Die Deutsche Börse entscheidet am kommenden Mittwoch über die neue Dax-Zusammensetzung. Das Regelwerk ist mittlerweile so präzise, dass es kaum Entscheidungsspielraum gibt. Doch dieses Mal könnte es trotz aller Regelklarheit zu einem Zittern bis zum letzten Moment kommen. Klar ist, dass die Lufthansa der eindeutig stärkste M-Dax-Wert ist, der für einen Dax-Aufstieg infrage kommt. Relativ sicher ist auch, dass Zalando knapp hinter Scout24 der kleinste Dax-Wert ist und damit dem Abstieg nahe ist. Entscheidend ist aber die Rangliste der Börse, in die bis Freitagabend noch die Aktienkurse der Unternehmen einfließen.
Auf der Rangliste kommt sicher in den Dax, wessen frei handelbare Aktien im Börsenwert zu den größten 33 Titeln am deutschen Aktienmarkt gehören. Wäre Anfang Februar entschieden worden, hätte die Lufthansa die Rückkehr nach fast sechs Jahren Abstinenz in den Dax geschafft. Sie lag auf der Januar-Rangliste auf Rang 32. Die Börse entscheidet aber nur Anfang März und Anfang September regulär über die Dax-Zusammensetzung. Und seither haben der Lufthansa-Pilotenstreik am 12. Februar und die Androhung weiterer Streiks den Anlegern ein altes Problem der Lufthansa wieder in Erinnerung gebracht.
Lufthansa fällt nach Streik zurück
„Der Streik hat das positive Sentiment für die Lufthansa zerstört“, sagt Indexfachmann Achim Matzke von Matzke Research. Bis zum Streik sah er die Lufthansa noch mindestens auf Rang 33 der Dax-Rangliste, danach nicht mehr. „Das Rennen ist knapp, aber es sieht so aus, dass Gea und Beiersdorf vorbeigezogen sind und die Lufthansa am Ende auf Platz 34 landet“, sagt Matzke.
Neben den Kursveränderungen ist eine weitere Unsicherheit, auf welchen Wert genau die Börsen-Indexgesellschaft Stoxx den Free-Float-Faktor der Unternehmen beziffert. Denn alle Aktien im Festbesitz werden für die Dax-Mitgliedschaft ignoriert, also zum Beispiel die Aktienpakete der SAP-Gründer, der Staatsanteil an der Telekom oder die großen Anteile von Volkswagen an Porsche. Ginge es nach dem Börsenwert insgesamt, müsste ein Unternehmen wie Hochtief mit mehr als 30 Milliarden Euro Börsenwert längst im Dax sein. Doch die 78 Prozent der Aktien, die dem vom Real-Madrid-Präsidenten geführten Großaktionär und spanischen Baukonzern ACS gehören, zählen gemäß der Definition der Deutschen Börse nicht mit.
Zalando-Kursschwäche gefährdet Dax-Mitgliedschaft
Verpasst die Lufthansa Rang 33, bleibt ihr der Aufstieg nach der Regel „Fast Entry“ verwehrt. Locker schaffen wird sie aber das Kriterium „Regular Entry“. Dazu ist Rang 40 oder besser nötig, und den schafft sie ebenso wie die Nicht-Dax-Werte Hochtief und Knorr-Bremse. Der „Regular Entry“ hat aber eine Nebenbedingung. Auf diesem Wege gelangen Unternehmen nur in den Dax, sofern es einen Dax-Wert gibt, der auf Platz 48 oder schlechter zurückgefallen ist auf der Rangliste. Zwar finden sich im Dax eigentlich die größten 40 Werte nach Börsenwert (der frei handelbaren Aktien). Um die Zahl der Indexwechsel zu begrenzen und eine gewisse Indexkontinuität zu gewährleisten, fällt aber nicht gleich jeder Dax-Wert aus dem Index, wenn er auf Rang 41 oder 42 zurücksinkt. Ginge es danach, müssten neben Zalando auch Scout24 und die Porsche Holding den Index wieder verlassen, und neben Lufthansa kämen Hochtief und Knorr-Bremse in den Dax. Talanx könnte eventuell auch noch Brenntag ersetzen.
