1. Man liest sich fest: „Trümmertänze. Deutschland 1946 -1955“
Auf den ersten Blick wirkt Trümmertänze wie eine Doublette zu Harald Jähners Wolfszeit, auf den zweiten wie ein sprödes Imitat zu Florian Illies. Auf den dritten liest man sich dennoch fest, weil es die deutschen Jahre von 1946 bis 1955 mit viel überraschendem Material zu einem ansehnlichen Patchwork aus Politik- und Wirtschaftsteil, Feuilleton und Vermischtem vernäht. Beispiele à la Bibelstechen: Günter Eich, der vor 1945 durch Opportunismus üppig lebte, ist 1948 bitter auf Unterstützung angewiesen; Elisabeth Langgässer lässt ihm freundliche Worte zukommen, obwohl sie seine Gedichte nicht mag. Sie hält eine Begrüßungsrede für Sartre und de Beauvoir in Berlin, lobt den Existenzialismus, während sie als Katholikin deren Atheismus verabscheut.
Auch Ethnologisches vermeldet er: „Die Bayern trinken wie früher, während die Hessen so widerlich wie immer sind.“ Südhessen natürlich! Im Osten wird volksenteignet. Die Tanzschule von Gret Palucca gehört nun dem Staat, bei dem sie sich bitter über Mangel an Brennholz beschwert.
2. Anekdotenreicher Überblick: „Schlagworte, die Geschichte machten“
Zu den Trümmerjahrengehörte die Parole von der „Stunde Null“. Ebenso unzutreffend wie wirksam, mit „historischem Langzeitecho“. Eine Woche nach der Kapitulation meldete die von den Russen herausgegebene Tägliche Rundschau „Wiederherstellung des normalen Lebens in Berlin“. So war das Gefühl der „Stunde Null“ denn auch keins der gründlichen Ab- und Umkehr vom Davor, sondern das neuerlicher Normalität.
Bruno Preisendörfer erzählt von Vorgeschichte, Kontext und Folgen, wie er folgend die einschlägigen Schlagworte in ihren Zusammenhängen rekapituliert, die vielversprechenden wie die sprücheklopfenden, mythische wie peinliche. Entlang an Erhards Wohlstand für alle, Kennedy als Berliner, Brandts mehr gewagte Demokratie, über die Grenzen des Wachstums und Kultur für alle, die Mauer, die noch in hundert Jahren steht, zu den blühenden Landschaften und der sicheren Rente, dem zu Deutschland gehörenden Islam und was „Wir schaffen das“ dem Land draufschaffte, ergibt das eine anekdotenreiche Geschichte des Landes.
3. Stinkefinger fürs Klima: „Yacht oder nicht Yacht“
Heinrich Heine schrieb, der junge Schweinehirt träumt davon, als Reicher die Schweine vom Pferd aus zu hüten. Das trifft so ziemlich, wie die Superreichen sich gerieren, ihre Gehäuse, Geräte und Geschmack. Das Gute an ihnen: Sie bleiben damit weitgehend unter sich. Das Schlechte: Sie zerstören die Demokratie, um unter sich bleiben zu können. Man darf daher nicht nur ihre Yachten als „Schreine überschüssigen Kapitals“ bejammern, weil sie Stinkefinger fürs Klima sind.
Denn so dezent sie ihren Reichtum nach außen abschirmen, so sehr setzen sie ihn ein, um zum Beispiel ihre Schweinehirtenträume vom exklusiven Ritt ins All zu realisieren. Sie haben sich in den USA einen Präsidenten gekauft, der sie zu seiner Amtseinführung um sich sammelte wie gefakte Golftrophäen – sowie 13 von ihnen in seine Regierungsmannschaft aufnahm. Ein plutokratisches Geben und Nehmen, bei dem Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stören und verschwinden sollen. Immerhin: Ihre Yachten beziehen sie aus dem alten Europa. Evan Osnos beginnt bei seinen hier und mit einem Update zu Grégory Salles Superyachten (Suhrkamp 2022), ergänzt um gemietete Superstars. Danach geht es elegant geschrieben, aber ernster weiter, nämlich wie die Methoden ihrer Kapitalvermehrung zwischen Wirtschaftskriminalität, Staatserpressung und -plünderung funktionieren und welche Folgen sie haben.
4. Fast ein Handbuch: „Der Kapitalismus und seine Kritiker“
Das wirkt arg unverschämt: 800 Seiten in ein paar Sätzen abzufertigen, zumal auf der Basis stochastischer Lektüre. Indes – John Cassidys Buch ist eine erstaunliche Parallelaktion zu Sven Beckerts Ziegel über den Kapitalismus, der hier im Freitag zurecht gerühmt wurde. Er beginnt bei der Ostindienkompanie und geht ähnlich den Krisen und Schüben bis zur Jüngstzeit entlang. Hingegen konzentriert er sich auf die Kritiker. So erhält man Konzentrate ihrer Einsichten und Theorien. Fast ein Handbuch: Marx/Engels sowieso, dazu Luxemburg bis Piketty. Aber auch andere wichtige, wie Veblen, der mit dem „Geltungskonsum“, oder Kondratjew, der mit den Zyklen, bis hin zu Globalisierungsanalysten wie Amin oder Stiglitz.
5. Zum Frühstück Blues: „Miles Davis. Sound eines Lebens“
In subtiler Kennerschaftdes sich vielfach gehäutet habenden Werks und offenbar in Kenntnis der immensen Literatur über ihn, geht Stefan Hentz Miles Davis und dem „so starken und zerbrechlichen Sound seiner Trompete“ nach. Da der, geboren im Mai vor einem Jahrhundert, seit seinem 13. Lebensjahr auftrat und in seinem 30. mit so ziemlich allem, was bis heute im Jazz Rang und Namen hat, zusammenarbeitete, bis zu seinem Tod 1991 auch noch mit den Größen des Pop, ist das zugleich eine Geschichte von Jazz und Pop.
Vor allem aber die eines Menschen, der sich jedem Klischee widersetzte. Als ein weißer Lehrer sagte, Schwarze hätten den Blues erfunden, weil sie arme Baumwollpflücker waren, meldete er sich: Sein Vater sei ein reicher Zahnarzt, der nie Baumwolle gepflückt habe, und er habe auch nicht zum Frühstück Blues gespielt. „There’s more to it than that.“ Auch bei ihm war mehr dahinter. Später gefragt, was er am dringlichsten wünsche, sagte er sarkastisch: „To be white.“ Bedrängt vom Klischee, zerlegte und überwand er es, sozial wie musikalisch. Gleitend zwischen Askese und Drogenexzess, Nüchternheit und Verausgabung, zwischen Bebop und Pop. Wahrhaft cool – souverän darin, sich durch nichts und niemand beherrschen zu lassen.
Trümmertänze. Deutschland 1946 – 1955 Dietmar Pieper Piper 2026, 399 S., 24 €
Schlagworte, die Geschichte machten. Wie Parolen von „Stunde Null“ bis „Wir schaffen das“ Deutschland veränderten Bruno Preisendörfer Galiani 2026, 432 S., 28 €
Yacht oder nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen Evan Osnos Andreas Wirthensohn (Übers.), C. H. Beck 2026, 315 S., 20 €
Der Kapitalismus und seine Kritiker. Eine Geschichte von der industriellen Revolution bis zur künstlichen Intelligenz John Cassidy Propyläen 2026, 807 S., 39 €
Miles Davis. Sound eines LebensStefan Hentz Reclam 2026, 383 S., 32 €