Marktführer: Warum Woom so triumphierend ist

Wer Kinder hat, kommt am Thema Zweirad nicht vorbei. Jahrzehntelang war der rheinländische Anbieter Puky die erste Adresse für kleine Drahtesel. Seit einigen Jahren greifen immer mehr Eltern zu Woom, einer im Jahr 2013 in Österreich gegründeten Kultmarke. Punkten kann Woom mit ultraleichten Produkten, Ergonomie und Design. Die Räder sind im Onlineshop und im Fachhandel erhältlich. Und während der traditionsreiche Hersteller Puky aus dem Niederbergischen Land schwächelt und Investoren sucht, wächst Woom trotz vergleichsweise teurer Produkte rasant.

Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 27 Prozent auf gut 148 Millionen Euro. Damit sei Woom um ein Vielfaches schneller gewachsen als die Branche in Europa, sagt Geschäftsführer Bernd Hake im Gespräch mit der F.A.Z. und verweist auf Marktforschungsanalysen basierend auf Statista Mobility Market Insights. Im vergangenen Jahr hat es das Unternehmen mit gut 200 Beschäftigten erstmals geschafft, operativ ertragreich zu arbeiten. Mit dem Umsatz sei ein Betriebsergebnis von vier Millionen Euro vor Abschreibungen erwirtschaftet worden, sagt Hake. Unter dem Strich gab es aber noch einen Fehlbetrag. In diesem Jahr will die Geschäftsführung mit einem Überschuss bilanzieren.

Abgesetzt wurden 390.000 Fahrräder und 140.000 Helme. Mehr als 40 Prozent des Umsatzes (in Euro gerechnet) kommen über den elektronischen Handel zustande. Auf Basis der Stückzahlen sind es 30 Prozent. Wie andere Branchenvertreter hatte das Unternehmen während der Corona-Pandemie eine außergewöhnlich hohe Nachfrage verzeichnet, kämpfte in der Folge aber mit Überkapazitäten. Dies scheint nun vorüber zu sein.

Starke Nachfrage in Deutschland

In Deutschland kontrolliert Woom nach eigener Darstellung fast ein Drittel des Marktes. Puky habe zuletzt in der Stückzahl ein Viertel davon abgesetzt, sagt Hake: „Wir sind im vergangenen Jahr in dem Markt um über 20 Prozent gewachsen und sehen eine ganz hohe Affinität zur Marke sowie eine große Begeisterung.“ Es gebe noch viel Potential.

In Österreich stammt schon jedes zweite Kinderrad aus dem Hause Woom. Stark ist der Hersteller eigenen Angaben zufolge auch in Benelux, Skandinavien und Polen. Nachholbedarf gebe es dagegen in der Schweiz, in Frankreich und Italien. „Unsere Vision ist es, Millionen von Kindern für das Fahrradfahren zu begeistern und dabei die Welt ein bisschen besser zu machen“, sagt Hake. Mobilität bleibe das Thema. Seit Herbst gibt es ein Produkt, das Kleinkindern zwischen neun Monaten und drei Jahren das Fahrradfahren beibringen soll. Damit probiert sich Woom im Spielwarensegment. „Wir können uns das Thema Mobilität in anderen Segmenten, wie zum Beispiel Roller, vorstellen“, sagt der gebürtige Deutsche, der seit eineinhalb Jahren die Geschicke von Woom leitet und davor Manager im Getränkekonzern Red Bull sowie der Modemarke Hugo Boss war. Spiel und Sport blieben im Vordergrund. Hake verweist auch auf das Mountainbike-Segment, das bisher ein Nischenprodukt gewesen sei. Hier würden neue Prototypen getestet. Es sei ein steigendes Interesse an Rädern zu beobachten, die zwischen Rennrad und Mountainbike rangierten. Damit könne man auf Feldwegen fahren.

„Unsere Ambition ist klar“, sagt Hake: „Wir streben die weltweite Marktführerschaft an. In den Vereinigten Staaten treffen wir auf einen dynamischen Wettbewerb, sehen aber genau dort massives Wachstumspotential, da wir die Kategorie des hochwertigen Kinderfahrrads dort gerade erst etablieren.“ Parallel dazu bearbeiten die Österreicher den asiatischen Markt: „Besonders in Japan und Südkorea registrieren wir eine enorme Wertschätzung für ‚European Engineering‘, was uns als Premium-Marke perfekt in die Karten spielt“, sagte Hake: „Unsere Marktführerschaft im Nahen Osten – allen voran in den Vereinigten Arabischen Emiraten – ist der beste Beweis.“ Das Premium-Modell sei global skalierbar und funktioniere weit über die Grenzen Europas hinaus.

