M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Bratwürste futtern, solange bis welcher Darm platzt: Wie Politiker um jede Stimme ringen


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Im Superwahljahr fühlt unser Kolumnist mit Landesfürsten, die fürs politische Überleben alles tun: Mundart brabbeln, Bratwurst mampfen, Elfmeter verschießen.

Es ist auch mal schön, wenn nur die anderen die Hosen voll haben. Als Vertreter einer größeren oder kleineren Traditionspartei befindet man sich dieser Tage in einem unaufhörlichen Erregungszustand. Gerade ist die eine Landtagswahl vorbei, da wartet schon die nächste, oder um es mit Sepp Herberger zu sagen: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Fußballvergleiche sind in der Politik immer ganz wichtig.

Verschreckt wie Pudel, wenn’s donnert, wartet das politische Spitzenpersonal auf den nächsten (Toten-)Sonntag, an dem man sich ab 18 Uhr zu dem verhalten darf, was die ersten Hochrechnungen so ausspucken. Im Schatten der Balkendiagramme verfinstern sich die Mienen, auf Wahlpartys in Parteizentralen spielt der DJ „I Will Survive“, nur der Mann von der SPD hat’s leicht: Den stets zutreffenden Standardtext „Für uns ist das ein ganz bitterer Abend“, den haben die Genossen mittlerweile alle drauf.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host („Apokalypse und Filterkaffee“), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

In Rheinland-Pfalz dürfen die Sozialdemokraten darauf hoffen, ihre Bastion zu halten und weiterhin den Landesvater zu stellen; bis dahin umfährt der Konkurrent von der CDU weiträumig sämtliche Schulen und Klassenräume. Fast ein bisschen schade, dass Mundart im rheinland-pfälzischen Wahlkampf weniger ein Faktor zu sein scheint als eben noch in Baddäwüttmbörrg. Hätten die Dilalektpornografen Hagel und Özdemir noch eine Woche länger machen dürfen, sie hätten beide geklungen wie südkoreanische Muttersprachler.

Klar, der Akzent signalisiert Volksnähe, darum geht’s. Die Leut’ sollen spüren, dass man einer von ihnen ist. Deswegen werden in Kleingärten wie blöd Bratwürste gefressen, bis nicht nur der Darm des Grillguts platzt. Auf Kreisligarasen hält der Kandidat einen Ball hoch oder schießt pressewirksam einen Elfmeter. Es sei denn, man macht es wie Edmund Stoiber, der einst auf einem Dorfplatz antrat, am Tor vorbei und einer herumstehenden Oma direkt auf die Nase schoss.

Während regionale Authentizitätsarbeiter sich förmlich wundmenscheln, blicken ihre Parteifreunde im Bund sorgenvoll auf das zu erwartende Ergebnis. Gewinnt der eine Teil der Regierung auf Landesebene, wird es danach deutlich unbequemer mit dem Koalitionspartner. Gewinnt der andere, dann erst recht. Da, wo Volksparteien in eine Art politische Armutskonkurrenz treten, ist gönnerhaftes Durchregieren schwierig.

Veränderungen? Ja, klar! Aber bitte nicht jetzt!

Schlimmer noch: Da alle paar Wochen der große Stimmungstest ansteht, will man diese Präsentation der Quartalszahlen durch allzu große Reformanstrengungen auch nicht versauen. Da wird die Pausentaste gedrückt, um die Leute mit Politik nicht weiter zu behelligen. „Veränderungen? Ja, klar! Aber bitte nicht jetzt!“ Und irgendwie hilft sowieso alles der AfD. 2026 können wir Reformfreunde uns schon mal getrost schenken.

Kluge Leute, aber auch ich, würden gern alle Landtagswahlen kollektiv auf einen Tag in der Mitte der Legislatur legen, dann hamwers weg, und alle können von den Ergebnissen erfrischt zielführend weiterarbeiten. Deutsche Midterms. Die Idee ist so gut, dass sie sich nie durchsetzen wird.

Freuen wir uns also auf Schröder-Epigonen mit Grillzange, auf radikale Hochdeutschvermeidung und besorgte Statements an Zapfsäulen. Auf die Bundespartei, die den Sieg im Land für sich reklamiert wie einst Milli Vanilli den Grammy. Und bei all dem Wahnsinn, aller Unberechenbarkeit können wir uns nur auf eine Sache verlassen: Für die SPD wird es „ein ganz bitterer Abend“ gewesen sein.

Source: stern.de