Manuel Hagel: Kurz vor Schluss ändert er seine Taktik

Über die Probleme in Manuel Hagels Wahlkampf – die Aufholjagd der Grünen und die „Causa Rehauge“ – wird erst nach anderthalb Stunden gesprochen. Die Polstersessel im Central-Center Kino in Ehingen sind an diesem Abend alle besetzt. CDU-Spitzenkandidat Hagel ist in der Endphase des Wahlkampfes noch einmal zu Gast in Oberschwaben. Ehingen ist seine Heimatstadt, hier wurde er geboren, hier war er Leiter der Sparkasse und Gemeinderat.

Es ist ein Heimspiel. Viele der Zuhörer sind lokale Funktionsträger oder CDU-Mitglieder aus der Region Ulm. Sie hoffen, dass der 37 Jahre alte Hagel Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden könnte, aber sie sind nicht sicher, ob das klappt: „Er steht mit de Füß auf dem Boden. Er ist ein ganz normaler Mensch. Ich habe mit ihm in kurzen Hosen im Garten gesessen. Jetzt braucht er unsere Unterstützung erst recht“, sagt Gemeinderat Thomas Sontheimer.

Hagel nimmt auf der Bühne zusammen mit dem früheren Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) Platz. „Bühne frei“ heißt das einstündige Format, bei dem die Gesprächspartner Hagels fast immer Unionspolitiker sind – mal Alexander Dobrindt, mal Markus Söder. Einen Moderator gibt es nicht.

Oettinger hat seinen Sohn Alexander und dessen Freundin mitgebracht. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass Oettinger immer noch der humorvollste und kenntnisreichste CDU-Politiker des Landes ist, doch an diesem Abend wirkt er angestrengt. Der 72 Jahre alte Politiker weiß, dass es am Sonntagabend für seine Partei sehr knapp werden könnte. Die Erwartung, dass die CDU die Wahl sicher und mit einer Art Schlafwagenwahlkampf gewinnt, ist seit den jüngsten Umfragen dahin.

Oettinger und Hagel reden über Iran und das Handelsabkommen Mercosur. Hagel holt immer wieder zu einem Hieb gegen den grünen Koalitionspartner aus, Oettinger geht darauf nie ein, er war immer ein Anhänger von Schwarz-Grün.

Der Vorsprung auf die Grünen ist geschrumpft

Am Ende des ernsthaften Gesprächs über die Wirtschaft und die Zukunftsaussichten Baden-Württembergs kommt Ronja Kemmer auf die Bühne. Die Bundestagsabgeordnete, die den Wahlkreis Ulm vertritt, gilt als enge Vertraute des Spitzenkandidaten. Die Diskussion über das Rehaugen-Video nennt sie eine „unglaubliche Sauerei“ und eine „grüne Kampagne“, davon dürfe man sich nicht beeindrucken lassen: „Sie sind alle Multiplikatoren, packen wir es in den letzten Tagen an“, sagt sie ans Publikum gerichtet.

In den Umfragen liegt die CDU nur noch ein bis drei Prozentpunkte vor den Grünen. Das entspricht der statistischen Schwankungsbreite. Auf Social-Media-Kanälen sind Fotos von schlecht besuchten CDU-Veranstaltungen aufgetaucht: In Singen blieb die Scheffelhalle halb leer, in Kornwestheim war der Zulauf ebenfalls begrenz. Die Diskussion über den Stil der Kampagne, die Wahlkampftaktik und die Frage, ob der Kandidat ausreichend mobilisiert, wird in der CDU schon länger geführt, auch wenn davon wenig nach außen dringt.

Seit der Wahl Hagels zum Spitzenkandidaten im Mai lautete die Taktik: Die AfD ist der Hauptgegner, das Hauptthema die Wirtschaftskrise. Die Grünen sind durch die gescheiterte Ampelkoalition quasi erledigt, man muss sie nur links liegen lassen. Die konservative gesellschaftliche Stimmung und die von Friedrich Merz geführte Bundesregierung würden die CDU im Selbstlauf wieder zur stärksten Partei machen.

Gewonnen wird weniger über die Popularität des Kandidaten, sondern mit der alten Stärke der CDU in den ländlichen Regionen. Man führt einen per App gesteuerten Haustürwahlkampf und hofft, dass Hagel am Ende zwischen einer Koalition mit den Grünen und einer Dreierkoalition mit SPD und FDP wählen kann.

