. Aber er musste am Telefon mitanhören, wie seine Frau in Todesangst um Hilfe schrie.

Assads Männer pferchten seine verängstigte Familie in einer Zimmerecke zusammen und eröffneten das Feuer. Seine Frau und drei seiner Kinder wurden ermordet, außerdem seine Schwester und fünf ihrer Kinder. Seine Mutter, ein Vetter und eine Tochter, damals neun Jahre alt, überlebten wie durch ein Wunder. „Sie hat mit eigenen Augen gesehen, was passiert ist“, sagt der Bodenleger. „Noch immer hat sie Albträume und will nicht über all das sprechen.“

Die Moschee von TalduChristoph Ehrhardt

Er selbst spricht offen über jenen Tag, auch wenn ihm anzusehen ist, dass es ihm in manchen Momenten schwerfällt. Rache, sagt Nidal Abd al-Razzak, wolle er nicht. Für ihn ist das eine Sache des Glaubens. „Das wäre eine Sünde“, bekräftigt er mit fester Stimme. „Gott will, dass wir vergeben.“ Wenn es überhaupt Vergeltung geben sollte, liege diese in den Händen der neuen Regierung – und des Gesetzes. Der Handwerker hat seine Tochter überredet, den neuen Sicherheitsbehörden zu helfen, die Täter zu finden. Drei Männer seien mit ihrer Hilfe festgesetzt worden, heißt aus deren Reihen. Die hätten dann noch die Namen von vier weiteren Tätern preisgegeben.

Nicht alle Mitglieder seiner Sippe sind mit solch frommer Vergebungsbereitschaft und solch staatstragendem Bewältigungswillen ausgestattet. Ein paar Häuser weiter auf der anderen Straßenseite lebt Ayman Abd al-Razzak, ein entfernter Verwandter Nidals. Seine Frau wurde ermordet, drei Söhne und zwei Töchter. Eine von ihnen war nur zwei Monate alt. Er hat sich der Führung durch den Ort des Grauens angeschlossen, auf einer Einladung zum Kaffee bestanden und hastig ein paar Plastikstühle auf die Veranda seines von Einschusslöchern gezeichneten Hauses gestellt.

Ayman Abd al-Razzak hat wieder geheiratet, sein Sohn bringt ein kleines Tablett mit Mokkatassen aus der Küche. Doch der Mann vermittelt nicht den Eindruck, als würde das Leben für ihn weitergehen können. Er holt sein Telefon hervor, zeigt der Runde das Display, auf dem das Foto des ermordeten Babys als Hintergrundbild aufblinkt. „Wir sind dazu verdammt, mit der Erinnerung zu leben“, sagt er.

Der Wiederaufbau kommt nicht voran

Ayman klingt wütender und unversöhnlicher als Nidal Abd al-Razzak. Ayman schimpft auf die Regierung, die noch immer nicht gekommen sei, um den Opfern des Massakers Unterstützung oder Entschädigung anzubieten. Es gebe auch noch immer nicht genug Arbeit, er habe kein Geld für die einfachsten Dinge. Nidal nickt.

Ayman sagt: „Ich kann es nur schwer ertragen, Leute aus den Dörfern zu sehen, die früher zum Regime gehörten. Ich will sie hier nicht haben.“ Nidal senkt den Blick. „Wenn die Regierung nichts unternimmt, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, nehme ich die Sache selbst in die Hand“, fährt Ayman fort. Nidal rutscht verstohlen auf seinem Stuhl hin und her. Das sind Töne, die ihm Unbehagen bereiten. „Wenn die Regierung scheitert, wird es Chaos geben“, sagt er.

Ayman Abd al-RazzakChristoph Ehrhardt

Die neue, von Islamisten dominierte Führung in Damaskus tut sich schwer damit, Syrien zu stabilisieren. Der Wiederaufbau des zerstörten Landes kommt nicht voran, die Wirtschaft liegt noch immer am Boden. Unter den Sunniten herrscht nach Jahrzehnten der Unterdrückung die Haltung vor, die Besiegten, allen voran die Alawiten, sollten sich den neuen Machtverhältnissen besser klaglos fügen.

Morde an Angehörigen der Minderheit gehören heute zum Alltag. Im Frühjahr massakrierten Islamistenmilizen im alawitischen Kernland an der Küste mehr als 1400 Alawiten, nachdem Assad-Loyalisten aus dem Untergrund Regierungskämpfer angegriffen hatten.

Auch in Homs und den Alawitendörfern im Umland hat es zu Beginn des Jahres blutige Übergriffe gegeben. Sie begannen in der Regel mit Festnahmewellen der Sicherheitskräfte, um „Überreste des alten Regimes“ auszuschalten, wie es in den offiziellen Begründungen immer heißt. Aber dann stießen radikale Brigaden unter dem Banner der Regierung zu den professionell auftretenden Sicherheitskräften. Die Extremisten ermordeten, verschleppten und erniedrigten Unschuldige.

Eine Straße in al-Qabu Ende AugustChristoph Ehrhardt

Unter den Minderheiten verstärken sich daher die Entfremdung von der Regierung und das Misstrauen immer weiter. Aber auch neutrale Beobachter hegen Zweifel daran, dass Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa willens und vor allem in der Lage ist, radikale Kräfte einzuhegen, mit deren Hilfe im vergangenen Dezember jener spektakuläre Siegeszug geführt wurde, der Assad in die Flucht schlug.

