Der Luxusautohersteller Rolls-Royce macht wie andere Autokonzerne einen Rückzieher und kippt sein früheres ambitioniertes Ziel für eine komplette Elektrifizierung. Ursprünglich hatte die britische BMW-Tochtergesellschaft geplant, in gut vier Jahren nur noch vollelektrische Autos zu produzieren. Ende 2030 sollte Rolls-Royce ein reiner E-Auto-Hersteller werden, hatte der frühere Chef, der Deutsche Torsten Müller-Ötvös, beschlossen. Die legendären Zwölfzylindermotoren sollten nicht mehr gebaut werden.
Dieses Ziel hat der Vorstandschef Chris Brownridge nun über Bord geworfen. Einige Kunden forderten einfach Verbrennermotoren, sagte er. „Für jeden Kunden, der Elektrofahrzeuge liebt, gibt es einen, der sie nicht mag.“ Rolls-Royce werde das herstellen, was die Kunden wollten. Grund für die geänderten Pläne zur Elektrifizierung der Modellpalette sei auch die gelockerte Gesetzgebung. Brownridge sagte nun, der V12-Motor gehöre zur Geschichte und zur Marke dazu, er werde auch weiter gebaut.
Rolls-Royce verkauft im Jahr etwa 5600 Luxusfahrzeuge zum durchschnittlichen Preis von fast einer halben Million Euro. Seit vier Jahren haben die Briten ein zweitüriges Elektro-Coupé im Angebot, das fast drei Tonnen schwere Modell Spectre. Brownridge wollte nicht verraten, wie viele Elektro-Wagen das Unternehmen verkauft hat. Der frühere Chef Müller-Ötvös hatte 2022 angekündigt, die Elektro-Verkaufsquote werde mit Spectre bald 20 Prozent betragen und schon 2028 auf 70 Prozent steigen. Offenbar sind diese Ziele aber außer Reichweite für die BMW-Tochtermarke. Der Luxusautobauer mit der „Spirit of Ecstasy“-Kühlerfigur existiert seit 120 Jahren. Seit 2000 gehört die Marke aus dem südenglischen Goodwood dem Münchner Automobilkonzern BMW.Der Luxushersteller produziert vorrangig die Modelle Phantom, Ghost und das SUV Cullinan – Letzteres wird am meisten verkauft.
Auch Lamborghini, Aston Martin und McLaren nehmen Abstand
Mit der Abkehr von der Alles-Elektro-Strategie folgt Rolls-Royce anderen Herstellern, die sich von hochfliegenden Elektro-Plänen verabschiedet haben. Der Luxus-Konkurrent Bentley wollte ursprünglich fünf vollelektrische Modelle entwickeln, nun soll nächstes Jahr nur noch ein reiner Elektro-Bentley kommen.
Unter den Sport- und Rennwagenherstellern haben einige ebenfalls Abstand genommen von Elektrifizierungsplänen. Ferrari bereitet zwar die Premiere des Elektro-Modells Luce im Mai vor, das gegen Jahresende in den Handel kommen soll. Doch Lamborghini hat die Pläne für den elektrischen Lanzador gestoppt. Laut Konzernchef Stephan Winkelmann liegt das Interesse der Kunden „bei nahezu null“. Die Entwicklung eines reinen Elektro-Lamborghini wurde als „teures Hobby“ ohne ausreichende Renditechancen eingestuft.
Der angeschlagene britische Sportwagenhersteller Aston Martin hatte ursprünglich schon 2025 ein erstes vollelektrisches Modell geplant, doch wurde es mehrfach verschoben. Vorstandschef Adrian Hallmark peilt den Start nun frühestens 2030 an. Die Markteinführung wird vermutlich ins nächste Jahrzehnt verschoben. „Wir glauben nicht, dass unsere Kunden diese Technologie derzeit wollen“, sagte Hallmark jüngst. Auch die Sportwagen- und Rennwagenschmiede McLaren hat keine schnellen vollelektrischen Ambitionen. Vorstandschef Nick Collins sagte, man habe es damit „nicht eilig“.
Porsche-Vorstandschef Michael Leiters, der zuvor McLaren führte, hat mehrfach betont, dass die heutig verfügbare Batterietechnologie für einen echten Supersportwagen noch zu schwer sei. Porsche hat seine Pläne für einen großen vollelektrischen Sportgeländewagen oberhalb von Cayenne, das „Projekt K1“, modifiziert. Genau wie die Cayman- und Boxster-Nachfolger soll das Modell wohl nicht rein elektrisch, sondern als Plug-in-Hybrid kommen. Als reine E-Autos produziert der Zuffenhausener Sportwagenhersteller den Taycan und das SUV Macan.
Jaguar Land Rover hat seine ältere ehrgeizigen Elektrostrategie verwässert. 2021 vorgestellte Pläne des damaligen Konzernchefs Thierry Bolloré sahen vor, nach 2025 die Benzin- und Diesel-Modelle nicht mehr zu produzieren. Davon ist der zum indischen Tata-Konzern gehörende größte britische Autohersteller längst abgerückt. Aber er bleibt bei seinem Ziel, 2030 von allen Modellen ein reines Elektromodell anzubieten.