Ho Chi Minh nannte ihn „Wegbereiter des bewaffneten Widerstands gegen den Imperialismus“, für Mao Zedong war er der „Inbegriff des Führers eines Volksbefreiungskrieges“, Che Guevara besuchte ihn 1959 im Kairoer Exil. Die Rede ist von Mohammed Abd el-Krim, Pionier und Legende des antikolonialen Widerstands in Marokko zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Land wird in dieser Zeit Schauplatz eines Machtpokers zwischen Kolonialmächten und des sich dagegen richtenden Volksbefreiungskampfs.
1904 haben London und Paris vereinbart, dass Ägypten britisches und Marokko französisches Einflussgebiet wird. In den Verträgen von Fes 1912 wird Marokko schließlich in ein spanisches (vorzugsweise der Küstenstreifen) und ein entschieden größeres Protektorat Frankreichs im Süden aufgeteilt. Großbritannien sieht so den Seeweg nach Indien über Gibraltar und den Suez-Kanal gesichert. Das imperialistische Geschacher um Einfluss in Marokko – nicht zuletzt um Rohstoffe (Eisenerze, Kupfer, Phosphat) – ist von Anfang an eine Rechnung ohne den Wirt: die Berberstämme, denen Fremdherrschaft verhasst ist.
Spanien hält mit Melilla und Ceuta Stützpunkte am Mittelmeer. Zugleich versucht General Manuel Silvestre, mit einem Militärkorps (25.000 Mann) noch mehr zu besetzen. Dagegen wehren sich die Rifkabylen fünf Jahre lang mit Erfolg. Ihre Anführer sind Abd el-Krim und sein jüngerer Bruder Mhamed, die zu dem als besonders kampfesmutig geltenden Berberstamm der Beni Urriaguel gehören. Abd el-Krim ist Lehrer und Richter in Melilla, Mhamed hat in Madrid Bergbau studiert. Anfangs wollen beide Spanien für die Modernisierung des Rifs, eines dünn besiedelten Berglandes ohne jede Infrastruktur, ohne Schulen und Hospitäler, gewinnen.
Was sie erleben, ist eine Kolonial-Soldateska, die plündert, vergewaltigt und Berberköpfe oder -genitalien auf ihre Bajonette spießt, um grölend durch die Gegend zu ziehen. Tief enttäuscht kommt Abd el-Krim zu zwei Schlüssen, über die er später in seinen Memoiren schreibt: „Das Protektorat hat uns nur Elend und Armut, Grausamkeit und Unfähigkeit gebracht.“ So sei „der Traum einer Befreiung in ihm aufgestiegen“.
„Schlacht von Annual“ wird zum größten Desaster der spanischen Kolonialgeschichte
Für Abd el-Krim gilt fraglos, was der französische Philosoph und antikoloniale Vordenker Frantz Fanon so auf den Punkt bringt: „Der Kolonialismus ist Gewalt im Naturzustand, und er wird nur nachgeben, wenn er mit größerer Gewalt konfrontiert wird.“ 1915 wegen Konspiration verhaftet, konzentriert sich Abd el-Krim nach seiner Freilassung ganz auf den Kampf gegen die spanischen Besatzer. Er will zerstrittene Stämme einen und schlagkräftige Kampfverbände organisieren.
Trotz seiner wiederholten Warnungen, mit der Überquerung des Amekran-Flusses im zentralen Rif durch spanische Truppen sei die rote Linie überschritten, schicken die Spanier Anfang Juni 1921 einen Stoßtrupp über den Fluss. Mehr als die Hälfte der in Marsch gesetzten Soldaten überlebt das nicht. Es folgt die „Schlacht von Annual“, die zum größten Desaster der spanischen Kolonialgeschichte werden soll. Inzwischen ist die Streitmacht der Rifkrieger auf 3.000 bis 4.000 Mann gewachsen.
Am 21. Juli 1921 gerät das spanische Militärlager bei Annual unter Dauerbeschuss der vereinten Stämme. Rifkrieger kesseln das Hauptkontingent der Spanier ein, General Silvestre gibt den Befehl zum Rückzug. Soldaten fliehen panisch und werfen ihre Gewehre weg, viele überleben die Flucht nicht, Verwundete und Kranke bleiben sich selbst überlassen. Den später nach Annual zurückgekehrten Militärs bietet sich ein Bild des Grauens: Leichenberge, Soldaten, denen die Köpfe abgeschlagen worden sind. Die Kolonialmacht verliert allein bei dieser Schlacht mehr als 13.000 Mann, so die offizielle Zahl. Ein geheimer Bericht geht von 35.000 Toten aus. Gemessen daran erscheinen etwa 1.000 gefallene Rifkieger als geringer Verlust. Erbeutet werden Gewehre, Kanonen und Unmengen von Munition.
Guerillataktik erfolgreich gegen Kolonialmacht
Nach diesem Sieg gibt es für die Riftruppen kein Halten mehr. Sie überrennen fast sämtliche Militärposten im östlichen Rif, sodass Spanien das gesamte seit 1909 eroberte Gebiet im Osten Marokkos wieder verloren geht. Es ist die zunächst unaufhaltsame militärische Talfahrt einer Kolonialmacht, der die Rifkrieger weitere Niederlagen beibringen. Sie kennen das bergige Gelände und sind im Wortsinn unfassbar flexibel, tauchen in kleinen Einheiten aus dem Hinterhalt auf und verschwinden wieder. Mit ihrer Guerillataktik sind sie auch mit ihrer Offensive im Juli 1924 erfolgreich.