Die CDU ist eine Machtpartei – es geht ihr immer zuerst um die Staatskanzlei und dann um einen Koalitionspartner, der nicht stört. Im Sommer vergangenen Jahres glaubten einige besonders machtorientierte CDUler sogar, dass man wieder eine schwarz-gelbe Koalition hinbekommen könne. Allein, dass solche Gedanken geäußert wurden, zeigte, wie schlecht das Prognosevermögen in den eigenen Reihen war.

Nun sind die Grünen doch der Hauptgegner

Anfang dieser Woche wurde offenkundig, dass Hagel und sein Landesgeneralsekretär Tobias Vogt die Taktik völlig geändert haben: Innenminister Strobl von der CDU, der Hagel und dessen Team im vergangenen Herbst mit Engelsgeduld davon abgebracht hatte, die Grünen zum Hauptgegner zu machen, musste auf den letzten Metern umschwenken.

Am Dienstag saß Strobl neben Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Medienzentrum des Landtags und ließ sich über die falsche Migrationspolitik Cem Özdemirs aus; Kretschmann zählte dagegen noch einmal auf, wo er und seine Realo-Grünen vom migrationspolitischen Kurs der Bundespartei abwichen. Der Wahlkampf ist in der grün-schwarzen Regierung angekommen.

So viel Zwist zwischen Kretschmann und Strobl gab es seit zehn Jahren nicht mehr. CDU-Generalsekretär Vogt hatte am Wochenende in einer Whatsapp-Mitteilung geschrieben: „Jetzt ist Lagerwahlkampf.“ Nun arbeitete sich die nervös gewordene CDU an Fehlern der grünen Migrationspolitik ab – was man ursprünglich nicht wollte, um der AfD kein Thema zu bieten.

Am Mittwoch sprach Vogt dann dem grünen Spitzenkandidaten den „bürgerlichen Anstand“ ab: Wer diesen habe, „vernichtet nicht mit Schmutzkampagnen andere Menschen“. Özdemir habe sein wahres Gesicht gezeigt. In Hagels Wahlkampfteam soll nach Informationen der F.A.Z. die Motivation deutlich nachgelassen haben. Einige sollen in der Stuttgarter CDU-Zentrale die Parole ausgegeben haben: „Dann kämpfen wir jetzt für den Innenminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten Manuel Hagel.“

Prominente Unterstützer: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (beide CDU) recken beim Bundesparteitag Mitte Februar in Stuttgart Schilder für Hagel emporPicture Alliance

Hagels Team hatte versucht, die Wahlkampfberichterstattung stärker zu steuern, als es in früheren Wahlkämpfen üblich war. So durften die öffentlichen Fernsehsender Hagel nicht beim Haustürwahlkampf begleiten, obwohl der das entscheidende Mittel auf dem Weg zum Wahlsieg sein soll.

Schon länger gab es interne Diskussionen über die Wahlkampfstrategie: Hagel hatte sie Generalsekretär Vogt anvertraut, der erst seit 2021 im Landtag sitzt und noch keinen Wahlkampf geführt hat. Auf den Großplakaten, die Hagel bekannter machen sollen, wirkt der CDU-Politiker perfekt gestylt, aber menschlich eher unnahbar.

Natürlich wurde intern im Wahlkampfteam auch die Frage gestellt, warum das acht Jahre alte, von einer grünen Bundestagsabgeordneten gepostete Videointerview, in dem Hagel die braunen Haare und „rehbraunen“ Augen einer Realschülerin hervorhebt, im vergangenen Sommer nicht identifiziert worden war, als man alle möglichen Internetmedien nach negativem Material durchsuchte. Das tun alle Parteien vor Wahlkämpfen.

Entweder erkannte man die Brisanz nicht oder das Video wurde übersehen. Ein Mitglied des Wahlkampfteams sagte der F.A.Z.: „Die Siegesgewissheit war groß, es wurde nur noch über die Höhe des Siegs geredet.“ Generalsekretär Vogt hatte in einem Interview im Dezember das Ziel ausgegeben, alle 70 Wahlkreise direkt zu gewinnen.

Selten zuvor konnte in der baden-württembergischen CDU ein Politiker so schnell und mit Rückhalt der gesamten Partei aufsteigen, wie es Manuel Hagel gelang. 1988 wird er in Ehingen geboren, der Vater ist Polizist, die Mutter Arzthelferin. Nach dem Realschulabschluss macht Hagel eine Ausbildung zum Bankkaufmann und bildet sich an der Frankfurt School of Finance & Management zum diplomierten Bankbetriebswirt weiter. 2006 tritt er der Jungen Union bei.