Produziert wird in Osteuropa und Asien

Alle Produkte werden in Österreich entwickelt und gestaltet und von Produktionspartnern auf der ganzen Welt produziert – vor allem in Kambodscha, Vietnam, Bangladesch, Osteuropa und Portugal wird erzeugt und bis vor einem Jahr auch in Polen. Doch im vergangenen Jahr verlor Woom den dortigen Zulieferer. Nun setzt das Unternehmen unter anderem auf einen Partner in Rumänien: „Je näher wir die Produktion nach Europa bringen, desto schneller können wir ausliefern.“ Die Hälfte der Produktion stammt aber aus Asien. „Das muss sein, um die Kosten im Rahmen zu halten“, sagt Hake und begründet diese Strategie unter anderem mit der amerikanischen Zollpolitik, die einige Länder stark belaste. Daher sei es wichtig, dass man nicht aus Europa heraus liefere, sondern aus Asien. Zudem produzierten die Komponenten-Anbieter dort, und man könne so den asiatischen Markt besser bedienen.

Dass die Nachfrage nach Fahrrädern insgesamt schwächelt, hängt nach Ansicht Hakes zum einen mit der Bequemlichkeit der Menschen zusammen. Es sei einfacher, mit dem Auto ins Büro zu fahren als mit dem Fahrrad. Zum anderen hemme der Lebenszyklus eines Fahrrades die Nachfrage. Denn dieser dauere mindestens fünf bis zehn Jahre: „Das heißt, wenn ich meine Fahrräder im Jahr 2021, 2022 verkauft habe, dann brauche ich erst mal Zeit, um den Kunden für ein neues Fahrrad zu begeistern.“

Kinder brauchen häufiger Fahrräder

Für einen Branchenvertreter, der auf Kinderprodukte spezialisiert ist, gilt dies jedoch nur bedingt. Denn Kinder brauchen in Abhängigkeit von ihrem Wachstum schneller wieder ein neues Fahrrad. Woom bietet Zweiräder vom Babyalter bis in die frühe Pubertät hinein. Dabei spiele Funktionalität eine entscheidende Rolle im Ringen um die Kundschaft. Hake setzt auch auf die Gesundheitswirkung von Bewegung. Wenn Kinder zu Hause seien, vorm Fernseher säßen oder Videospiele spielten, dann sei das nach seiner Ansicht nicht der Entwicklungsstand, „den wir für unsere Kinder anstreben sollten. In der Natur zu sein, ist ein viel stärkeres Erlebnis, als vor dem Handy zu sitzen und Social Media anzugucken. Wir wollen, dass die Kinder aus dem Rhythmus ausbrechen.“

Einen Börsengang in naher Zukunft schließt Hake aus: „Ein Börsengang steht aktuell nicht im Fokus. Wir konzentrieren uns darauf, die beste Struktur für unseren weiteren Wachstumskurs zu finden. Dazu evaluieren wir verschiedene strategische Optionen und sondieren den Markt nach Partnern, die unsere globale Vision langfristig mittragen. Größter Anteilseigner ist mit 33,2 Prozent ein Luxemburger Fonds um den Finanzinvestor Bregal der deutsch-niederländischen Unternehmerfamilie Brenninkmeijer (C&A). Die Gründer Christian Bezdeka und Marcus Ihlenfeld halten jeweils einen Anteil von 18,7 Prozent. 2023 stieg die Hongkonger Jebsen Group ein, deren Vorstandsvorsitzender, Alfons Mensdorff-Pouilly, aus Österreich stammt.

Elektrische Mobilität für die Kleinen

Das Management strebt weiterhin Umsatzzuwächse zwischen 15 und 20 Prozent im Jahr an. Eine Erweiterung in das Erwachsenensegment schließt Hake aus: „Unsere Marken-DNA ist es, ein Fahrrad herzustellen, das den Nutzer und dessen Ergonomie in den Mittelpunkt stellt. Das gab es im Kindersegment vor unserer Zeit nicht.“ Das gebe es aber im Erwachsenensegment schon immer, ebenso gebe es die Leichtigkeit der Produkte für Erwachsene schon länger. Insofern könne man die Markenstärke hier nicht ausspielen: „Daher bin ich überzeugt davon, dass wir in der Nische besser aufgestellt sind, dort wachsen und überlegen, welche Themen Kinder und Jugendliche begeistern.“ Mit Blick auf Schüler verweist er auf Roller. Das könnte ein Markt sein, den man sich genauer anschaue.

Auch bei Woom dürfte das E-Bike Einzug halten. Im Herbst wird ein neues Modell auf den Markt kommen. „Kinder lieben E-Bikes“, sagt Hake. Damit könnten sie weitere Strecken fahren und seien geländegängiger. Ein derartiges Rad wiege um die zwölf Kilogramm. Davon entfielen vier Kilogramm auf die Batterie mit Motor und Halterung. Als eine der Innovationsstärken von Woom sieht Hake aber die Überzeugung, dass Stützräder für Kinder unwichtig seien. Diese sollten sich beim Balancieren so schnell wie möglich zurechtfinden. Interessanterweise klappe das schon mit Kindern, die neun Monate alt seien, die gerade stehen, aber die noch nicht laufen könnten.

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