Manfred Pfisters „Englische Renaissance“: „Ich betrachte die Welt qua Ort, jener sich zum Sterben schickt“

Von einer „Englischen Renaissance“ zu reden ist nicht selbstverständlich. Lange Zeit wurde die Periode zwischen dem frühen sechzehnten und der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts eher als Abfolge der Tudor-Dynastie, des „Elisabethanischen Zeitalters“, des „Jakobäischen Englands“ und des Bürgerkriegs angesehen, als dass man ihr einen einheitlichen Titel gegeben hätte. Aber als Epoche großer Literatur und Wissenschaft – ist es da nicht sinnvoll, den für Italien geläufigen Titel der Renaissance auch auf England zu übertragen?

Manfred Pfister, der eminente Anglist und Übersetzer, stellt in seinem opulenten Folioband die ganze Bandbreite der Schriftproduktion von mehr als hundertfünfzig Jahren vor: nicht nur Auszüge aus den Werken von Shakespeare (in den Übertragungen von Frank Günther), Thomas More, John Milton, Edmund Spenser, Francis Bacon oder John Donne, sondern auch von vielen Dutzenden anderer, weit weniger bekannter Autoren.

„Wie eine Leichenhalle seltsamer Gebeine“

Der Weg, den das Buch nimmt, ist nicht chronologisch, sondern richtet sich nach siebenundzwanzig Sachgruppen. Darunter sind Lebensbereiche wie „Arbeitswelten“, „Krankheit“, „Schule“ und „Theater“, aber auch speziellere Themen wie die „radikalen Nonkonformisten“, die mythischen Anfänge Englands in der Historiographie oder die Neue Wissenschaft.

Manfred Pfister: „Englische Renaissance“.Galiani

So staunt man über die kräftige, ja derbe Sprache des Geistlichen John Earle, der in seiner „Microcosmographie“ den Typus des Antiquars karikiert: Er entreiße der Zeit lauter Dinge, „die faulen und stinken“, und leide an einer Liebe zu Runzeln. „Sein Zimmer ist gewöhnlich behängt mit fremdartigen Tierhäuten und wirkt wie eine Leichenhalle seltsamer Gebeine, und seine Reden darüber dauern länger, als es dir lieb sein kann.“

In der Übersetzung Pfisters wird auch der kolloquiale Ton eines Giovanni Florio hörbar, wenn er sich in der Widmungsvorrede zu seiner Montaigne-Übersetzung beschwert: „Soll ich Übersetzen entschuldigen? Mein alter Kumpel Nolano (er meint Giordano Bruno) sagte mir doch, und hat dies auch öffentlich gelehrt, dass die Übersetzung die Quelle aller Wissenschaft ist.“ Überhaupt Montaigne: Immer wieder großartig ist es, in der „Religio Medici“ des extravaganten und so sympathischen Schriftsteller-Arztes Thomas Browne zu lesen, in der man auf jeder Seite die Geistesart Montaignes fassen zu können meint: „Was nun meinen Lebenslauf anbelangt, so ist er ein dreißigjähriges Wunder; wollte ich ihn beschreiben, so wäre es keine Chronik, sondern ein Stück Poesie und würde gemeinen Ohren wie eine Fabel klingen. Denn ich betrachte die Welt nicht als Herberge, sondern als Hospital, als Ort, der sich nicht zum Leben, sondern zum Sterben schickt.“

Hochgezüchtete Manieren und schlechte Gewohnheiten

Auch Francis Bacon liebte diesen nachdenklich-skeptischen Ton, etwa in seinen Meditationen darüber, was Wahrheit ist – ein Thema, das noch heute manche Lektion bereithält: „Eine Beimischung von Lüge steigert eben immer das Vergnügen. Kann man daran zweifeln, dass, wenn man dem Menschen seine eitlen Fehleinschätzungen, trügerischen Hoffnungen und Wunschträume nimmt, nicht mehr in seinem armen Geist übrigbleibt als ein kümmerlich zusammengeschrumpfter Rest voller Melancholie und Gram, die ihm selber nur missfallen können?“

Daneben lassen sich aber auch zauberhafte Feendichtungen entdecken, verfasst mit Seitenblick auf den Hofstaat von Königin Elisabeth, voller Allegorien und subtiler Bilder und poetischer Visionen wie die Spensers vom „Garten des Adonis“. Man bekommt dadurch einen Eindruck von der höfischen Lebenswelt, mit ihren Stilisierungen, hochgezüchteten Manieren, schlechten Gewohnheiten – aber auch Fertigkeiten. Das Tabakrauchen ist mit einem „scharfen Gegenschuss“ gegen dieses Laster von der Hand König Jakobs I. repräsentiert, das Bogenschießen durch einen Traktat des Humanisten Roger Ascham.