2014 erreicht Hagel den vorläufigen Höhepunkt seiner beruflichen Karriere: Er wird Filialleiter der Kreissparkasse in Ehingen. Inzwischen ist er verheiratet und Vater von drei Söhnen, seine Frau Franziska führt ein kleines Hotel.

Sein Netzwerk hat er schon in der Jungen Union geknüpft

In seiner Zeit als Sparkassenleiter fällt Hagel den Entschluss, Berufspolitiker zu werden. 2016 wird er mit 36 Prozent direkt in den Landtag gewählt, das beste Ergebnis eines CDU-Abgeordneten in Baden-Württemberg. Auf Landesebene verliert die CDU die Wahl damals allerdings mit 27 Prozent.

Wer in der Jungen Union groß wird, bereitet seine politische Karriere in der Regel nicht ohne Netz und doppelten Boden vor. 2016 ist auch das Jahr, in dem Thomas Strobl aus dem Bundestag nach Stuttgart wechselt, um seine Partei vor Daueropposition sowie Bedeutungslosigkeit zu retten und eine grün-schwarze Koalition zu bilden. Hagel gehört zu denen, die sich Gedanken über die Zukunft des zweitgrößten christdemokratischen Landesverbands machen. Die Personaldecke ist dünn.

In der Jungen Union hat er sich mit Nachwuchspolitikern angefreundet, von denen die meisten aus dem Bezirksverband Nordbaden stammen und nicht aus seinem eigenen Verband Württemberg-Hohenzollern. Es sind das heutige Bundesvorstandsmitglied Bastian Schneider, der ehemalige Bundestagsabgeordnete Moritz Oppelt, der Astrophysiker und heutige SAP-Manager Erik Bertram und die Juristin Anna Maria Ostermeier. Fast alle kennen sich vom Studium in Heidelberg.

Auch Fraktionsgeschäftsführer Mischa Waldherr gehört zu Hagels engstem Kreis. Hagels Chef des Planungsstabs in der Landtagsfraktion ist der Politikwissenschaftler Mark Fraschka. Er und Bastian Schneider sind die strategischen Denker der Heidelberger Gruppe. Schneider entwarf für Thorsten Frei die Flüchtlingskonzeption, die eine Unterbringung von Asylbewerbern in Drittstaaten vorsah: „Die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland und Europa muss die absolute Ausnahme sein“, heißt es darin.

Strenge Loyalitätsvorstellungen und eine „Boy Group“ aus Heidelberg

Hagels Vorstellungen von Vertrauen, Loyalität und Kontrolle sind sehr streng. Deshalb sind im Falle eines Wahlsiegs fast alle aus dieser Heidelberger Gruppe für wichtige Funktionen vorgesehen: Oppelt könnte Finanzminister werden, Schneider Landesgeneralsekretär, Vogt Fraktionsvorsitzender und Waldherr könnte die Staatskanzlei leiten. Es ist ein sehr kleiner und enger Kreis. Aus Gründen der Diskretion gibt es offenbar nicht einmal eine Whatsapp-Gruppe, man trifft sich lieber persönlich.

Die Gruppe plante schon vor zehn Jahren für die Zeit nach Kanzlerin Angela Merkel – und letztlich auch für die Zeit nach Merz. In der CDU reden vor allem die Frauen von einer „Boy Group“. Die Heidelberger wünschen sich eine Deutschland-Koalition mit SPD und FDP, um mehr konservative Inhalte durchsetzen zu können und die Grünen dauerhaft zu schwächen. In der Bundes-CDU sieht Hagel für sich, falls er die Wahl gewinnt, eher eine Lücke rechts vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst.

Wer der Frage nachgeht, warum Hagel 2016 Generalsekretär wurde, stößt auf diese einflussreiche Gruppe und hört zwei Varianten: Thomas Strobl erzählt gern, dass er Hagel als junges Talent entdeckt habe. Die andere Erzählung lautet, dass in der Partei große Unruhe über die Koalition mit den Grünen herrschte und ein Deal zwischen Strobl und der Jungen Union geschlossen wurde: Wenn Hagel Generalsekretär wird und dafür sorgt, dass die Zugeständnisse an die Grünen nicht zu groß werden, hält sich die Junge Union mit Kritik zurück.

Manuel Hagel beim Deutschlandtag der Jungen UnionPicture Alliance

Innerparteilich machte der damals noch sehr junge Hagel vieles richtig. Er nutzte sein darstellerisches Talent. Und er erkannte die Sehnsucht der Partei in den letzten Merkel-Jahren nach mehr Konservatismus. Den Merz-Ultras schloss er sich dennoch nie an, weil er an sich und seine Generation glaubte. Deshalb ist das Verhältnis zum Bundeskanzler heute nicht sonderlich herzlich.

