Mängel im Bildungssystem: Wie Schulen datengestützt besser werden sollen

Wann immer es Defizite im Schulsystem gibt, verweisen Bildungspolitiker auf die Notwendigkeit einer datengestützten Entwicklung. Sie ist fast zu einer Zauberformel geworden. Allerdings ist nicht immer klar, um welche Daten es geht. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) hat deshalb am Donnerstag in Berlin in einem Gutachten Empfehlungen für eine sinnvolle Strategie datengestützter Entwicklung und Steuerung von Schulen vorgestellt.

Die 16 Bildungsforscher der Kommission sind davon überzeugt, dass datengestützte Steuerung nur dann erfolgreich sein kann, wenn über verschiedene Ebenen und Funktionen hinweg klare Ziele definiert sind und die Datennutzung der unterschiedlichen Ebenen zu einer Gesamtstrategie verknüpft ist.

Lehrer erheben Daten, um eine diagnosegeleitete Lernförderung und Unterrichtsentwicklung voranzutreiben. Sie können die Ausgangslage ihrer Schüler, den Lernstand und die Lernentwicklung testen. Abschlussprüfungen und zentrale Lernstandserhebungen wie die Vergleichsarbeiten Vera 3 und Vera 8 haben neben den Abschlussprüfungen eine entscheidende Bedeutung. Sie zeigen den Lehrern, ob die in den Bildungsstandards definierten Fähigkeiten und Fertigkeiten (Kompetenzen) von ihren Schülern erreicht wurden.

Verbindliche Tests in den ersten drei Schuljahren

Zugleich sind sie dazu geeignet, die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen im Unterricht zu überprüfen. Diagnose und Förderung können in kürzeren Abständen verschränkt werden. Die Bildungsforscher der SWK verweisen allerdings darauf, dass die Vera-Vergleichsarbeiten allein nicht genügen und eigentlich zu spät kommen, um vor Übergängen und Abschlüssen noch rechtzeitig umzusteuern.

Sie fordern darum verbindliche Tests der Lernausgangslage in der ersten Klasse (StarS1) und im zweiten Schuljahr (StarS2). Vera 3 ist für das dritte Schuljahr ohnehin vorgesehen. Auch in der vierten Klasse muss aus Sicht der SWK überprüft werden, ob die Bildungsstandards für den Übergang in weiterführende Schulen wirklich erreicht wurden.

Auf der Ebene der Schule ist die Erfassung von Daten eng verknüpft mit der Schulentwicklung, also mit klassenübergreifenden Zielen, Fortbildungsbedarfen und dem Schulmanagement. Schulleiter sollten zentrale Lernstandserhebungen und Daten zur Verbesserung der Unterrichtsqualität nutzen, heißt es im SWK-Gutachten. Dazu gehört auch, dass sie konkrete Ziele definieren und Maßnahmen wie Fortbildungen und Erfolgsindikatoren dokumentieren.

Absentismus und Unterrichtsausfall schneller bemerken

Die Schulaufsichten wiederum brauchen Daten, um die Ergebnisse von Lernstandserhebungen, Abschlüssen, Übergängen, aber auch Daten zu Absentismus und Unterrichtsausfall zu bekommen. Im Idealfall böten die Daten eine Grundlage für Unterstützungsangebote für und Zielvereinbarungen mit Schulen.

Für Elterngespräche sind Daten deshalb sinnvoll, weil sie die Lernentwicklung eines Kindes dokumentieren. Die SWK verspricht sich davon intensivere Elternpartnerschaften mit Bildungseinrichtungen. Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf profitieren aus Sicht der SWK besonders von verlässlichen Erziehungs- und Bildungspartnerschaften, die nicht nur die Eltern einbeziehen, sondern auch andere pädagogische Fachkräfte wie Kinder- und Jugendhilfe sowie medizinisch-therapeutische Partner.

Vor allem in der frühkindlichen Bildung, wo die Datenerhebung entweder gar nicht oder noch wenig ausgeprägt ist, können Erzieher mithilfe von Daten gezielt intervenieren. Das gilt etwa dann, wenn ein Logopäde hinzugezogen werden sollte, weil ein Kind in der Laut- und Sprachentwicklung zurückliegt. Eine Gesamtstrategie zur Datenerhebung im frühkindlichen Bereich steht noch aus.

Alle zwei Jahre Daten aus zentralen Lernstandserhebungen

Die Bildungspolitiker schließlich brauchen Daten für die Systemsteuerung und einen institutionalisierten Austausch zwischen Politik und Wissenschaft. Eine Qualitätsverbesserung des Systems ist aus Sicht der Kommission aber nur dann sinnvoll, wenn die Datennutzung auf den verschiedenen Ebenen ineinandergreift. „Voraussetzungen einer effektiven Datennutzung sind ein kohärentes, auf die Bildungsstandards bezogenes Testsystem und wirksamkeitsgeprüfte Unterstützungsmaßnahmen wie Fördermaterialien und Fachberatungen, die insbesondere für Lehrkräfte und Schulleitungen niedrigschwellig zugänglich sind“, schreibt die SWK.

Für den Schulalltag bedeutet das, dass Lehrer mindestens alle zwei Jahre Daten aus zentralen Lernstandserhebungen bekommen könnten. Die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz und bayerische Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) sagte, es gehe darum, „von Daten zu Taten zu kommen“.

Die Ko-Vorsitzende der SWK, Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung Felicitas Thiel, verwies bei der Vorstellung des Gutachtens darauf, dass Daten nicht zur zusätzlichen Belastung für Lehrer werden dürften. „Datenrückmeldungen sollten sich deshalb am Grundsatz der Datensparsamkeit orientieren und sich auf wesentliche, aussagekräftige Daten beschränken.“ Der Ko-Vorsitzende der SWK und Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik Olaf Köller riet Bildungspolitikern dazu, nationale und internationale Schulleistungsstudien weiterzuentwickeln, um Ansatzpunkte für Reformprogramme und länderübergreifende Maßnahmen zu identifizieren.

Source: faz.net