Wie heikel die Spannungen für die Regierung sind, zeigt sich beim Versuch, das alawitische Dorf al-Qabu zu besuchen, in dem viele Täter des Massakers von al-Hula leben. Die Sicherheitskräfte an den umliegenden Checkpoints sind misstrauisch und schwerer bewaffnet als an den Hauptstraßen. Es sind auch einige der gefürchteten Brigaden ausländischer Islamisten im Umland von Homs stationiert.

Das Pressebüro der Regierung in der Großstadt beharrt darauf, dass die Genehmigung des Informationsministeriums in Damaskus nicht ausreicht. „Es geht um Ihre Sicherheit“, sagt dort ein junger Funktionär mit etwas verdruckster Freundlichkeit.

Er will wissen, welche Fragen den Leuten in al-Qabu gestellt werden sollen. Man solle besser nicht so viel über das Massaker in al-Hula und ihre Schuld reden. Auch sein Vorgesetzter lässt sich alles noch einmal ganz genau erklären. Es sei sicherer, einen Begleiter des Büros und einen Verbindungsmann mitzunehmen, heißt es dann. Leider sei gerade aber niemand zur Hand. „Können Sie morgen wiederkommen?“

Nach längerer Diskussion lässt sich dann doch eine Eskorte auftreiben, die verspricht, sich im Hintergrund zu halten. Die Fahrt führt auf gewundenen Straßen durch Dörfer, die verlassen wirken. Sie wird am Checkpoint vor dem Ortseingang von al-Qabu unterbrochen. Ein stämmiger Kommandeur löst sich aus dem Kreis langhaariger, bärtiger Kämpfer, die finster dreinblicken und steigt nach einer kurzen Unterhaltung zu den Regierungsleuten ins Auto.

Die Leute halten sich bedeckt

Sicherheitsprobleme scheint es zumindest in al-Qabu nicht zu geben. Es ist ein beschauliches Dorf, an einem malerischen Hang gelegen. Die Fassaden, die in warmes Frühabendlicht getaucht sind, wirken gepflegter als jene in al-Hula. Der Kommandeur vom Checkpoint schreitet voran und steuert gezielt auf ein Wohnhaus zu, vor dem ein massiger Mann Anfang vierzig wartet, den er lärmend begrüßt. Bassam Schbeib, ein Geflügelhändler, gehörte einem Komitee von Notabeln an, das die Leute in al-Qabu nach dem Sturz Assads aufstellten, um eine Gewalteskalation zu verhindern.

Bassam ShbeibChristoph Ehrhardt

Die Leute hätten sich gegenseitig im Zaum gehalten, sagt der Geflügelhändler. „Natürlich hatten wir Angst vor Racheakten“, sagt Schbeib und fügt hinzu: „Wir hatten auch 2012 Angst.“ Fragen nach den Mördern aus al-Qabu beantwortet er ausweichend. Er deutet lediglich an, dass einige von hier Blut an den Händen haben. „Baschars Leute“, wie er sagt. „Man kann aber nicht dem ganzen Dorf die Schuld geben.“ Er hofft, dass irgendwann das Leid aller Syrer anerkannt werde. Auch jenes seiner ausgebluteten Minderheit, die eine Geisel des Regimes gewesen sei. „Wir sind müde, sagt Bassam Schbeib, der keine große Angst mehr haben will.

Die Leute auf der Straße scheinen noch immer eingeschüchtert von den neuen Herrschern zu sein. Sie wollen nicht über deren Verhalten reden, beklagen lediglich, keiner hier habe mehr Geld, weil so viele ihre Regierungsjobs verloren hätten. Nur einer berichtet schüchtern und hinter vorgehaltener Hand, Milizionäre der Regierung hätten ihn schikaniert. Bassam Schbeib sagt: „Es gibt Gesetze, und das Gesetz muss für alle gelten.“ Es klingt wie eine Bitte.

Der Dorfälteste, Youssef Muhammad Ramadan, dessen Büro am Ortsausgang gelegen ist, will dringend etwas loswerden, bevor das Gespräch beginnt: „Egal, was sich sage: Wir stehen unter dem Kommando der Regierung.“ Viel Kritisches hat er nicht zu sagen. Er habe Persönlichkeiten aus al-Hula die Hand zur Versöhnung ausgestreckt und ihnen eine Grußbotschaft zum islamischen Zuckerfest geschickt. Sie hätten diese zu seiner großen Freude ergriffen und freundlich geantwortet. „Wir haben uns auch bei ihnen entschuldigt.“

Trotz allem kennt auch er Schreckensgeschichten von willkürlichen Morden durch unbekannte Täter, die sich nicht alle belegen lassen. Auch hier in al-Qabu, wo es keine Rachemassaker gab, richten sich bange Blicke auf das nächste Dorf hinter dem nächsten Hügel. Der Dorfälteste verabschiedet freundlich die Regierungsleute und tritt mit dem Besuch ins Freie. Nicht weit von seinem Hausfällt an einer Straßenbiegung der Blick auf die ockerfarbene Ebene. Am Horizont liegt al-Hula.

Source: faz.net