Doch die Börsenregeln gewähren den Dax-Werten Luft bis Rang 47, den derzeit Scout24 gerade so hält, Zalando allerdings nicht. Sie liegen nach Matzkes Berechnungen derzeit auf Rang 49. Damit wäre ein Tausch Lufthansa gegen Zalando nach der „Regular Entry“-Regel möglich. Die Abstände sind jedoch so knapp, dass sich Zalando auch noch auf Rang 47 retten könnte. Dann gäbe es gar keinen Absteiger, und die Lufthansa müsste dann weiter im M-Dax verbleiben.
Nur Airbus überzeugt nach der Dax-Reform
Zalando wäre der vierte Absteiger aus der Riege der zehn neuen Werte, die von der Börse im Herbst 2021 aufgenommen wurden, als sie den Dax von 30 auf 40 Werte vergrößerte, um eine breitere Abdeckung der deutschen Wirtschaft zu ermöglichen. Es war ein schwieriger Zeitpunkt inmitten der Coronapandemie sowie kurz vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine und bei anschließender Rohstoffpreisinflation plus Zinswende. Hello Fresh war ein Jahr später der erste Absteiger in den M-Dax aus der Riege der zehn Neuen (mittlerweile sogar bis in den S-Dax durchgereicht). Puma folgte drei Monate später, und im Herbst 2025 erwischte es den Corona-Gewinner Sartorius. Zalando wäre der vierte. Mit Brenntag und der Porsche Holding schwächeln zwei weitere der damals Neuen.
Airbus ist der einzige von den zehn, der sich seither besser als der Dax entwickelt hat. Die Befürchtung, der M-Dax werde dadurch erheblich an Qualität verlieren, weil er seine zehn besten Werte abgeben müsse, hat sich damit nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, die Kursverluste mehrerer Aufsteiger gingen zulasten des Dax. Gleichwohl ist der Dax dem M-Dax seit der Zinswende 2022 weit enteilt. Der Fokus auf große Werte in unsicheren Zeiten spielt eine Rolle. Aber vor allem wohl der Aufschwung der ETF, die Titeln in von ETF stark gefragten Indizes wie Dax oder Euro Stoxx 50 eine hohe Aktiennachfrage zuführen, die im M-Dax fehlt.
Hochtief belebt den M-Dax, Teamviewer und Carl Zeiss Meditec vor dem Abstieg
Zuletzt haben sich aber der M-Dax und noch mehr der S-Dax belebt. Der stärkere Fokus auf die Binnenkonjunktur und Hoffnungen, diese möge sich beleben, helfen. Ein Bauwert wie Hochtief nutzt dem M-Dax sehr mit seiner Kursversechsfachung seit Herbst 2022.
Auch hier wird die Börse am Mittwoch die schwächsten Werte aus dem Index nehmen. Teamviewer und Carl Zeiss Meditec gelten als ziemlich sichere Absteiger und dürften durch Schaeffler und Deutz ersetzt werden. Auch Salzgitter haben sich gut entwickelt. Hier ist es aber ähnlich knapp wie beim Dax. „Fielmann steht genau auf der Grenze zum Abstieg“, hat Matzke berechnet. Im S-Dax sieht er PSI Software als Aufsteiger für Init.
Wirksam werden die neuen Index-Zusammensetzungen zum 23. März. Dann wird auch die Gewichtung in den Indizes angepasst. Anders als zuvor muss im Dax kein Wert gekappt werden. Mehr als 15 Prozent darf kein Einzelwert an Gewicht im Index haben. SAP kam mehrfach über die Grenze. Der Aktienkurs ist aber derart zurückgekommen, dass eine Kappung nicht mehr nötig ist und das Gewicht nur noch rund zehn Prozent beträgt.
Source: faz.net