Das Kürzel F126 stand einmal für das größte Beschaffungsprojekt der deutschen Marine: Sechs Fregatten F126 sollten als U-Boot-Jäger von 2028 an der Bundeswehr zur Verfügung stehen. Zwei Milliarden Euro hat Deutschland dafür schon ausgegeben, aber es hakt gehörig mit dem Projekt. Vier Jahre Verzögerung gelten Stand jetzt als sicher.
In Berlin ringen die Politiker um eine Lösung und zapfen das Sondervermögen an. 240 Millionen Euro daraus hat der Haushaltsausschuss am Mittwochabend freigegeben, damit ein anderer Fregattentyp die F126 überholen könnte, die Meko A-200 von TKMS. Mit dem Geld soll sich der Werftkonzern darauf vorbereiten können, sehr schnell in die Produktion der Schiffe einzusteigen, noch bevor es eine verbindliche Bestellung gibt. Ein Vorvertrag, verbunden mit einer ersten Zahlung von 50 Millionen Euro, war im Januar geschlossen worden.
Vier der Fregatten will das Verteidigungsministerium auf jeden Fall beschaffen. Zudem soll es eine Option für den Kauf vier weiterer Schiffe geben, wie die F.A.Z. erfahren hat. Noch im Jahr 2029 soll das erste dieser Schiffe fertig sein, um im Nordatlantik eingesetzt zu werden. Das Seegebiet zwischen Grönland, Island und Großbritannien ist nicht nur der wichtigste Nachschubweg der NATO von Nordamerika in Richtung Europa, es ist auch der einzige Zugang der russischen Nordmeerflotte zum Atlantik. Die Bundeswehr kann auf eine breite parlamentarische Unterstützung für diese Bestellung setzen: „Für uns ist klar: Wir müssen der NATO die zugesagte Ausrüstung zur Verfügung stellen“, sagte Sebastian Schäfer, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, der F.A.Z. Zwar sei die etwas kleinere Mehrzweckfregatte Meko nicht ganz so perfekt gerüstet wie die F126, aber: „Auch die Marine sagt: Wir brauchen Schiffe auf dem Wasser.“
„Bewährter, flexibler und kampfstarker Mehrzweck-Schiffstyp“
Mit diesem Argument hatte TKMS-Vorstandschef Oliver Burkhard schon im Herbst für die Meko 200 als Brückenlösung geworben, nachdem die gravierenden Probleme mit der F126 immer offensichtlicher waren: „Das ist ein bewährter, flexibler und kampfstarker Mehrzweck-Schiffstyp“, sagte er im Interview unmittelbar nach dem Börsengang der Thyssenkrupp-Tochter. Für TKMS sah Burkhard die Chance, eine Niederlage im Bietergefecht um einen Auftrag aus Australien in einen Trumpf umzumünzen. Denn für den potentiellen Auftrag hatte TKMS schon Kapazitäten bei der Rönner-Werft in Bremerhaven reserviert – und diese könnten nun genutzt werden. Burkhard konnte daher Blitzgeschwindigkeit in Aussicht stellen: „Wir haben das zuletzt zum Beispiel für Ägypten bewiesen: mehrere Fregatten, jeweils etwa nur drei Jahre zwischen Vertragsunterzeichnung und Auslieferung.“
Die TKMS-Aktionäre durften schon in der ersten Hauptversammlung Ende Februar den Eindruck bekommen, dass die Sache ganz klar sei. Strategie sei es, die Führungsrolle in den Kernmärkten auszubauen, als Lieferant für NATO-Länder und deren Partner, sagte der Vorstandschef: „Verlässlichkeit, wo sie gebraucht wird.“ Die noch gar nicht verbindlich bestellte Meko-Fregatte nannte Burkhard „F128“. Allein die F128 sowie die für Luftverteidigung geplante Fregatte F127 würden ein Umsatzvolumen im zweistelligen Milliardenbereich in den nächsten Jahren bescheren, kündigte Burkhard an. Einen Auftrag, den Start des Projekts F127 vorzubereiten, hat ein Gemeinschaftsunternehmen von TKMS und der Werftgruppe NVL schon 2024 erhalten.
Abbruch des Projekts F126 wäre politisch heikel
Auch wenn also alles auf die verbindliche Bestellung der Meko A-200 zuläuft: Das Projekt F126 ist damit nicht beendet. „Wir haben uns als Grüne von der F126 verabschiedet. Das ist ein Milliardengrab“, sagte zwar der Grünen-Haushälter Sebastian Schäfer in dieser Woche. Doch ein Abbruch wäre politisch heikel. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) müsste sich für die bisher schon aufgelaufenen Zahlungen von zwei Milliarden Euro für das Projekt rechtfertigen, von dem bisher praktisch noch nichts zu sehen ist – und für das der Haushaltsausschuss in enger Taktfolge weitere Millionen freigibt.