Manchmal geht es um Musikinstrumente wie die omnipräsente Laute, zu deren mal heiterem, mal melancholischem Spiel Dichter wie Thomas Campion Verse geschrieben haben. Nicht zu vergessen feurige Liebeslyrik, etwa die Verse Andrew Marvells „an seine spröde Geliebte“. Das klingt dann so (in der Übertragung von Werner Vordtriede und Werner von Koppenfels): „Ergötzen wir uns jetzt und hier, / Dass wie verliebtes Raubgetier / Die Zeit wir schlingen, die uns bleibt, / Eh daß sie langsam uns zerreibt: / Ballen wir all die Kraft und all / Die Süße uns zu einem Ball / Der unsre Lust mit wilder Macht / Durchs Eisentor des Lebens jagt!“

Im Mittelalter empfand man intensiver

Das „jetzt und hier“, das es zu genießen gilt, ist auch deshalb so wertvoll, weil schon am nächsten Tag das Grauen Einzug halten kann. Es gibt nämlich auch viel Schreckliches im England der Frühen Neuzeit, wie sich beispielsweise an Thomas Dekkers Beschreibung der Pest in London im Jahr 1603 zeigt: „Zwing ein Echo Deines Stöhnens durch meinen hohlen Federkiel und gieße Deine klebrigen Tränen in meine Tinte, auf dass selbst Marmorbusen vor Schreck erbeben und eisenharte Herzen mitleidig schmelzen!“

Cromwell zerstört die Ordnung und fällt die „köngliche Eiche Britanniens“: Diese satirische Illustration aus dem Jahr 1649 brachte dem Zeichner eine Anklage wegen Hochverrat ein.Galiani

Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hat das Spätmittelalter einmal dadurch charakterisiert, dass dort alle Eindrücke, zwischen die Dramen von Geburt und Tod gespannt, intensiver waren als heute, die Farben greller, die Emotionen unmittelbarer. Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Leser dieser Anthologie. Zumindest ist die Wahl der Metaphern und der Themen, keineswegs nur bei Shakespeare, von einer Wucht und Aussagekraft, die die ganze Breite der Condition humaine erfasst.

Alle Texte sind von Pfister eingeleitet mit kleinen, eleganten biographischen Skizzen oder Überleitungen. Diese Kontextualisierungen sind auch nötig, denn vor allem bei den entlegeneren Autoren kann die Hilfestellung auf Aspekte in den Texten hinweisen, die man sonst leicht überlesen würde. So erfährt der Leser ganz nebenbei Details zu den Bauten des Globe Theatre, zu Pamphletkriegen, die das Schauspiel beständig begleiteten, oder zu den Anregungen, die noch der Romantiker Samuel Taylor Coleridge aus der (opiumbenebelten) Lektüre von Sir Walter Raleighs Beschreibung des Xanadu von Kubla Khan in seinem Weltbuch „Purchas his Pilgrimage“ erhielt. Pfister erzählt all diese Dinge in unaufgeregter, beiläufiger, aber kundiger Diktion.

Die Buchgestaltung des Galiani-Verlages ist, wie auch schon im Vorgängerband von Tobias Roth zur italienischen Renaissance, wieder großartig und liebevoll gemacht, ein Fest für die Augen, nicht nur mit Abbildungen, sondern auch mit typographischen Finessen unterschiedlichster Art nicht sparend, mit dem Wechsel von Rot und Schwarz etwa oder sich verjüngenden Zeilen. So umfassend hat man die englische Renaissance selten sehen können.

Manfred Pfister: „Englische Renaissance“. Ausgewählt, erläutert und mit gelegentlicher Übernahme von Freundesgaben übersetzt von Manfred Pfister. Galiani Verlag, Berlin 2025. 480 S., Abb., geb., 98,– €.

Source: faz.net