Trotz seines Erfolgs hatte Hagel dasselbe Problem wie viele junge Nachwuchspolitiker: zwar ein volles Adressbuch, doch es fehlten Inhalte und eine überzeugende Erzählung über seine Person. Inhalte hat er sich erarbeitet, im Wahlkampf zündete Hagel ein Feuerwerk von Vorschlägen zur Zukunft seines Landes: Er will eine zehnte Landesuniversität für Künstliche Intelligenz gründen, er rief eine Wachstumsallianz aus und will eine „Arbeitsplatz-Taskforce“ einrichten.

Das letzte Kindergarten-Jahr soll kostenlos werden und es sollen Sonderwirtschaftszonen eingerichtet werden. Außerdem soll der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld künftig über die Wirtschaftslage berichten.

Zwar gehörte Feld auch mal zu den Beratern des grünen Ministerpräsidenten, Sonderwirtschaftszonen sind schon möglich und andere Länder haben damit nicht nur gute Erfahrungen gemacht – aber Hagel will einen Neuanfang verkörpern, will für einen Aufbruch stehen. Hierfür fehlt aber eine Wechselstimmung im Land und auch eine alternative Koalitionsoption.

Was die Story über sein eigenes Leben anging, entschied sich Hagel für die Geschichte vom oberschwäbischen Jungen aus einfachen Verhältnissen: katholisch, familienorientiert, Jäger, naturliebend. Er wollte eine Art moderner Erwin Teufel sein, der von 1991 bis 2005 sehr erfolgreich Baden-Württemberg regierte.

Zu perfekt, um wahr zu sein?

Hagel zeichnet ein so perfektes Bild von sich, wie ein Leben es kaum sein kann. Deshalb passierte es ihm immer wieder, dass er manches überzeichnete und man anderes nicht erfuhr – etwa, dass Hagel nicht direkt in einem bäuerlichen Umfeld aufgewachsen ist und nicht so tief in der katholischen Kirche verwurzelt war, wie er vorgab, auch wenn er sich 2021 als Einzelperson für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken beworben hatte.

Zu seinem Berufsabschluss gab es eine Ungenauigkeit in einem Flyer. Hagel sprach auch im Dezember in einer Rede von einem Treffen mit Gerhard Schröder, das „vor ein paar Wochen“ stattgefunden haben sollte, an Details konnte er sich dann nicht erinnern. Aus seinem Kalender ließ sich der Zeitpunkt des Treffens nicht rekonstruieren.

Die Urteile über Manuel Hagel gehen weit auseinander: Die einen loben seinen ungeheuren Fleiß, sein Machtbewusstsein und, wie es in der Politik immer heißt, seine „sehr steile Lernkurve“. Die anderen vermissen an ihm den Mut, schnell und entschlossen zu entscheiden. Strobl wurde, als es im Jahr 2023 um die Übergabe des Landesvorsitzes ging, vom Übervater zum Konkurrenten. Dennoch sagt er über Hagel: „Er ist ein schnell lernendes System, das meine ich durchaus positiv. Er ist fleißig, ambitioniert, und er ist ein politisches Talent.“

Anfang Januar gab es in der Stuttgarter Thalia-Buchhandlung einen typischen Hagel-Wahlkampftermin: Der CDU-Spitzenkandidat trägt ein graues Sakko und einen Rollkragenpullover und präsentiert einen Sammelband mit Beiträgen von 75 Autoren zum 75. Geburtstag des Landes – der allerdings erst 2027 ansteht. Der Band soll Hagels intellektuelle Autorität stärken.

Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller ist gekommen. Sie sagt, normalerweise beteilige sie sich nicht an solchen Sammelbänden, aber nun gehe es um Loyalität. Im Interview mit der F.A.Z. sprach sie sich Wochen später für Hagel als Ministerpräsident aus und vertrat zugleich die Auffassung, dass es wohl wieder eine Koalition mit den Grünen geben werde und Özdemir auch zum Land passe.

Welcher Ministerpräsident dann die Rede zum Landesjubiläum halten wird – Hagel oder Özdemir – entscheidet sich in drei Tagen. Die CDU wirbt jetzt um die Stimmen von AfD-Wählern und plakatiert: „Wer blau wählt, wird grün geführt. Beide Stimmen CDU.“ Das ist ein Experiment, denn die AfD-Wähler wollen vieles, nur keine Koalition mit den Grünen. Für Hagel dürfte es also ein knappes Rennen werden.

Source: faz.net