Das Projekt zu stoppen, wäre ein zweiter Tiefschlag für Pistorius, nachdem der Haushaltsausschuss es vor Kurzem schon abgelehnt hat, die Bestellung des Störpanzers MAUS für 600 Millionen Euro bei Rohde & Schwarz zu genehmigen. Die Panzer sollen im Gefecht gegnerische Signale stören und Drohnen abwehren. Doch dafür sei dieses Produkt womöglich nicht gut geeignet, wie der Ukrainekrieg gezeigt habe, war die fraktionsübergreifende Meinung.
Explizit spricht das Verteidigungsministerium über die Meko A-200 DEU nun von einer „tragfähigen Brückenlösung und Ergänzung“, was implizit bedeutet, dass letztlich zwei Fregattenprojekte realisiert werden sollten. Der Preis für eine Meko A-200 liegt laut TKMS zwischen einer halben und einer Milliarde Euro, je nachdem, in welchem Umfang die Fregatte für die Bedürfnisse der Bundeswehr ausgestattet wird. Für das Gesamtpaket bedeutet das einen Rahmen von bis zu acht Milliarden Euro. Der Preis der sechs F126-Fregatten wird mittlerweile auf etwa zehn Milliarden Euro beziffert. „Das lief einfach nicht gut“, urteilt Bastian Ernst, verteidigungspolitischer Sprecher der CDU. Aber im Gespräch mit der F.A.Z. zeigt er sich zuversichtlich, dass sich einiges verbessern kann, wenn das Projekt an einen neuen Generalunternehmer übertragen wird. „Sicher ist es ein Risiko, ein schlecht laufendes Projekt zu übernehmen, aber was ist die Alternative?“, fragt Ernst.
Der bisherige Generalunternehmer war die niederländische Damen-Werft, die im Jahr 2020 die europäische Ausschreibung gewonnen hatte. Damen hatte das billigste Angebot abgegeben und gleichzeitig zugesagt, dass gut zwei Drittel der Wertschöpfung in Deutschland realisiert würden. Verzögerungen zeigten sich bald. Die Probleme eskalierten, als es nicht gelang, die mit einer Dassault-Software erstellten Konstruktionsunterlagen in die IT-Systeme der ausführenden Werften und Zulieferer zu übertragen. Im Herbst 2025 wurde Damen die Projektführung entzogen.
Nun richten sich die Hoffnungen darauf, dass die Werftengruppe NVL (Lürssen) das Projekt federführend weitertreiben könnte. NVL sei ein sehr guter Schiffbauer, und mit Rheinmetall als neuem Eigentümer komme Erfahrung mit Großprojekten hinzu, gibt sich CDU-Verteidigungsexperte Ernst zuversichtlich, der selbst einige Jahre für Rheinmetall tätig war. Noch ist Rheinmetall nicht zum Generalunternehmer bestimmt worden, doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Konzern schnell auch mit seiner noch ganz jungen Marinekompetenz als rundum fähiges Systemhaus beweisen will, ist hoch. Die ersten Erfolgsmeldungen kamen just an dem Tag, bevor TKMS den Vorvertrag für die Meko-Fregatten erhielt. Der gordische Knoten sei zerschlagen, hieß es: Es sei gelungen, die Konstruktionsdaten erfolgreich ins eigene System zu übertragen. Damit sei die Schnittstelle zwischen Konstruktion und Fertigung geschlossen.
„Wenn Rheinmetall im Spiel ist, wird es auf jeden Fall teurer“
Jetzt, einige Wochen später, ist von einem beschleunigten Hochlauf der Produktion die Rede. Mehr noch: „Wir haben das Ziel, als neuer Generalunternehmer die Bauzeit der Schiffe spürbar zu verkürzen“, bekräftigt ein Sprecher des Unternehmens, das jetzt als Rheinmetall-Division Naval Systems firmiert. Der Fertigungsablauf solle beschleunigt werden, und gemeinsam mit der Bundeswehr prüfe man die Möglichkeit, ob die Abnahme der Waffen- und Einsatzsysteme auch schneller gehen könnte. „Unter diesen Voraussetzungen wäre ein Zulauf des ersten Schiffes im Jahr 2031 realisierbar.“ Ob das Großprojekt dadurch womöglich noch teurer würde, ist damit nicht gesagt. Grünen-Haushälter Schäfer ist aufgrund bisheriger Erfahrungen mit Rheinmetall als Auftragnehmer skeptisch: „Wenn Rheinmetall im Spiel ist, wird es auf jeden Fall teurer.“