Im November ziehen sie nach ähnlich blutigen Kämpfen wie in Annual als Sieger in die heilige Stadt Chefchaouen ein. Erstmals sind Berber und arabische Stämme in Nordmarokko geeint. Abd el-Krim ist Herr über drei Viertel des spanischen Protektorats und auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er hat Kombattanten hinter sich, die wissen, wofür sie kämpfen: eine eigene Regierung und Armee als Garanten einer unabhängigen Republik, die am 1. Februar 1923 in Ajdir ausgerufen wird.
Stammesführer schwören Abd el-Krim die Treue und erklären ihn zum Emir, ihrem geistlichen Oberhaupt und politischen Führer. In erstaunlich kurzer Zeit entsteht eine Verwaltung mit der Scharia als einheitlicher Rechtsgrundlage für eine neue Sozialordnung, um ein System zu überwinden, in dem die Blutfehde für Gebräuche der Berber steht, die einem modernen Staat nicht zuträglich sind.
Frankreich und Spanien schlagen mit Giftgas zurück
Ein Telefonnetz wird aufgebaut, dazu ein Schulsystem und ein Gesundheitsdienst. Der jüdischen Bevölkerung werden mehr Rechte zugestanden und alle Formen der Sklaverei abgeschafft. Abd el-Krim will die Rifis von der Enge einer Stammesgesellschaft befreien, indem er seine Autorität in die Waagschale wirft, um einer zentralisierten politischen Ordnung Geltung zu verschaffen. Er herrscht ohne Parlament und mit qualifizierten Beratern an seiner Seite, die über „europäische Erfahrungen“ verfügen. Sie sehen die Errungenschaften von moderner Wissenschaft und Technik als Chance, ihr Land voranzubringen. Sie setzen die Kraft des Dschihad gegen christliche Kolonialmacht. Ihre letztlich drei Jahre existierende Republik ist ein Versuch, im Zeichen des Islam eine moderne Gesellschaft im Norden Marokkos zu etablieren.
Der anhaltende Siegeszug Abd el-Krims versetzt die Regierungen der Kolonialmächte in Angst und Schrecken. Der französische Militärgouverneur Marschall Hubert Lyautey kabelt nach Paris, die Freiheitsbewegung im Rif sei „die größte Bedrohung für die Zivilisation und den Frieden des Westens“. Im Sommer 1925 vereinbaren Franzosen und Spanier eine gemeinsame Militärstrategie und setzen zum Großangriff an. Unter Marschall Philippe Pétain werden europäische Kriegstechniken in Marokko eingesetzt: von der Luftwaffe unterstützte Offensiven und der Einsatz von Giftgas. Es kommt zum ersten areochemischen Krieg in Afrika.
„Lösung für das Problem Nordafrika: Lost-Bomben. 10.000 Bomben à 10 kg Carbonit. Ausräuchern und Verseuchen des Grundwassers und der Wege mit gelbem Phosphor Lost B Endstoff“, heißt es in einer Notiz von Hugo Stoltzenberg, einem deutschen Chemiker und Chemiewaffenproduzenten. An den hatten sich spanische Militärs gleich nach dem „Desaster von Annual“ gewandt. Und das mit dem Segen der Krone. „Lassen wir eitle humanistische Überlegungen beiseite. Mit dem tödlichsten aller Giftgase werden wir viele Leben retten. Man muss den Feind ausrotten, als wäre es die böseste Bestie“, schrieb Spaniens König Alfons XIII. an die Armee.
Stoltzenberg liefert, was die Spanier wollen. Geringe Mengen Lost reichen aus, um ganze Landstriche langfristig zu verseuchen. Ab Juni 1924 werden im Rif etwa 10.000 Bomben mit Giftgas vornehmlich auf zivile Ziele abgeworfen. Einer marokkanischen Studie aus dem Jahr 2000 zufolge kamen seinerzeit etwa 60 Prozent der Kehlkopfkrebstoten Marokkos aus dem Gebiet Nador im Rif.
Abd el-Krim ergibt sich den französischen Militärs
Der Kampf um die freie Rif-Republik geht noch zwei Jahre weiter. Abd el-Krim gibt den Befehl, nach Süden gegen Französisch-Marokko vorzurücken, seine Armee dringt noch im Juli 1925 bis nahe Fes vor. Die Spanier eröffnen eine neue Front im Norden und besetzen Anfang Oktober 1925 Ajdir, die Hauptstadt der Rif-Republik. Abd el-Krim weiß, dass er einen Mehrfrontenkrieg nicht gewinnen kann.
Der Versuch eines Separatfriedens mit Frankreich scheitert. Französische und spanische Truppen (zusammen 500.000 Mann) rücken vor, fast ohne auf Widerstand der zu diesem Zeitpunkt noch 60.000 bis 80.000 Freiheitskämpfer zu stoßen. Am 27. Mai 1926 ergibt sich Abd el-Krim französischen Militärs. Er wird für 21 Jahre auf die Insel Réunion im Indischen Ozean verbannt und 1947 entlassen. Kairo nimmt ihn auf, wo Abd el-Krim am 6. Februar 1963 mit 81 Jahren stirbt. Der Rifkrieg ist heute von der Geschichtsschreibung weitgehend vergessen. Als antikolonialer Befreiungskampf machte er Geschichte, ohne groß in die Geschichte einzugehen.